Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Rundbrief August 2019 -

Liebe Freunde,

Nepals Alltag wird weiterhin von plötzlichen Zwangsstreiken mit Straßensperren gestört, obwohl meistens keiner weiß, wer die Blockade einberufen hat. Die Regierung ist unfähig für Ordnung zu sorgen, und es ist im Grunde genommen den Nepalesen recht, immer wieder zu Hause bleiben zu können. Beamte dürfen aber nicht schwänzen und müssen zu Fuß zur Arbeit gehen, was unsere Mitarbeiterinnen allerdings freiwillig tun. Im Juni wies ein Bericht der UNICEF darauf hin, dass 765 Millionen der heute auf der Welt lebenden Menschen im Kindesalter verheiratet wurden. Obwohl Kinderheirat in Nepal seit 1963 verboten ist, konnten die verschiedenen Regierungen diese Tradition nicht abschaffen.

Kinder werden heute noch überall im Lande gezwungen, sich zu vermählen: Hunderttausende von Männern, unter anderem 16-Jährige, verlassen jedes Jahr das Land, um sich auf den Baustellen der Golfstaaten anheuern zu lassen: Das bedeutet, dass die Eltern allein zu Hause bleiben müssen, und deshalb werden Mädchen, die gerade ihre Periode bekommen haben, mit diesen jungen oder älteren Männern vor ihrem Abflug verehelicht. Sie müssen dann in der Abwesenheit ihres "Ehemannes" für seine Eltern sorgen, den Haushalt führen, die Felder bebauen und sich um den Rest der Familie und um das Vieh kümmern.

Von unseren von "Children s World" erzogenen Mädchen haben wenige eine Liebesheirat gemacht. Die meisten meinten, dass sie mit ca. 25 und auf jeden Fall, bevor sie 30 wurden, heiraten müssten. Wir erlebten immer wieder - und tun es heute noch -, dass sie sich ganz plötzlich mit einem Mann verheiraten, den sie nicht kennen, der aber unbedingt in derselben Kaste wie sie geboren sein muss. Sie würden sich sonst von der Gesellschaft nicht akzeptiert fühlen, sagen sie. Die Bildung, die sie durch Kinderhilfe Nepal bekamen, hat nur sehr wenige von ihnen dazu gebracht, den Mann einer anderen Kaste aus Liebe zu heiraten. Wenn das ersehnte Kind dann gezeugt ist, muss es unbedingt ein Junge sein, denn nur dann fühlen sie sich erfüllt und anerkannt. Es geht so weit, dass viele Frauen abtreiben, weil sie ein Mädchen erwarten, und es wurde deshalb in Nepal den Ärzten verboten, den werdenden Müttern das Geschlecht des Babys vor der Geburt mitzuteilen.

Auch allein stehende Frauen und sogar Witwen, werden von der Gesellschaft diskriminiert und regelrecht abgelehnt. Manche finden Zuflucht in die Slums von Kathmandu, wo die Einwohner diese Situation leichter akzeptieren, weil sie mit dem reinen Überleben beschäftigt sind. Im Slum von Thapathali. wo wir tätig sind, leben viele alleinstehende Frauen, ganz allein oder mit Kindern zusammen. In jeder der 136 Plastik Hütten wohnen im Durchschnitt 10 Menschen. Jede Familie hat ein Mitglied, das in den Emiraten arbeitet. Nur durch das Geld, das aus dem Golf kommt, können sie sich hier ernähren, weil die Kosten für Reis und Gemüse inzwischen so hoch sind wie in Europa, die nepalesischen Löhne aber sehr niedrig sind.'

Hier, wie in den anderen Slums, die sie betreut, versorgt die Kinderhilfe Nepal die Menschen mit Trinkwasser, das drei Mal in der Woche mit LKWs geliefert wird, und die Kinder bekommen täglich unseren mit Vitaminen und Mineralien angereicherten Milchbrei. Unsere Beziehung zu den Bewohnern dieses Slums hat sich deutlich gebessert, weil die Eltern jetzt feststellen können, wie gesund und aktiv ihre Kinder durch unsere Arbeit geworden sind. Die Frauen folgen mittlerweile Munas Ratschlägen: Früher musste vielen von ihnen die Gebärmutter wegen chronischer Infektionen entfernt werden. Heute gehen sie sofort ins Krankenhaus, wenn sie Probleme haben, und bekommen Antibiotika. Nach und nach wächst hier endlich das Begreifen, dass man durch regelmäßige hygienische Maßnahmen gesund bleiben kann.

