Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Rundbrief August 2008 -

Liebe Freunde,
 
vor sechs Monaten haben die maoistischen Ex-Rebellen die absolute Mehrheit bei den Parlamentswahlen nicht ganz erreichen können. Da keine der anderen Parteien mit ihnen eine Koalition eingehen wollte, hat es mehrmonatige Verhandlungen gebraucht, damit man sich endlich darüber einigte, den Maoistenchef Prachanda Mitte August doch zum Premierminister zu wählen. Jetzt ist er dabei, eine neue Regierung zu bilden. Die Monarchie wurde inzwischen abgeschafft und die nepalesische Republik ausgerufen. Zu den endlosen Machtkämpfen der Politiker aller Richtungen kam ein sehr großes Problem: die südliche Provinz Terai verlangt ihre Autonomie, und ihre Anführer werden in die neue Regierung integriert werden müssen.

Während dieser langen ergebnislosen Monate verbreitete sich in Nordnepal eine Hungersnot: nicht nur wegen der allgemeinen Weltwirtschaftskrise, sondern auch wegen der Politik der Chinesen, die ihre Grenzen zu Nepal aus Angst vor tibetischen Protesten schließen und dadurch den Transport von Hilfsgütern und Nahrung ins Land verhindern. Die bis jetzt machtlose nepalesische Regierung will sich die Gnade und das Wohlwollen des Riesennachbarn China bewahren und geht mit Brutalität gegen die Anhänger des Dalai Lamas vor. Über 800 gewaltlose Tibeter warten in den schon überfüllten Gefängnissen Nepals auf eine eventuelle Befreiung. Die Benzinknappheit und die unbezahlbaren Preise für Treibstoff jeder Art lahmen das Leben des Landes, und die meisten Unternehmen müssen schließen. Verseuchtes Wasser und Berge von übelriechenden, krankheitserregenden Abfällen auf den Straßen der Hauptstadt bedrohen die Gesundheit der Einwohner. Proteste von allen Seiten verhindern den Alltag: Einmal sind es die Taxi-und Busfahrer, die den Verkehr verbieten, um ihren Zorn gegen die Erhöhung des Benzinpreises auszudrücken, ein anderes Mal verbrennen die Studenten Autoreifen, weil die Schul- und Universitätsgebühren noch teurer geworden sind. Frauengruppen, Händler und sogar Kinderbanden demonstrieren und werfen Steine auf jedes Fahrzeug, das sich dann auf die Straßen wagt.

Slums schießen wie Pilze aus dem Boden, weil die Menschen aus dem Himalaja sich in Kathmandu eine Erleichterung ihrer Lebensverhältnisse erhoffen. Als die alte Regierung die Räumung und Zerstörung von mindestens 50% der Slums ankündigte, waren es Tausende von Slummenschen, die die Straßen besetzten. Die Einwohner unseres Slums waren auch dabei, obwohl er noch nicht auf der Räumungsliste steht. Er ist durch unsere Arbeit mit den Kindern und Frauen nämlich zu einem "5-Sterne-Slum" geworden. Die meisten Menschen der Siedlung sind in die maoistische Partei eingetreten. Während deren Anführer monatelang um politische Macht kämpften, schlugen ihre Anhänger tiefe Wurzeln in der Hauptstadt und sind dabei, eine neue organisierte Gesellschaftsschicht unter den Armen zu etablieren. Dies könnte sich eines Tages als fatal für die konservativen Kräfte des Landes erweisen.

Sija hat seit vier Monaten echte Gesprächspartner im Slum: junge Frauen und Männer, die nicht nur unsere Unterstützung annehmen, sondern auch engagiert und ernsthaft mitarbeiten, um das Leben der Gemeinschaft zu verbessern. Durch deren Hilfe und den Druck, den sie auf die Behörden ausüben, haben wir endlich das Trinkwasser bis zur Mitte des Slums gebracht Zwei 10.000 Liter Wasserreservoirs wurden installiert, und jeden Tag stehen die Frauen Schlange, um an das kostbare Wasser zu kommen. Die Kinderhilfe Nepal trägt die Kosten; die Verteilung wird von Sija und drei Mitgliedern des Slumkomitees beaufsichtigt. Bis jetzt üben die Maoisten keinen Druck auf uns aus. Die Menschen haben eigentlich einfache Bedürfnisse, die wir erfüllen. Sie sind dafür dankbar. Politische Diskussionen gibt es nicht.

