Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Rundbrief Dezember 2019 -

Liebe Freunde,

es sind gut 60 Jahre her, dass Nepal mit seiner Entwicklungsplanung begonnen hat, aber es ist den verschiedenen Regierungen bisher leider nicht gelungen, die menschlichen und ökonomischen Ressourcen des Landes effizient zu benutzen: Unterentwickelte Institutionen und Korruption standen (und stehen immer noch) im Weg, und die aus dem Ausland kommenden Hilfsgelder wurden selten so verwendet, wie es hätte sein sollen. Die Nepalesen begründen diese Tatsache mit einem einzigen Satz: „Alle nepalesischen Politiker sind korrupt", und deshalb interessiert sich keiner für Politik.

Dass der aktuelle schwer kranke Premier Minister OLI die meiste Zeit in teuren ausländischen Krankenhäusern verbringt, fördert nicht gerade das Vertrauen der Bürger in die zahlreichen Kliniken und Krankenhäuser Kathmandus. Von ihnen wird zu oft berichtet, dass dort wieder einmal das falsche Bein oder die falsche Niere entfernt wurde,,. Dazu kommt, dass das schwache nepalesische Gesundheitssystem unfähig ist, auf Epidemien zu reagieren: Dieses Jahr wurde Nepal vom Denge Fieber heimgesucht, und nur die kältere Jahreszeit konnte die Krankheit eindämmen.

Die Bewohner unserer Slums, die gleich am Ufer des verseuchten Bagmati Flusses leben, wurden von dem Virus besonders hart betroffen. Dagegen wurden „unsere'' Maute Menschen, die in der Nähe des Flughafens auch am Fluss lagern, überhaupt nicht krank, als wären sie gegen den Erreger der Stechschnaken immun. "Maute" werden sie in der Hauptstadt genannt, obwohl sie in Wirklichkeit zur ethnischen Gruppe der Madhesis gehören, einer Volksgruppe, die Nordindien und den Süden Nepals bewohnt.

Das Wort "Maute" soll seit Jahrhunderten diejenigen bezeichnen, die sich um Elefanten kümmern und die in alten Zeiten mit der Hilfe der Dickhäutern durch das Land zogen, um ihre Waren zu verkaufen. "Unsere" Maute haben heute nur ein Plastikzelt und ein paar Kochpfannen, Den Herd bauen die Frauen selber mit Lehm, da wo sie gerade lagern. Die Männer verdienen Geld, indem sie selbst hergestellte Heilpflanzenessenzen auf der Straße verkaufen oder für ein paar Rupien den Ohrenschmalz der Vorbeigehenden geschickt entfernen. Der Straßenverkauf, der vor kurzem vom Staat verboten wurde, blüht wie noch nie zuvor und die Polizei scheint es besonders zu freuen, den Maute Männern ihre Arzneien und Utensilien zu pfänden.

Gegen 100 € dürften sie ihre Einkommensquelle zurückbekommen, aber eine solche Summe hat keiner von ihnen je in der Tasche gehabt, Deshalb müssen z, Zt, die Frauen mit ihren Babys betteln gehen, um die Familie zu ernähren. Noch vor 20-30 Jahren waren Madhesis bitterarme allein lebende Männer, die in Kathmandu mit Hilfe eines alten Fahrrads Gemüse verkauften und ihr Geld dann an ihre Familie nach Südnepal schickten. Sie tun es immer noch, aber viele andere sind seit der Revolution der Maoisten in die Hauptstadt gezogen, um dort ihr Glück zu versuchen, und sie werden wegen ihrer dunkleren Haut nicht gern gesehen. Ganz besonders die Maute werden diskriminiert.

Vor kurzem kam frühmorgens ein Bulldozer ins Lager, das wir betreuen, und zerstörte in drei Minuten die Toilette, die wir für sie hergerichtet hatten. Dieses Ereignis gab uns mindestens die Freude zu merken, dass die Toilette „unseren Freunden" fehlt, und dass sie es jetzt überhaupt nicht mehr als selbstverständlich sehen, überall an ihrem Lagerort ihre Bedürfnisse zu erledigen. Sie sind auf der Suche nach einer Lösung dieses Problems und hoffen natürlich auf unsere Hilfe. Unsere Zeltschule ist der Haupttreffpunkt der Siedlung geworden, und langsam entwickelt sich trotz aller Widrigkeiten bei diesen Leuten ein Sinn für Hygiene.

Obwohl sie überall weggejagt werden, bleiben sie fröhliche und freundliche Menschen. In unserem "Vorzeiqeslum" von Banshiqat in dem wir am längsten tätig sind, wurden die Maute, die seit Jahren dort sesshaft geworden waren, endgültig von der Gemeinschaft vertrieben. Die anderen ethnischen Gruppen und Kasten der Siedlung haben sie immer als Diebe bezeichnet, und sie nutzten die Tatsache, dass die Polizei vor einiger Zeit auf der Suche nach einem Dieb zur Durchsuchung des Slums kam, um sie zu verbannen. Diejenigen, die nichts Rechtswidriges getan hatten, gingen dann freiwillig weg, weil sie die ständige Ablehnung der anderen 2.100 Slumbewohner nicht mehr ertrugen.

Es ist erstaunlich festzustellen, wie sehr die Maute Kinder in unserem dortigen Kindergarten fehlen. Sie sind von Natur aus aufgeweckte Kinder und hatten einen positiven, motivierenden Einfluss auf die Passivität der anderen Kleinen.

