Liebe Freunde
Über eine Million Nepalesen waren bis vor Kurzem in allen Ländern des Nahen Ostens tätig. Einige wollten zu Kriegsbeginn nach Hause fliegen, aber es gab keine Flüge. Heute ziehen die meisten es vor, auf das Ende des Krieges zu warten, weil sie befürchten, dass andere Nepalesen ihnen sonst den Arbeitsplatz wegnehmen könnten.
Eine weitere Million Nepalesen arbeitete bisher in Indien als Schwerarbeiter oder Hausmädchen und strömt jetzt auf dem Landweg nach Hause. Gleichzeitig fehlen die Touristen, die wegen der Lage Indien meiden und sonst auch Nepal besucht hätten. Da Hotelaufenthalte und Trekkingtouren abgesagt wurden, erwartet die Heimkehrenden vor allem Arbeitslosigkeit.
Im März fanden der Beginn des USA- und Israel-Kriegs gegen den Iran und die neuen Wahlen in Nepal gleichzeitig statt. Im vergangenen September hatte die Generation Z gegen die Korruption und die Vetternwirtschaft ihres Landes demonstriert. Der Protest begann friedlich, wurde aber plötzlich von fremden maskierten Kräften infiltriert. Als die Polizei einen Schießbefehl bekam, starben über 70 junge Studenten, und 800 andere wurden schwer verletzt. Unzählige Gebäude Kathmandus, Ministerien und Hotels wurden in Brand gesetzt und zerstört.
Damals hatten sich die meisten jener Politiker, die seit vierzig Jahren die nepalesische Politik dominierten, vorsichtig zurückgezogen. Sie alle tauchten aber im März für die Neuwahlen schnell wieder auf. Sogar der alte Premierminister K. P. Oli, der im September zurücktreten musste, kandidierte selbstgefällig für die Wahl, musste dann jedoch beschämt in Rente gehen, weil er von dem jungen Balendra Shah, 35 Jahre alt, besiegt wurde.
Der junge Mann, der als Bürgermeister von Kathmandu die Hauptstadt in den letzten Jahren deutlich vorangebracht hatte, bringt nicht nur bei den Jüngeren neue Hoffnung. Er ist direkt, streng, integer und arbeitet auf unorthodoxe Art. Seine Aufgabe ist gigantisch und wird zurzeit von der Blockade der Straße von Hormus erheblich erschwert.
Nepal kann nur durch importierte Waren überleben. Es fehlen nicht nur Öl und Gas, sondern auch viele Produkte, die bisher aus Indien oder China eingeführt wurden. Besonders Düngemittel, die derzeit für das Pflanzen von Reissetzlingen unentbehrlich sind, kommen nicht mehr an. Ernährungsprobleme im Land sind deshalb bereits vorprogrammiert.
Der neue Premierminister versucht zunächst, Ordnung im Land zu schaffen und die Arbeit seiner Ministerien neu zu organisieren, während seine Gegner in den sozialen Medien alles daransetzen, ihn zu diskreditieren. Balendra Shah setzt sofort Veränderungen um, die möglich sind. So müssen jetzt zehn Prozent der Krankenhausbetten in allen Krankenhäusern des Landes Bedürftigen zur Verfügung stehen. Den neu ernannten Botschaftern hieß er zwar gemeinsam willkommen, erklärte ihnen aber, dass das sonst übliche persönliche Treffen mit jedem Einzelnen erst in einem Jahr stattfinden werde. Dann wisse er genau, was er konkret für sein Land unternehmen müsse.
Ende April kam ein verzweifelter Anruf unserer Mitarbeiterinnen in Deutschland. Balendra Shah, der schon als Bürgermeister die Slums der Hauptstadt beseitigen wollte, kündigte am 24. April an, dass am nächsten Morgen um sechs Uhr Bulldozer alle Siedlungen an den Ufern des Bagmati-Flusses räumen würden. Diese Gebiete seien vor 45 Jahren illegal besetzt worden. Dort breiteten sich zahlreiche Krankheiten aus, und jedes Jahr bestehe die Gefahr, dass Menschen während des Monsuns überflutet würden und ums Leben kämen.
Die Bewohner hatten nur wenig Zeit, ihre Sachen zusammenzupacken und ihre Hütten zu verlassen. Manche, die jahrelang gespart und inzwischen solide Häuser gebaut hatten, waren völlig verzweifelt. Wir hatten sie oft gewarnt, dass sie eines Tages würden umziehen müssen, doch sie glaubten fest, im Recht zu sein.
Die Regierung errichtete große Zeltlager, unter anderem im Stadion von Kathmandu. Dort wurden Tausende Familien sowie ein Teil der 17.500 Obdachlosen aufgenommen und digital registriert. Viele leben noch immer dort und erhalten zweimal täglich kostenlos abwechslungsreiche Mahlzeiten. Nach ihren eigenen Aussagen hätten sie noch nie so gut gegessen und würden zudem medizinisch versorgt.
Allmählich zeigt sich, dass nicht alle Bewohner der Slums arm waren. Alleinstehende Frauen mit Kindern, die von ihren Männern verlassen worden waren, erhielten als Erste fertig gebaute Wohnungen. Andere hatten bereits außerhalb der Siedlung gewohnt und ihre baufälligen Hütten gewinnbringend an bedürftige Familien vermietet.
Wer hätte gedacht, dass gerade der neue Premierminister der Kinderhilfe Nepal helfen würde, ihre Tätigkeit in Nepal zu beenden.
Unsere beiden Maute-Madhesi-Sippen, um die wir uns weiterhin kümmern, wohnen nicht direkt am Fluss und sind derzeit nicht von der Räumung betroffen. Dennoch leiden sie wie alle Nepalesen unter der internationalen Situation und drohen erneut in größere Armut abzurutschen.
Wie oft haben wir in den vergangenen Jahren versucht, die Eltern dazu zu motivieren, selbst aktiver zu werden und eigene Verdienstmöglichkeiten zu schaffen. Sie wissen inzwischen, dass sie ab Ende des Jahres allein verantwortlich sein werden, ihre Kinder zu ernähren und ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen. Wir werden deshalb ein Sonderkonto in Kathmandu eröffnen, damit Muna und Sushma künftig die Schulgebühren für jene Kinder bezahlen können, die es bis zum Abitur schaffen. Beide Frauen suchen bereits nach geeigneten Arbeitsstellen, die ihnen ein bescheidenes, selbstständiges Leben ermöglichen sollen.
Wir haben gemeinsam darüber nachgedacht, einen jungen Menschen aus Europa zu finden, der unsere Hilfsarbeit fortführen könnte. Doch ein solches Engagement hat für viele junge Menschen heute keine hohe Priorität mehr. Andererseits ist die Armut in Nepal in den letzten Jahren zurückgegangen, weil Millionen ausgewanderter Nepalesen Geld an ihre Familien schicken.
Unsere ehemaligen Mitarbeiterinnen von „Children’s World“ sind heute etwa vierzig Jahre alt. Sie möchten nicht unter der Leitung junger Europäer arbeiten, weil sie diese oft als zu arrogant empfinden. Gleichzeitig ist es für Europäer nicht einfach, sich an die nepalesische Kultur und ihre oft sehr fremden religiösen Traditionen anzupassen.
Unsere Vorstellung von Fortschritt kann einer anderen Kultur nicht aufgezwungen werden.
Wir melden uns im Dezember wieder mit den letzten Informationen über unser Projekt in Kathmandu sowie mit den Spendenquittungen für das Jahr 2026.
Ganz herzliche Grüße
Elisabeth Montet