Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief August 2020 -

Liebe Freunde,

obwohl die Zahl der am Covid-19 infizierten Nepalesen nach vier Monaten Ausgangssperre dramatisch ansteigt, konnte die Regierung nichts anderes tun, als den viermoatigen Lockdown aufzuheben. Besonders in Kathmandu verbreitet sich zurzeit das Virus am schnellsten, und die ganze Stadt soll jetzt isoliert werden. Etwa 30.000 Kranke und nur 107 Tote soll es im Lande geben. Jeder weiß, dass diese Zahlen der Realität nicht entsprechen, und die meisten fürchten sich so sehr vor der Krankheit, dass sie sich bei Symptomen weigern, in die überfüllten Krankenhäuser zu gehen. Dort werden sie jetzt ohnehin nach Hause geschickt. Das Personal ist überfordert und nicht ausgebildet, und es fehlt an Beatmungsgeräten und Medikamenten.

Manche Menschen gehen soweit, dass sie Selbstmord begehen, nachdem sie erfahren, dass sie infiziert sind. Der unfähige Regierungschef OLI erschien im Fernsehen, um das Volk zu beruhigen, indem er meinte, man brauchte doch nur heißes Wasser zu trinken und Ingwer und Kurkuma zu sich zu nehmen, um sich vor der Krankheit zu schützen.

Man weiß inzwischen, dass das Virus von hunderttausenden arbeitslos gewordenen Nepalesen, die bisher in Indien arbeiteten, ins Land eingeführt wird. Die Grenzpos-ten zwischen beiden Ländern sind zwar jetzt geschlossen, aber die Grenze ist sehr lang und völlig durchlässig. Die Behörden versuchen, diese Menschen in Quarantäne zu halten, aber viele laufen aus Angst davon, und es kümmert keinen, denn nicht we-nige Ärzte weigern sich ohnehin, sich um sie zu kümmern: Die Geflüchteten bringen das Übel in ihr Ursprungsdorf tief nach Norden ins Himalaya Gebiet, wo sie dann von ihren Dorfmitbewohnern abgelehnt und oft unbarmherzig weggejagt werden.

Viele Tausende von Nepalesen sind seit 4 Monaten in den Golfstaaten arbeitslos und werden dort unter unwürdigen Bedingungen in Quarantäne festgehalten. Sie wollen unbedingt nach Hause, aber die Regierung tut sich schwer, Charterflüge zu organisieren. Dabei sind es diese Arbeiter, denen das Land in den letzten 15 Jahren 28% sei-ner Deviseneinnahmen und eine deutliche Entwicklung zu verdanken hatte, weil sie ihr Geld nach Hause schickten!

Das größte Problem in dieser schwierigen Zeit ist der Nahrungsmangel. Etwa 50% der Einwohner Kathmandus, die als Tagelöhner nur das zu essen haben, was sie am Tag verdienen, sind am Anfang der Ausgangssperre in ihr Geburtsdorf gegangen, um nicht zu verhungern. Die Mehrheit der anderen, die geblieben sind, können die durch die Krise überteuerten Lebensmittel nicht bezahlen.

Die Bevölkerung der Slums ist natürlich schwer betroffen. Am schlimmsten haben es unsere Maute Leute in ihrem Zeltlager: An ihrer dunkleren Haut erkennt man, dass sie aus der indisch-nepalesischen Grenze stammen, und sie werden von allen verdächtigt, vom Virus befallen zu sein. Sie werden von der Polizei besonders beobachtet, und bekommen von niemandem etwas zu essen. Deshalb sind sie seit fünf Monaten auf Kinderhilfe Nepals Beistand ganz und gar angewiesen. Muna und Sushma fahren mit alten Fahrrädern zu unseren drei Slumsiedlungen und sorgen dafür, dass die Maute Sippe nicht verhungert: Reis, Linsen, getrocknete Bohnen und Sojabohnen, Öl, Gewürze, Zucker und Seife sind für sie zum Überleben notwendig.

Hier wie auch i den anderen Slums wird unser mit Vitaminen und Mineralien angereicherter Milchbrei täglich an die Kinder verteilt. Der Monsun ist dieses Jahr katastrophal, zerstört Straßen und Brücken und verursacht überall im Lande Erdlawinen, die ganze Häuser wegreißen. Eine weitere Tarpaulinschicht musste über die Zelten der Maute Familien gespannt werden, damit sie wieder relativ im Trockenen leben können und nicht mehr krank werden.