Da die 1000 Menschen vom Slum von Thapathali keine feste Behausung bauen dürfen, leben sie weiterhin unter Plastikhütten. Die Regierung hat jetzt vor, die Familien in vier Gruppen je nach Bedürfnisgrad zu registrieren. Sie sollen sagen, ob sie noch Land in ihren Dörfern besitzen und wie viel sie verdienen. Es ist klar, dass die Menschen aus der Siedlung sich auf das Verhör vorbereiten, und niemand wird erwähnen, dass er in einer fernen Provinz ein kleines Stück Land oder gar ein Lehmhaus besitzt. Und falls es der Fall wäre, dann wird das Haus natürlich vom Erdbeben oder einer Erdlawine zerstört worden sein.

Die Regierung will nur die wirklich bedürftigen Menschen, die gar nichts haben, finanziell unterstützen. Aber wenn man bedenkt, dass jede Erdbebenopferfamilie die lächerliche Summe von 2.500 € zum Bau eines erdbebensicheren Hauses vom Staat bekommen hat, wollen die Einwohner von Thapathali sich alle als völlig mittellos erklären, und haben fest vor, in ihren Zelthütten am Ufer des Bagmati Flusses zu bleiben. Im Sommer pflanzen sie Gemüse an, Männer und Frauen verdingen sich für schwere Bauarbeiten und überleben mit dem Geld, das ihnen ihre Familienmitglieder aus den Golfstaaten schicken. Sie klagen nicht. Ihnen reicht Reis und ein paar Linsen, um zufrieden zu sein.

Ihr größtes Problem bleibt die Trinkwasserversorgung. Das Kathmandutal brauchte 220 Millionen Liter Trinkwasser, um die Bevölkerung zu versorgen. Die Stadt ist aber fähig, nur 100 Millionen Liter zu liefern. Dieses Wasser geht hauptsächlich an die Hotels und die Wohlhabenden. Jedes Haus in der Hauptstadt hat eine große schwarze Zisterne auf dem Dach, die das eingekaufte Wasser speichert. Das Grundwasser, das man mit der Hilfe von Pumpen aus dem Boden zieht, ist völlig verseucht und wird von den Leuten aus den Slums als Wasch- und Badewasser benutzt. Dies verursacht Krankheiten und Allergien, aber keiner kümmert sich darum. Für das Trinkwasser, das wir ihnen dreimal in der Woche mit LKWs bringen lassen, sind die Bewohner von Thapathali allerdings äußerst dankbar.

Die Einwohner vom Dorf Mudhku. das eine Stunde von Kathmandu entfernt liegt, haben dieses Problem nicht, denn es gibt dort genug frisches Wasser, und wir haben ihnen geholfen, eine Rohrleitung zwischen der 2 km entfernten Quelle und dem Dorf zu legen, was ihr Leben grundsätzlich zum Positiven verändert hat. Dass wir 2015 nur für 20 Familien ein erdbebensicheres Haus bauen konnten, hatte uns damals sehr bedrückt.

Heute ist trotzdem ganz Mudhku wieder aufgebaut: Auch wenn die 60 Familien, die damals kein Haus bekamen, jahrelang den Kredit abbezahlen müssen, den sie dafür von der Bank nehmen mussten, leben sie jetzt in Häusern, die nach dem Muster von den Kinderhilfe Nepal Bungalows gebaut wurden. Noch vor fünf Jahren sahen die Menschen aus Mudhku bedürftig und ungepflegt aus. Heute haben sie eine Toilette mit Duschmöglichkeit, und sie sorgen dafür dass ihre Kinder nicht mehr in Lumpen, sondern sauber und dezent herumlaufen.

Wir haben die Kinder dieses Mal mit Schulranzen und Lunchboxen versorgt. Es ist zwar nicht viel, aber es bleibt eine wichtige Hilfe für die Familien und ermutigt sie, auch wenn sie ihre Schulden für das Bauen ihres Hauses abarbeiten müssen, ihre Kinder so lange wie möglich in die Schule zu schicken. Hier, genauso wie in den Slums von Kathmandu, können die meisten Eltern weder lesen noch schreiben und sie sind stolz bei dem Gedanken, dass ihre Kinder zur ersten Generation gehören werden, in der sie als alphabetisierte Menschen eine bessere Zukunft als sie haben dürften, In den Slums bezahlen wir auch die Schulkosten für mehr als 200 Kinder, und während wir mit unserem angereicherten Milchbrei für ein gutes Wachstum der Kleinen sorgen, unterstützen wir die Größeren, die ein echtes Interesse an einer Ausbildung oder einem Studium haben.

Leider blüht in Nepal das Geschäft mit der Bildung wie noch nie zuvor, und der Staat, der eigentlich in die Ausbildung seiner Kinder investieren müsste, sorgt dafür, dass nur die wohlhabenden Eltern oder diejenigen, die Geld aus dem Ausland bekommen, in der Lage sind, die viel zu hohen Schulgebühren zu bezahlen.

Die Kinderhilfe Nepal tut dank Ihrer treuen Unterstützung und trotz aller Schwierigkeiten weiterhin ihr bestes bei ihrer Arbeit in Kathmandu.

Wir wünschen Ihnen eine schöne Weihnachtszeit und ein gutes, gesundes neues Jahr 2020!
Ganz herzliche Grüße,

Elisabeth Montet