Kinderhilfe Nepal e.V.


Rundbrief Juni, 2021

Liebe Freunde,

Die katastrophale Situation in Indien lässt zurzeit die vielen dort arbeitenden Nepalesen nach Hause fliehen. Die 1800 km lange Grenze zwischen den beiden Ländern kann von den nepalesischen Behörden nicht überwacht werden, und allein am Grenzposten Birgunj passieren täglich zwanzig tausend Nepalesen die Grenze zu Fuß, ohne aufgehalten und getestet zu werden. Natürlich haben diese Menschen Kathmandu schon infiziert und das Virus in ferne Dörfer des Himalayas getragen. Auch viele Einwohner der Hauptstadt machen sich auf den Weg zu ihrem Geburtsdorf, aus Angst während des Lockdowns in Kathmandu zu verhungern.

Der alte kranke, unfähige Premierminister Oli hält sich trotz der Proteste aller Parteien an der Macht und empfiehlt seinem Volk, bei dieser zweiten Viruswelle Guavenblätter Tee zu trinken, um sich vor dem Covid zu schützen. Wenn er es nicht vorgezogen hätte, mit Indien eine exklusive Freundschaft zu schließen, würde Nepal von China Hilfe bekommen, aber Indien ist zur Zeit der falsche Freund, weil es selbst zu heftig von der Krankheit betroffen ist, um anderen beizustehen.

China nutzt gerade jetzt die Lage aus, um seinen Einfluss in der Gegend zu verbreiten: Es tritt als guter Samariter auf und verspricht, Hilfe zu leisten. Diese Hilfe lässt allerdings bis jetzt auf sich warten. Impfstoffe könnte die nepalesische Regierung von dem mächtigen Nachbarn kaufen, aber die Preise sind für das arme Land viel zu hoch. Vor zwei Monaten schenkte Indien ein paar Tausend Impfdosen an Nepal: Damit wurden allerdings nur Politiker und Mitglieder des Parlaments und ihre Familien geimpft... Viele internationale Organisationen verlassen das Land und haben nicht vor, wiederzukommen, denn auch in der Heimat ist die Zukunft unsicher.

Die Pandemie in Indien oder Nepal einzudämmen ist unmöglich. Dort treffen die Menschen zu oft in Massen bei religiösen Festen zusammen und lassen sich nicht davon abhalten zu feiern. Masken können von den meisten ohnehin nicht bezahlt werden. Erst wenn es brenzlig wird, wenn es keinen Sauerstoff mehr gibt und die Kranken vor den überfüllten Krankenhäusern liegen, wird ein strenger Lockdown aufgerufen, wie es zur Zeit der Fall ist: Keiner darf auf die Straße, Autos, Busse und Taxen fahren nicht mehr. Sogar der Flughafen ist geschlossen. Nur die Lebensmittelläden sind zu bestimmten Zeiten geöffnet. Natürlich haben die Schulen zu, und der Abfall wird nicht mehr abgefahren und verfault einfach auf den Straßen der Hauptstadt. Die ca. 1500 Affen Kathmandus, die früher von den Touristen gefüttert wurden, schleichen sich jetzt in die Häuser, in der Hoffnung, etwas Essbares zu finden. Sie leiden an vielen Krankheiten und verbreiten gastrointestinale Bakterien und Herpes unter die Bevölkerung.

In allen Slums der Hauptstadt liegen viele Menschen krank in ihrer Hütte und erfahren erst, dass sie am Covid erkrankt sind, wenn sie anfangen, nicht mehr richtig atmen zu können.

Im Slum von Banshiqat haben die meisten Frauen, die als Haushaltshilfe oder auf Baustellen Arbeiteten, ihren Job verloren, weil die wohlhabenden Arbeitgeber Angst vor dem Virus haben. Deshalb haben sie kein Geld, um ihre Familie zu ernähren. Die Mütter machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder und bringen täglich ihre Kleinen in unseren Kindergarten, wo sie ihren gehaltvollen Milchbrei bekommen. Der Wassermangel, der zur Zeit Kathmandu plagt, ist in Banshigat besonders akut. Auch hier lassen wir Trinkwasser mit LKWs bringen. Das Warten auf den Monsun ist dieses Jahr besonders bedrückend und schwierig, denn auch für das tägliche Waschen von Kleidern und Kochutensilien fehlt die kostbare Flüssigkeit. Die Verteilung des Trinkwassers ist nicht einfach, weil die Polizei sofort im Slum auftaucht, wenn die Leute vor dem Wassertanker Schlange stehen, um sie zu bestrafen, weil sie das Versammlungsverbot brechen. Auch im übervölkerten Slum von Thapathali patrouilliert ständig die Polizei.