Die ca. 1500 Menschen des Slums von Thapathali haben es etwas besser, weil sie hin und wieder von der Regierung Reis und Linsen bekommen. Die koreanische christliche Sekte, die sonst hier Missionsarbeit leistet, schickt auch manchmal Geld aus Seoul, aber Ende Juni gab es plötzlich kein Essen und kein Geld mehr in diesem Slum. Glücklicherweise kam LYDIA SCHMIDT von "Kinderhaus Kathmandu" uns zur Hilfe und stellte 2000 Euro zur Verfügung, damit die Menschen von Thapathali für 10 Tage mit Lebensmitteln versorgt werden.

Natürlich bekommen die Kinder täglich ihren Milchbrei, und wir liefern wie üblich Trinkwasser in die Siedlung. Viele Kranke verstecken sich in den Plastikhütten, aus Angst getestet zu werden. 20 von ihnen sind mit Tuberkulose infiziert, und unsere Helferinnen bemühen sich, die entsprechenden Medikamente von den Gesundheitsbehörden zu bekommen.

Im Slum von Banshigat musste der Kindergarten geschlossen werden, aber die Kinder kommen jeden Tag, um ihren Brei zu essen. Die Einwohner bekommen durch den Einsatz der Verantwortlichen, die auch mit uns zusammenarbeiten, regelmäßiger von der Regierung zu essen, aber fast alle sind durch die Krise arbeitslos geworden. Viele Frauen versuchen mit wenig Erfolg während der erlaubten Ladenöffnungszeiten, einzelne Zigaretten und Kleinkram auf der Straße zu verkaufen.

Abgesehen von unseren Maute Leuten, die immer friedlich leben, haben zurzeit alle Slums Kathmandus eins gemeinsam: Die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder ist enorm gestiegen. Es wurde so schlimm, dass die UN und mehrere ausländische Botschaften die nepalesische Regierung aufgefordert haben, sich gegen diese Gewalt einzusetzen und den Opfern Schutz zu bieten. Die Frauen beklagen sich außerdem bei Muna und Sushma, dass ihre Männer, weil sie nichts zu tun haben, sie ständig zum Sex zwingen: Es gibt jetzt in allen Siedlungen ungewohnt viele schwangere Frauen, die sich über ihren Zustand überhaupt nicht freuen. Trotz der Familien Planungsprogramme, die wir regelmäßig organisieren, schützen sich die Frauen nicht richtig und vergessen die Pille, während die Männer von Kondomen nichts hören wollen.

Den Menschen von Mudhku bei Kathmandu, wo wir nach der Katastrophe von 2015 zwanzig erdbebensichere Häuser gebaut hatten, geht es durch ihre Nähe zur Hauptstadt besser als den Bewohnern ferner Dörfer des Himalayas, die ohne Transportmittel 4 Monate lang völlig isoliert waren. Ihr größter Vorteil sind die Felder, von denen sie sich einigermaßen ernähren können. Die Leute von Mudhku haben aber zusätzliche Sorgen: Sie müssen aufpassen, dass ihr Vieh und ihre beängstigten Kinder ständig zu Hause bleiben, weil viele wilde Tiere die Ruhe der Ausgangssperre ausgenutzt haben, um ihr Revier zu erweitern: Tiger schleichen sich Tag und Nacht ins Dorf und fressen die vielen streunenden Hunde auf.

Hier wie im ganzen Land sind die Schulen immer noch geschlossen. Die vier Monate Lockdown haben das Land und die Bevölkerung finanziell so sehr geschwächt, dass die Mehrzahl der Betriebe wie Transportunternehmen, Schulen und Läden, die schon vor der Krise von Bankschulden schon hoch belastet waren, jetzt Konkurs machen müssen. Die Schulen verlangten vier Monate Schulgebühren von den Eltern, um die Lehrer für diese Zeit zu bezahlen, aber da die meisten Eltern selbst arbeitslos sind, haben sie dafür kein Geld. Deshalb zwang die Regierung die Schulleiter dazu, den Lehrern 50% ihres Lohnes zu geben, und viele Schulen werden schließen müssen. Am meisten fehlen die Touristen, die die größte Einnahmequelle des Landes bedeuten: Auch Hotels, Restaurants und Trekking-Agenturen sind zu.

Die ganze Welt wird unter dieser Corona-Krise zu leiden haben, aber Länder wie Nepal werden in ihrer Entwicklung um Jahre zurückgeworfen werden. Wir melden uns im Dezember wieder bei Ihnen. Wir bedanken uns bei denjenigen, die für die Hungernden einen Extrabeistand geleistet haben, so wie bei allen unseren treuen Spender, die uns schon seit so vielen Jahren unterstützen.

Mit den besten Gesundheitswünschen und ganz herzliche Grüße!

Elisabeth Montet