Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief Dezember 2020 -

Liebe Freunde,

Da es auch in Nepal gerade Winter ist, wütet das Covid-19 im übervölkerten Kathmandu viermal stärker als im Sommer. Wie erwartet, zeigt sich die Regierung unfähig, die Corona Krise zu meistern. Die dringenden Ratschläge kompetenter Virologen interessieren Staatschef Oli nicht. Er weigert sich, seinen Wohnort zu verlassen, aus Angst sich anzustecken, und nur hin und wieder bittet er Politiker zu sich, um mit ihnen zu beraten, wie er noch länger an der Macht bleiben kann. Den alten kranken Mann, der jahrelang mit den Geldern der Steuerzahler ärztlich behandelt wurde und noch im März eine Nierentransplantation bekam, stört es nicht, dass nur vermögende Menschen die Chance haben, sich gegen das Virus behandeln zu lassen.

Die anderen Infizierten verstecken sich zu Hause und schweigen lieber über ihr Leid, aus Angst vertrieben zu werden. Anstatt seinem Volk zu helfen, die Krankheit zu bekämpfen, hat Premierminister Oli mehrere elektrische Krematorien bestellt, weil die uralten Verbrennungsghats vom heiligen Paschupatinath in Kathmandu ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen. Die Krankenhäuser sind überfüllt, und es fehlt an Beatmungsmaschinen, Krankenbetten, Ärzten und ausgebildeten Krankenschwestern. Mehr als 50% der Nepalesen sind jetzt arbeitslos und völlig mittellos.

Großbaustellen, die nach dem Erdbeben angefangen wurden, stehen seit zehn Monaten still. Halb gebaute Brücken und Gebäude sind schon am Bröckeln, und die durch den Monsun unbefahrbar gewordenen Straßen des Himalayas sind zu brüchig, um dem Einsatz von Bulldozern standzuhalten. Schlechter könnte es der Wirtschaft des Landes nicht gehen: Nach dem monatelangen Lockdown sind die Lebensmittel unbezahlbar geworden, und die Unterernährung der Familien ist stark gestiegen. Besonders die Kinder und die vielen Frauen, die in dieser Zeit schwanger geworden sind, sind davon betroffen.

Eine Gruppe von Wohlhabenden hatte sich zusammen getan, um 700 Bedürftigen jeden Tag mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Nach wenigen Wochen ließ der Bürgermeister von Kathmandu die Ausgabestelle von der Polizei räumen. Dass die Menschen in den Slums der Hauptstadt noch nicht verhungern, verdanken sie nur verschiedenen kleinen Organisationen wie unserer. Die internationale Gemeinschaft hat zurzeit eigene Sorgen, und hat die finanzielle Unterstützung Nepals drastisch reduziert. Die Regierung, deren Aufgabe es eigentlich wäre, für ihr Volk zu sorgen, plant in Zukunft gerade von diesen ausländischen kleinen NGOs Steuer zu verlangen!

Da Reisen nach Nepal zurzeit unmöglich sind, arbeiten wir täglich mit Muna und Sushma per Internet zusammen. Diese virtuellen Treffen machen unsere gemeinsame Arbeit gezielt und sehr effizient. In Thapathali werden die Slumbewohner von der koreanischen Sekte, die seit zwei Jahren hier Missionsarbeit leistet, mit Grundlebensmitteln versorgt. Hier wie in den anderen Slums, die wir betreuen, wird der mit Vitaminen und Mineralien angereicherte Milchbrei täglich an die Kinder verteilt. Für das Trinkwasser, das wir dreimal in der Woche in die Siedlung bringen lassen, sind die Menschen besonders dankbar.

Muna geht jeden Tag von Hütte zu Hütte und berichtet über viele kranke Leute, die sich in ihrer Bleibe verkriechen, weil sie Angst haben, sich mit dem Virus infiziert zu haben und von ihren Nachbarn oder ihrem Vermieter verstoßen zu werden. Denn in den Slums genau wie in den etwas besseren Behausungen der Hauptstadt blüht nämlich das Geschäft mit der Vermietung von miserablen Bretterbuden. Die Armen zögern nicht, die noch Ärmeren auszubeuten, und hier herrscht Misstrauen zwischen den Slumbewohnern. Als Medikamente können sich die Kranken nur Paracetamol leisten. Sauerstoff ist rar und kann nur von den Reichen bezahlt werden.

Unsere Mitarbeiterinnen sind mit einem Arzt in Kontakt, der ihnen sagt, welche Medikamente zur Zeit bei schweren Covid-19 Fällen benutzt werden, aber die Leute aus dem Slum ziehen es vor, sich nicht testen zu lassen und die Krankheit zu verschweigen. Wenn jemand stirbt, wird er halt mitten in der Nacht heimlich zum Verbrennen gebracht. Viele schwangere Frauen des Slums gebären ihre Kinder lieber "zu Hause" aus Angst sich im Krankenhaus zu infizieren. Im Slum von Banshigat bleiben Schule und Kindergarten geschlossen, aber die Kinder kommen täglich, um ihren Milchbrei zu essen.

Die energische Verantwortliche des Slums Bina schafft es, ihre Beziehungen zu Regierungsbeamten ihrer Kaste auszuspielen, damit ihre Mitbewohner nicht verhungern. Durch unsere langjährige Zusammenarbeit mit den Einwohnern dieses Slums herrscht hier Solidarität zwischen den Menschen. Eine Hütte wurde zur Verfügung gestellt, um die Infizierten zu isolieren und zu pflegen. Viele werden wieder gesund, aber hin und wieder stirbt einer.