Wir mussten die Menge unseres nahrhaften Miichbreis drastisch erhöhen, weil immer mehr Kinder geboren werden und weil wir die vielen schwangeren Frauen damit versorgen, damit sie keine unterernährte Babys gebären. In Thapathali arbeiten die meisten Menschen als Tagelöhner, und da sie wegen der Covid Krise alle arbeitslos geworden sind, haben sie kein Geld, um Medikamente für Langzeitbehandlungen Herzkranker oder Diabetiker zu kaufen.

Unseren „Maute" Leuten, die aus dem Grenzgebiet mit Indien stammen, haben es zur Zeit am schwersten. Die monatelange Drohung der Regierung, sie zu verjagen, ist zur Realität geworden: Eines Morgens kam vor kurzem ein Bulldozer, um das Lager platt zu machen. Der mitfühlende Fahrer ließ der Sippe 6 Stunden Zeit, um ihre Sachen zusammen zu packen. In der Nähe waren ein Paar Blechhütten für je 20 € pro Monat zu vermieten. Eine solche Summe zu bezahlen, ist für die Maute Leute unmöglich, aber sie versprachen am Ende des Monats die Miete zu bezahlen... Andere dunkelhäutige Menschen aus dem Süden leben dort: Es gibt kein Wasser und nur eine Toilette für 200 Menschen. Für deren Benutzung muss jede Familie 5 € pro Tag bezahlen, genau die Summe, die die Männer am Tag durch den Verkauf ihrer pflanzlichen „Arzneien" verdienen. Viele sparen das Geld, indem sie sich nachts im Freien erleichtern...

Mit Muna und Sushma bemühen sie sich jetzt, einen Ort zu finden, an dem sie sich niederlassen könnten, aber der Lock-down, der von der Regierung immer wieder verlängert wird, macht die Suche unmöglich. Diese Menschen werden zur Zeit wegen ihrer dunklen Haut regelrecht gehasst und diskriminiert, und damit sie alle die Stadt verlassen, hat die Regierung neuerdings das Zeltlagern verboten. Natürlich können wir eine Zeit lang helfen: Wie könnten wir nur die Kinder mit Essen versorgen und dabei zusehen, wie ihre Eltern verhungern? Zu all diesen Sorgen kam noch vor drei Wochen ein großes Problem dazu: Dadhi, 90 Jahre alt, fiel und brach sich Becken und Schenkelhals: Was konnten wir anders tun, als eine Ambulanz zu rufen und die leidende Frau ins Krankenhaus zu bringen? 1000 € mussten wir bezahlen, um sie wieder auf die Beine zu bekommen.

Ohne Kinderhilfe Nepal hätte sie bei ihren offenen Brüchen bald einen langen schrecklichen Tod erlebt. Dadhi verfügt über einen erstaunlichen klaren Kopf und hört nicht auf, ihre Dankbarkeit auszudrücken. Unsere Maute Freunde sind die liebenswertesten Menschen aller Slum Leute, aber ihre Situation ist sehr prekär: Sie wissen nicht, wo sie hingehen sollten, und auch wir werden von den in der Umgebung wohnenden Menschen schlecht angesehen, weil wir ihnen beistehen. Wenn es uns gelingen würde, ein Stück Land zu finden, dessen Miete sie bezahlen könnten, könnten wir ihnen helfen, Blechhütten zu bauen. Sie besitzen nichts. Viel wollen sie nicht, nur einen Platz zum Leben und täglich genug durch Arbeit oder Betteln verdienen, um ihre Kinder zu füttern und sie in die Schule zu schicken.

In dieser Pandemiezeit, ist alles schwierig geworden: Wir können nichts planen, wir sind gezwungen, uns an jeden Tag anzupassen, wie er kommt und wissen nicht, woraus Morgen bestehen wird.

Der Kontakt mit Muna und Sushma geschieht täglich per Internet. Sie sind beide tüchtig, liebenswert und sehr vertrauenswürdig, aber das logische Denken ist Ihnen oft fremd. Sie wissen es, und melden sich deshalb jeden Tag: Die Probleme werden besprochen und dann gelöst. Beide sind ehemalige Kinder aus „Children's World" und heute sind sie 30, aber sie bleiben Kinderhilfe Nepals Töchter, ohne die unser Projekt nicht existieren könnte.

Herzliche Grüße

Elisabeth Montet