Die Kinder profitieren mehr denn je von der regelmäßigen Nahrung, die sie täglich von uns bekommen, weil die Grundlebensmittel so teuer geworden sind, dass kaum jemand sie sich leisten kann. Weil wir immer mehr Kinder betreuen müssen, haben wir eine zusätzliche Kraft aus dem Slum eingestellt. Shova hat gerade das Abitur bestanden und gehört einer Frauengruppe an, die mit einem Aufklärungsprogramm über Mädchenmisshandlung in den Schulen arbeitet. Wir haben zwei weitere Räume für wenig Geld in der Nachbarhütte der Schule mieten können, und wir müssen neue Bänke und Tische vom Slumschreiner anfertigen lassen. Die Gewalttätigkeit der Männer hat sich durch das Frauenverteidigungskommando gelegt, und falls jetzt ein Gewaltproblem auftritt, werden die Maoisten-Sicherheitsleute von einem nahe gelegenen Revier gerufen, so dass neue Ordnung in der Gemeinschaft herrscht.

Der Alkoholismus bleibt ein großes Problem und zerstört ganze Familien wie z.B. die von Rijha Pariyar. Ihre Töchter sind gute Schülerinnen, aber die Mutter trinkt Reisschnaps in so großen Mengen, dass sie abends zur Furie wird und ihren schwer arbeitenden Mann verprügelt. Es gibt in Kathmandu eine Art Anstalt, in der Alkohol Abhängige sechs Monate mit abwechslungsreichen Tätigkeiten und Gruppentherapien verbringen können. Die Erfolgsquote ist groß, aber obwohl die Lebensbedingungen des Programms von Luxus weit entfernt sind, sind die Kosten dieses Aufenthalts (350 Euro) für die meisten unbezahlbar. Wir machen uns immer wieder darüber Gedanken, ob wir soviel Geld für Erwachsene ausgeben dürfen, weil das Ziel unserer Organisation im Grunde darin besteht, Kindern zu helfen. Vielleicht findet sich jemand, der/die bereit wäre, die Therapiekosten für diese Frau zu tragen.

Unsere ehrenamtliche Krankenschwester Swechha hilft Sija nach wie vor und verteilt alle sechs Monate ein Mittel gegen Würmer, von denen die Kinder immer wieder geplagt werden, weil sie zu Hause unreine Nahrung essen. Langsam lernen sie, sauber zu sein. Andernfalls werden sie gezwungen, ihre Kleider in der Schule mit Sussilas Hilfe zu waschen. Sie gehen etwas beschämt nach Hause und bringen ihre Mütter nach und nach dazu, mit ihnen gemeinsam an einer besseren Hygiene zu arbeiten. Im übrigen Projekt haben dieses Jahr fünf Mädchen das Abitur bestanden.

Wir haben beschlossen, sie bei einem dreijährigen Studium zu unterstützen: Zwei von ihnen werden Krankenschwester, zwei Gesundheitsassistentinnen und eine Apothekerin. Mit ihrem Diplom werden sie nicht in der Lage sein, im Ausland zu arbeiten, sondern nur in größeren Städten ihrer Heimat, oder sie werden in entlegenen Dörfern Nepals wie Ärzte tätig sein und ihren Mitmenschen helfen. Während die ärmeren Nepalesen in die arabischen Golfstaaten flüchten, um sich als billige Arbeitskräfte zu verkaufen, verlassen alle intelligenten und gebildeten Kräfte das Land und hoffen, in den USA oder Australien ans "große Geld zu kommen. Diese Tendenz steht im Gegensatz zu dem Ziel unserer Hilfsarbeit, denn es wäre bitter, diese Kinder seit so vielen Jahren auszubilden, damit sie am Ende ihr Land im Stich lassen.

Es hat in der klein gewordenen Gruppe von Children's World heftige Diskussionen über dieses Thema gegeben, bei denen alle einsehen mussten, dass eine Organisation wie Kinderhilfe Nepal nicht dazu da ist, um ihnen Luxus zu verschaffen, sondern um ihnen ein würdiges Leben und eine Arbeit zu ermöglichen, bei der sie selbst anderen helfen können, die es bitter nötig haben. Nur drei unserer Jugendlichen studieren im Ausland, weil sie besonders brillant sind. Die restlichen, genauso wie diejenigen, die das Projekt schon verlassen haben, werden aber in Nepal bleiben und aktiv an der Entwicklung des Landes teilnehmen. Unser Einsatz liegt jetzt hauptsächlich in den Slums und wir freuen uns, dass einige von ihnen, wie Sija, in dieser Arbeit ihre Erfüllung finden.

Sie erzählt den Slummenschen, wie das Geld für die Verbesserung ihrer Lebensumstände zusammenkommt. Viele staunen oft, dass die Hilfe, die sie eigentlich von ihrer Regierung erwarten, aus einem so fernen Land kommt, und alle bedanken sich für Ihre wertvolle Unterstützung. Auch von uns wieder ein herzliches Dankeschön und alles Gute und Liebe bis zum Dezember!

Ganz herzliche Grüße,
Elisabeth Montet