Trotz der Pandemie möchten viele mittellos gewordene Nepalesen aus den Slums wieder ins Ausland, um sich um die Arbeiten zu bewerben, die dort keiner machen will. Seit drei Jahren durften Frauen nicht mehr in den Golfstaaten tätig sein, weil zu viele von ihnen dort ausgebeutet und sexuell missbraucht wurden. Dieses Verbot wurde aber jetzt von der nepalesischen Regierung aufgehoben, damit harte Devisen, die in den letzten Jahren Nepal schließlich zu einem Aufschwung gebracht hatten, wieder ins Land kommen. Am 30. September wurde sogar ein Vertrag mit Israel unterschrieben: Demnach sollen 500 Krankenschwestern aus Nepal nach Tel Aviv "importiert" werden, um den Mangel an Pflegekräften für Covid-19-Patienten günstig auszugleichen.<

Im Dorf Mudhku. wo wir nach dem (Erbeben von 2015 zwanzig erdbebensichere Häuser für die bedürftigsten Unberührbaren gebaut hatten) haben die meisten Familien mindestens ein Mitglied, das vor dem Lockdown im nahen Kathmandu arbeitete. Heute sind sie alle arbeitslos. Viele hatten Geld von der Bank geliehen, um ein ähnliches Haus nach "unserem" Muster zu bauen. Das ganze Dorf wohnt zwar in würdigeren und hygienischeren Umständen als andere Dörfer, aber die meisten Leute sind jetzt hoffnungslos verschuldet, und auch für sie ist das Geld für eine ausgewogene Ernährung der Familien jetzt im Winter zu knapp.

In ganz Nepal sind die Schulen seit 10 Monaten geschlossen. Die Regierung plant, sie bald zu eröffnen, damit sie ihre Schüler virtuell unterrichten. Dabei ignoriert sie völlig, dass nur wenige Kinder einen Computer besitzen und dass die meisten Gegenden keinen Zugang zum WLAN haben. Radiosender bemühen sich zwar, ein paar Stunden am Tag Unterricht zu geben, aber das Bildungsniveau Nepals, das schon sehr niedrig war, wird unter der Corona-Krise sehr schwer zu leiden haben.

Zu der ethnischen Gruppe der Madhesis, die aus Südnepal und dem Norden Indiens stammen, gehört "unsere" Maute Sippe, die in der Nähe des Flughafens lagert. Wegen ihrer dunklen Hautfarbe werden sie ständig diskriminiert, und heute werden sie noch dazu beschuldigt, ganz Nepal mit dem Virus angesteckt zu haben. Dabei sind es die vielen in Indien durch die Pandemie arbeitslos gewordenen Nepalesen, die massenweise nach Hause zurückgekommen sind, und das ganze Land infiziert haben.

Ohne Kinderhilfe Nepal wären hier die Kinder und Erwachsenen der Sippe in den letzten Monaten regelrecht verhungert: Alle drei Wochen verteilen Sushma und Muna Reis, Bohnen, Linsen, Sojabohnen, Öl, Gewürze und vor allem Seife im Lager. Zum Kochen lesen sie alte Holzstücke auf der Straße auf. Nachts werden sie dann oft von Ganoven angegriffen, die unter den armseligen Zelten etwas Essbares zu finden hoffen. Unsere Mitarbeiterinnen motivieren die Frauen, indem sie ihnen beibringen, wie man aus alten Kleidern kleine Teppiche machen kann. Anstatt betteln zu gehen, was sie zurzeit nicht dürfen, könnten sie auf dieser Art etwas verdienen.

Die Männer versuchen, ihre selbstgemachte Heilsäfte und Salben auf der Straße zu verkaufen, aber auch sie werden ständig von der Polizei weggejagt. Nachts sind sie aber nach wie vor sehr "aktiv", und wie überall in den Slums, sind auch hier mehrere Frauen wieder schwanger. Unsere neunzig Maute Freunde sind Kinderhilfe Nepal für ihre Unterstützung unendlich dankbar, und die Frauen wollten Ihnen mit dem beigefügten Foto ihren Herzlichen Dank ausdrücken. Auch wenn sie sich um die Zukunft Sorgen machen, bleibt die Natur dieser Menschen grundsätzlich fröhlich, und ihr Wesen strahlt nur Zuneigung und Freundlichkeit aus.

Wie lange das Covid-19 die Menschheit noch beherrschen wird, weiß niemand. Das Tal von Kathmandu gehört zu den 10 Orten der Welt, in dem die Luftverschmutzung am höchsten ist, und viele Ärzte fragen sich, wie die schon geschwächten Lungen der Hauptstadtbewohner diesen ersten Corona-Winter standhalten werden. Wasser zum Händewaschen ist rar, und physische Distanz ist unmöglich zu halten, da die Menschen in diesem Teil der Welt dicht an dicht leben. Alle unsere Mitarbeiter bedanken sich besonders bei Ihnen dafür, dass sie trotz der Krise regelmäßig ihren monatlichen Lohn bekommen, was zurzeit in Nepal nicht selbstverständlich ist! Muna und Sushma fühlen sich sehr verbunden und stolz, dass dank Kinderhilfe Nepal und ihrem eigenen Einsatz etwa 300 Kinder die Chance haben, in dieser schwierigen Situation beschützt zu werden und dass diese Unterstützung auch den Familien zu Gute kommt. Danke an Sie alle für Ihre außerordentliche Treue bei dieser Arbeit!

Wir wünschen Ihnen schöne Weihnachten und ein gutes, gesundes neues Jahr!

Elisabeth Montet

Unsere Slum Kinder wŁnschen ein Frohes Weihnachtsfest 2020