Kinderhilfe Nepal e.V.


Rundbrief Dezember, 2025

Liebe Freunde,

Bis zum 9. September dieses Jahres verlief das politische Leben Nepals weitgehend wie gewohnt. Die meiste Nepalesen wählen kaum, da sie keinen Unterschied in der Wirkung der politischen Parteien auf ihr Leben erkennen können. Sie sind der Meinung, dass alle Politiker korrupt sind, und das Geld, das aus dem Ausland kommt, in die eigene Tasche stecken. Zwar wird gelegentlich gegen verschiedene Missstände demonstriert, doch beruhigt sich die Lage meist schnell wieder.

Am 8. September verkündete Premier Minister K.P.Sharma Oli, dass die Nutzung aller Sozialmedien wie X, Facebook, WhatsApp,Tik Tok und ähnlicher Plattformen ab sofort nicht mehr möglich sei, solange diese keine offizielle Anschrift und Vertretung in Kathmandu registrieren und keine Steuern zahlen würden. Am folgenden Morgen zogen Tausende junger Menschen in Schuluniformen in großen Demonstrationen in die Zentren nepalesischer Städte. Sie skandierten Parolen gegen die Korruption der Regierung und beklagten, dass nur Söhne und Töchter von reichen Familien im Ausland studieren und arbeiten dürften. Nach einer Ausbildung im vergleichsweise schlechten nepalesischen Schulsystem seien sie früh arbeitslos und hätten kaum Chancen auf eine hoffnungsvolle Zukunft.

Schließlich entschied sich die Armee, die Kontrolle über die Lage zu übernehmen. Premier Minister OLI wurde zum Rücktritt gezwungen und von der Armee in Sicherheit gebracht. Andere bedrohte Politiker suchten das Weite. Die Armee setzte das Land daraufhin eine Woche lang unter Ausnahmezustand. Ein General wurde zum Gesprächspartner der »Generation Z«. Als Premier Minister wollten die jungen Leute unbedingt den beliebten Bürgermeis¬ter Kathmandus, Balendra Shah. Er beruhigte sie und bat sie, zunächst Erfahrungen in der Landespolitik zu sammeln und bei den nächsten Wahlen loyale und rechtschaffene Menschen zu wählen, die ausschließlich das Wohl des Landes im Sinne haben.

Nepals ehemalige Chefin des obersten Gerichts, Frau Sussila Karki. die in Kathmandu jahrelang für ihre hohe Integrität bekannt war, nahm schließlich das Angebot der jungen Leute an, Interim-Premierministerin zu werden. Dies jedoch nur bis zu den neuen Wahlen, die am 5. März 2026 stattfinden sollen. An ihrem ersten Arbeitstag ließ Frau Karki die nepalesischen Menschenhändler verhaften, die gegen hohe Geldsummen Hunderten Frauen und Männern die illegale Einreise in Amerika ermöglicht hatten: Zurzeit landen regelmäßig viele Charterflüge aus den USA mit solchen Nepalesen, die zunächst von Donald Trump verhaftet und anschließend abgeschoben werden.

Die Kosten für den Wiederaufbau der zahlreichen zerstörten Gebäude belaufen sich auf mehrere Millionen Euro. Die große Frage bleibt: Wer hat diese eigentlich friedliche Demonstration infiltriert und Gewalt sowie Zerstörung so gut organisiert und finanziert? Wer trägt die Verantwortung für den Tod so vieler junger Menschen und mit welchem Ziel?

Frau Karki hat eine Untersuchung angeordnet, doch bei solchen unklaren Ereignissen zweifelt jeder in Nepal daran, dass die Wahrheit jemals ans Licht kommt. Die »Generation Z« steht hinter ähnlichen Protesten in ärmeren Ländern wie Bangladesh, Sri Lanka, Madagascar und sogar kürzlich in Moskau. Die Intellektuellen Nepals vermuten, dass all dies nur das Werk der CIA sein kann.

