Kinderhilfe Nepal e.V.


Rundbrief Dezember, 2021

Liebe Freunde,

erst nach anderthalb Jahren Corona Pause wurde der Flughafen Kathmandus im letzten September für den Flugverkehr wieder geöffnet. Dem ausländischen Besucher fiel auf den ersten Blick nichts Besonderes auf: Alle Nepalesen waren wie jedes Jahr ausschließlich mit der Vorbereitung des religiösen Dashain Fest beschäftigt Die Tradition will, dass jeder dann in sein Geburtsdorf fährt, um von den Eltern und den Ältesten gesegnet zu werden.

Die Feierlichkeiten enden ein Monat später mit Diwali, dem Fest der Lichter, bei dem die Göttin Laxmi um Geld und Wohlstand angebetet wird. In diesen Wochen ist die Aufregung immer groß, und dieses Jahr war die Angst vor dem Covid von heute auf morgen wie weggeblasen, obwohl zahlreiche Ärzte vor dieser jährlichen Migration in überfüllten Bussen warnten. Etwa 20 % der Nepalesen sind geimpft, meistens mit den nicht sehr wirksamen chinesischen oder indischen Impfstoffen. Spätestens wenn man beobachtet, wie die ärmeren Nepalesen sich heute ernähren, stellt man fest, wie sehr die meisten Menschen von der Covid Krise betroffen sind: Nur noch Reis ist auf ihrem Teller zu sehen.

Seit fast zwei Jahren kommen keine Touristen mehr ins Land, und mehrere hunderttausend Leute, die deshalb arbeitslos wurden, können ihre Familien nicht richtig ernähren. Die Krise hat auch ferne Dörfer erreicht, wo viele Männer früher für die zahlreichen Treckingtouren arbeiteten. Viele der Einwohner Kathmandus, die sonst in Hotels, Restaurants und anderen Touristeneinrichtungen tätig waren, leben in den Slums, die wir betreuen. Die unterernährten Mütter bringen schwache Babys zur Welt und sind unfähig, sie durch die Muttermilch zu stärken. Diese Mangelernährung verursacht bei den Kleinen irreversible Schäden, die gravierende Folgen für ihre Gesundheit und ihre spätere Lernfähigkeit mit sich ziehen.

Es ist für uns schwer, die Eltern zu überzeugen, dass ihre Kinder unbedingt eine ausgeglichene Ernährung brauchen. Die Nepalesen, auch die Wohlhabenden, können beim Essen auf alles verzichten, aber niemals auf Reis. Das Allerwichtigste bei unserer Tätigkeit in den Slums ist jetzt mehr denn je zuvor die tägliche Ausgabe unseres nahrhaften Milchbreis an alle Kinder und schwangere Frauen. Deshalb sind sie alle in den drei Siedlungen, in denen wir tätig sind, trotz dieser schwierigen Zeit bis jetzt gesund geblieben.

Unsere diskriminierte Maute Sippe ist wieder einmal von ihrem Lagerplatz verjagt worden und zeltet jetzt unmittelbar mitten in einer der großen Mülldeponien Kathmandus: Dort ist der Gestank unerträglich, und die starken Sonnenstrahlen auf dem Abfall erzeugen gesundheitsgefährdende Dämpfe, die diese Familien - und anscheinend auch unsere zwei Mitarbeiterinnen Muna und Sushma - bisher kaum störten. Erst durch den Besuch aus Deutschland wurde ihnen allen bewusst, wie gefährlich eine solche Lebenssituation ist. Das Willkommen dieser Menschen, die wir seit anderthalb Jahren mit Grund Lebensmitteln durch die Pandemie gebracht haben, war fröhlich und sehr warmherzig. Entsprechend schwierig wurde es, ihnen erklären zu müssen, dass ihre jetzige Lebenssituation für uns Europäer menschenunwürdig ist, und dass wir nicht mehr verantworten konnten, sie in Zukunft zu unterstützen, wenn sie an diesem verseuchten, krebserregenden Ort blieben.

Wochenlang suchten Muna und Sushma einen neuen Lagerplatz mit den Frauen zu¬sammen, aber es kam nur Ablehnung von Seite der Einwohner Kathmandus, die diese dunkelhäutigen Madhesis aus Süd Nepal am Liebsten für immer aus der Stadt verjagen würden. Am Ende hatten wir doch Glück: Ein Mann, der seit Jahren unsere Arbeit bei diesen Menschen beobachtet hatte, meldete sich: Er verfügt über ein Stück Land etwa einen Kilometer weit weg von der Mülldeponie und machte uns folgenden Vorschlag: Er wäre bereit, auf diesem Grundstück neue Blechhütten für die 25 Familien zu bauen. Er würde einen Brunnen bohren und drei Toiletten hinstellen. Dafür würde er pro Familie 3000 Rupies (21 €) Miete monatlich verlangen.