Es ist eine langsame Entwicklung, aber wir freuen uns, wenn wir merken, dass die Frauen lernen, mit ihrem Leben besser fertig zu werden. Hundert von den 260 Frauen von Thapathali haben ein Gemeinschaftssparkonto eingerichtet. Jede bringt jeden Monat 500 Rupies (etwa 4 €) auf die Bank. Sie sparen das Geld das 8% Zinsen bringt, und wenn eine von ihnen einmal in eine schwierige Lage kommt, gibt es eine Versammlung, und alle entscheiden, ob man ihr mit dem Gesparten helfen soll. Auch die Prostitution, die in den Hütten sehr stark war, soll jetzt eingedämmt worden sein, und die kriminellen Banden, die früher hier aktiv waren, scheinen sich andere Orte als Treffpunkt ausgesucht zu haben.

Der Slum von Banshigat. in dem wir am Längsten arbeiten, hat richtige Fortschritte gemacht: Der Staat hat den Bewohnern nach jahrzehntelangen Protestaktionen das kleine Stück Land, das sie seit Jahrzehnten besetzen, endlich überlassen. 40% von ihnen haben kleine, feste Häuser gebaut Unser Kindergarten wird sehr geschätzt, und die Mütter können sorgenlos arbeiten gehen, während die Kleinen in guten Händen sind. Nicht nur durch unseren Milchbrei entwickeln sie sich gut, sondern sie profitieren auch von den vielseitigen Aktivitäten der Betreuerinnen. Sie lernen vor allem, selbstständig zu sein, was in Nepal in diesem Alter nicht üblich ist: Die meisten Kinder hängen bis 5 oder 6 Jahren noch an der Brust der Mutter und werden in dem Alter noch wie kleine Babys behandelt.

Im Dorf Mudhku hat das Bauen der 20 erdbebensicheren Häuser, die wir nach dem Erdbeben von 2015 gebaut haben, einen großen Einfluss auf die Familien ausgeübt, für die wir keine Unterkunft bauen konnten. Inzwischen hat die Regierung die Spenden der großen Weltorganisationen an die Erdbebenopfer endlich weitergeleitet. Das Geld reicht zwar nicht, um ein vernünftiges Haus zu bauen, aber viele haben einen Kredit bei der Bank bekommen und bauen damit Häuser nach den Plänen, die die Kinderhilfe Nepal für die 20 Häuser benutzt hatte.

Durch unsere Organisation hat jetzt jedes Haus Zugang zu sauberem Wasser. Mindestens ein Mitglied jeder Familie arbeitet im 15 km entfernten Kathmandu, damit sie den Bankkredit zurückzahlen können. Der Rest der Familie kümmert sich um die Felder und den Garten. Die Leute von Mudhku sind nicht reich, aber sie schaffen es, ihre Kinder gut zu ernähren und sie in die Schule zu schicken.

Zu Beginn der Monsunzeit haben wir sie alle mit einer Regenjacke versehen, damit sie auf dem Schulweg vor den heftigen Regenfällen geschützt sind. Im Lager unserer sesshaft gewordenen Maute Nomaden ist die Regenzeit immer am Schlimmsten. In der Trockenzeit haben sie mit dem Staub zu kämpfen, jetzt lagern sie im Schlamm und sind von lauter Fliegen umgeben. Auf unseren Rat hin suchen sie eine bessere Stelle, auf der sie sich niederlassen könnten, aber niemand will sie in der Nähe haben, und sie werden immer weggejagt. Es ist sehr schwer, unter diesen Bedingungen ein hygienisches Leben zu führen, doch auch sie entwickeln sich. Das Innere ihrer Zelte ist besser gepflegt als je zuvor und halt so sauber wie es geht.

Die Frauen sind auch gesundheitsbewusster geworden, und sparen etwas Geld, um zum Arzt gehen zu können, wenn es nötig ist. Die größeren Kinder ab 5 wurden von uns offiziell in einer nahe gelegenen Schule angemeldet und sie gehen regelmäßig zum Unterricht, nicht zuletzt, weil Muna und Sushma dafür sorgen, denn sie verbringen abwechselnd den ganzen Tag im Lager. Sie beide alphabetisieren und disziplinieren die Kleinen, damit auch sie später eingeschult werden können. Unserer Meinung nach leben diese Menschen in einer richtigen Hölle auf Erden, mitten im Schlamm, Staub, Abgasen und Lärm der nahen Schnellstraße und der Flugzeuge, die knapp über ihren Köpfen an- und abfliegen. Sie aber bezeichnen sich als sehr glücklich, und sie sehen tatsächlich so lebenslustig aus, dass wir wirklich keinen Grund haben, daran zu zweifeln: Sie besitzen nichts, leben nur für heute und nehmen sich nicht ernst. Vielleicht ein gutes Beispiel für viele von uns im Westen?

Herzliche Grüße
Elisabeth Montet