Nepal konnte sich nie selbst ernähren, und die meisten Güter werden importiert. Acht Tage lang durften die Läden in Kathmandu nur jeweils 2 Stunden morgens und abends öffnen, weshalb sie schnell leer waren. Niemand traute sich auf die Straße und auch die Menschen, die wir in den Slums betreuen, blieben in ihrer Hütte. Die Preise sind inzwischen so hoch, dass wir nicht mehr in der Lage sind, den teuren Milchbrei für die vielen Kinder im Thapathali Slum zu kaufen. Wir haben den 1500 Slumbewohnern die großen Wassertanks überlassen, doch sie müssen ab jetzt für das Trinkwasser selbst bezahlen. Sie bedankten sich lächelnd für die jahrelange Unterstützung. Die Nepalesen leben im Hier und Jetzt und sind zufrieden, wenn sie wissen, dass sie für den Tag genug zu essen haben. Morgen ist ein anderer Tag. Andererseits ist die Armut im Slum von Thapathali inzwischen nicht so extrem wie früher, weil fast jede Familie einen oder mehrere Angehörige hat, die in den USA, den Golfstaaten, Südkorea oder Australien arbeiten und Geld schicken.

Diesen Vorteil haben unsere Madhesi nicht, da alle Analphabeten sind und keinen Pass besitzen. Der Monsun hat auch dieses Jahr ihr Zeltlager weggeschwemmt und ihre wenigen Besitztümer zerstört. Solche Menschen dürfen nur an Flussufern lagern und müssen diese regelmäßigen Schicksalsschläge immer wieder hinnehmen. Sie stammen ursprünglich aus Südnepal an der indisch nepalesischen Grenze. Dort herrschen unerträgliche Hitze und strenge Vorschriften: Frauen dürfen nur vollständig verschleiert das Haus verlassen und müssen dabei von ihrem Ehemann oder Bruder begleitet werden. Für sie bedeutet das Leben in Kathmandu eine echte Befreiung. Dabei sind sie keine Moslems, sondern Hindus. In Kathmandu betteln sie um gebrauchte Kleidung, die sie zu Decken zusammennähen und anschließend verkaufen. Die Männer verrichten schwere körperliche Arbeiten und sortieren Müll. Die 40 Kinder erhalten weiterhin täglich unseren nahrhaften Milchbrei. Sie und ihre Eltern sind die Menschen, die in unserem Projekt am stärksten von Armut betroffen sind.

Unsere Maute-Menschen. die Madhesis, die wir seit Jahrzehnten betreuen, leben unter besseren Bedingungen in der kleinen Blechsiedlung Gattaghar, die über Toiletten und Trinkwasser verfügt. Sushma verbringt den ganzen Tag in dem Klassenzimmer, das wir dort eingerichtet haben. Morgens und abends unterstützt sie die schulpflichtigen Kinder bei den Hausaufgaben und bildet tagsüber die 50 jüngeren Kinder aus beiden Madhesi Siedlungen im Lesen und Schreiben. Die vier älteren Mädchen aus Gattagar besuchen abends eine Schneider- und Nähschule, damit sie später gemeinsam ein Nähgeschäft eröffnen können. Da wir unser Projekt in Kathmandu Ende 2026 beenden, sorgen wir bereits jetzt dafür, das Muna und Sushma genügend Geld erhalten, damit unsere Maute-Kinder in den kommenden Jahren ihr Abitur schaffen können.

Derzeit erholt sich Nepal von den dramatischen Ereignissen im September und bereitet sich auf die Neuwahlen am 5. März 2026. Die Nepalesen hoffen, dass sich die »Generation Z«, die sich inzwischen schon in 6 Gruppen aufgeteilt hat, stabilere politische Strukturen findet, damit zumindest die Korruption nach den Wahlen etwas zurückgeht. Wir danken Ihnen, die uns dieses Jahr treu unterstützt haben und hoffen, dass Sie uns bis zum Ende unseres Projektes Ende Dezember 2026 begleiten werden.

Wir wünschen Ihnen allen Frohe Weihnachten sowie ein gutes, gesundes und friedliches neues Jahr!

Ganz herzliche Grüße

Elisabeth Montet