Einer unserer treuen langjährigen Spender erklärte sich bereit, für die nächsten zwei Jahre die Hälfte der Miete, [250 € für alle Familien], zu übernehmen. Die Frauen der Sippe meinten, dass sie alle zusammen, auch wenn die Männer weiterhin arbeitslos blieben, die andere Hälfte mit ihren Babys mit Sicherheit zusammenbetteln könnten.

Die Bauarbeiten kommen schnell voran, und Ende Dezember werden unsere Maute Freunde umziehen. Der Vertrag wurde nur mündlich abgeschlossen, aber alle wissen, dass jede Familie ab jetzt diese Verpflichtung unbedingt zu erfüllen hat.

Das Unglaubliche ist, dass, obwohl diese Menschen an einem solchen verseuchten Ort leben, kein Einziger von ihnen bis jetzt am Covid erkrankt ist. In den zwei anderen Slums, die wir auch betreuen, haben sich dagegen viele Bewohner angesteckt, und manche sind auch gestorben. Die Pandemie herrscht weiter über das Land, aber die Schulen haben nach 18 Monaten erst wieder mit dem Unterricht angefangen.

Die sanitäre Krise hat die nepalesischen Gemüter, die von Natur aus eher passiv sind, nicht unbedingt aufgeweckt. Hier passt man sich eher den Widrigkei¬ten an, anstatt zu reagieren und sie zu bekämpfen. Da die Krankheit weiterhin herum schleicht, ist für die nepalesische Tourismus Industrie keine absehbare Besserung zu erwarten. Als hätte die Pandemie nicht genug Übel verursacht, wurde Nepal dieses Jahr in der Monsunzeit von gewaltigen Überschwemmungen heimgesucht. In Banshighat wurde nachts innerhalb von Minuten unser Kindergarten überschwemmt.

Die Slums Kathmandus liegen alle am Ufer des Bagmati Flusses, der die Exkremente und das Abwasser der Hauptstadt entsorgt. Kleider und Decken, die jetzt im Winter dringend von diesen bedürftigen Menschen benötigt würden, wurden von der stinkenden Brühe zerstört. Wir konnten im Kindergarten das Meiste retten, mussten allerdings Boden und Wände „renovieren". Diese Überschwemmungen werden jedes Jahr immer schlimmer, aber das hindert die Menschen nicht daran, hier zu bleiben, weil sie das winzige Stück Land, das sie in ihrem Dorf besaßen, schon längst verkauft haben, und sie nicht wissen, wo sie sonst leben sollten.

Auch im Slum von Thapathali profitieren die Kinder von unserem täglichen Milchbrei, und wir versorgen die 1500 Einwohner der Siedlung weiterhin mit Trinkwasser. Die Kinder werden regelmäßig untersucht und medizinisch betreut. Seit vielen Jahren ver¬sucht die Regierung, diesen Slum aufzulösen, aber die Menschen haben sich immer vehement dagegen gewehrt, ihre Hütten zu räumen. Da die Corona Krise noch mehr Armut unter die Bedürftigen gebracht hat, hat die Regierung den Einwohnern der Sie¬dlung endlich die Genehmigung gegeben, definitiv da zu bleiben, wo sie schon so lange leben. Jede Hütte bekommt eine Nummer, und die Familien werden offiziell registriert.

Dies ist zwar ein Sieg für die Slumbewohner, es heißt aber auch, dass sie mit Si-cherheit noch viele Jahre unter armseligen Bedingungen leben werden. Da die Bewohner der drei Slums so viel durch die Überschwemmungen verloren haben, haben wir die Kinder mit Winterjacken versorgt. Von den ständig wechselnden Regierungen haben die Armen Nepals nichts zu erwarten.

Es ist deprimierend erkennen zu müssen, dass die Schritte zur Entwicklung, bei denen wir diese Menschen schon so lange unterstützen, so mühselig sind und immer wieder fehlschlagen. Dafür können wir eins von ihnen lernen: Was auch immer passiert, sind sie viel glücklicher als wir es im Westen sein könnten und begegnen uns und dem Leben immer mit einem strahlenden Lächeln! Vielen Dank an Sie alle für Ihre Unterstützung; einen großen Dank auch von den Müttern der vielen Kinder, deren Werdegang Sie dadurch erleichtern. Wir wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes, gesundes neues Jahr 2022!

Herzliche Grüße

Elisabeth Montet

Unsere Slum Kinder wünschen ein Frohes Weihnachtsfest 2021