Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Rundbrief April 2012 -

Liebe Freunde,
 
auch wenn der maoistische Premierminister Baburam Bhattarai von den Oppositionsparteien und von der eigenen Basis scharf kritisiert wird, kann niemand leugnen, dass es ihm in seinem sechsmonatigen Amt nicht gelungen wäre, endlich etwas im Lande zu bewegen. Baburam Bhattarai ist ein intelligenter, unbestechlicher Politiker, der eine echte Vision von der Zukunft seines Landes hat und alles tut, um sie in die Tat umzusetzen. Nepal liegt gefangen zwischen Indien und China, und der Premierminister verhandelt geschickt mit den zwei schnell wachsenden Großmächten, damit auch sein Land so gut wie möglich an dieser Entwicklung teilhaben kann.

Endlich werden die Finanzspritzen der USA, der europäischen Länder oder des Internationalen Währungsfonds in Großprojekten eingesetzt, und der Kampf gegen die Korruption im eigenen Land hat jetzt Priorität. Straßen und Brücken werden überall gebaut, und die Nepalesen, die zurzeit meist ohne Strom leben müssen, können, wenn alles gut geht, in ein paar Jahren mit Elektrizität rechnen, die große Wasserkraftwerke produzieren sollen. Allein im Kathmandutal, das ein 1.500 km großes Straßennetz besitzt, werden 500 Kilometer Straße erweitert und neu gebaut.

Dafür müssen viele Häuser am Straßenrand zerstört und ihre Besitzer entschädigt werden. Den Zehntausenden von Menschen aus den Siums aber, die seit 30 Jahren Regierungsland besetzt halten und dort oft Häuser gebaut haben, werden nur 150 € pro Familie angeboten, damit sie ihre Siedlungen verlassen. Diese lächerliche Summe empfinden sie wie eine Ohrfeige. Gerade sie, die die Partei des Premierministers an die Macht gebracht haben, fühlen sich ungerecht behandelt und demonstrieren, sobald die Regierung in der Zeitung einen neuen Termin für die Zerstörung der Slums veröffentlicht. Die Situation zieht sich in die Länge, aber die Bewohner der Slums glauben immer noch, dass sie gegen den Staatsapparat gewinnen werden.

Die meisten Hüttensiedlungen liegen an den Flussufern der Stadt, und ihre Einwohner ignorieren einfach, wie die Riesenbrücken ihnen über den Kopf wachsen. Niemand kann voraussagen, wann die Regierung ihre Bulldozer plötzlich schicken wird, um die Blechhütten und Häuser "plattzumachen."

Wir passen uns den Umständen an: In "unserem" Slum von Banshigat werden die Kinderbetreuung, die Aufklärungsstunden und unser Ernährungsprogramm fortgesetzt.
Trotz der unsicheren Situation haben wir für rund 1000 € einen Gesundheitsposten in einer größeren Slumsiedlung eingerichtet, die etwa 10.000 Menschen zählt. Muna, die jetzt ihr Diplom als Gesundheitsassistentin besitzt, und Sija untersuchen Kinder, Frauen und alte Menschen und verteilen kostenlos Medikamente. Muna begleitet die Menschen, die es nötig haben, ins Krankenhaus. Amit, 17, wurde wegen Krebs der rechte Arm amputiert; er wird jetzt von "unseren" beiden jungen Frauen durch strenge Physiotherapie auf eine Armprothese vorbereitet.

Es ist der Mangel an Geld, aber auch die Ignoranz der Eltern, die ihre Kinder oft in aussichtslose Situationen bringen. Riya war noch vor einem Jahr eine sehr gute Schülerin. Plötzlich klagte sie über sehr starke Kopfschmerzen und konnte nicht mehr in die Schule gehen. Erst nach vier Wochen, als sie kollabierte, brachte ihre Mutter sie ins Krankenhaus. Die Diagnose: eine akute Meningitis, die das Gehirn des Mädchens völlig zerstört hatte. Sie wird jetzt zu Hause in einem schmutzigen Raum durch eine Magensonde ernährt, und ihre Überlebenschancen sind gleich null. Da ist auch Saugat, der dringend eine Niere braucht. Sein Vater weigert sich, ihm eine zu spenden. Seine Mutter würde es gern tun, aber ihr Mann und die Familie verbieten es ihr, weil sie täglich auf Baustellen arbeitet und die Großfamilie dadurch ernährt. Saugat wird also ebenfalls sterben.

All diese Fälle sind für uns unerträglich, weil die Eltern die direkt Verantwortlichen für das Unglück ihrer Kinder sind. Materielle Hilfe zu leisten ist nicht schwierig, aber der unglaublichen mentalen und psychischen Armut der Erwachsenen stehen wir hilflos gegenüber. Viele Nepalesen sind zuckerkrank und ignorieren die Ernährungsempfehlungen und die Insulinverordnung der Ärzte. "Dafür haben wir kein Geld", sagen sie nur immer wieder dazu... 80% der Kinder unter 10 Monaten leiden an Anämie. In entfernteren Regionen hungern die Menschen. Hinzu kommt, dass die von der Regierung neuerdings angeordnete Aussaat von genmanipuliertem Mais, der eine reichere Ernte versprach, im letzten März zwar Riesenmaisstauden produzierte, die reifen Kolben dann aber kein einziges Korn trugen...

Auch Selbstmord ist in eine Plage in Nepal: Er ist dort die häufigste Todesursache der Frauen im gebärfähigen Alter. Dabei steigt die Zahl der Toten jedes Jahr. Die Unfähigkeit, Söhne zu gebären und dadurch von der Gesellschaft getadelt und verurteilt zu werden, die Armut, die Unmöglichkeit, die Schulgebühren ihrer Kinder zu bezahlen, und die Gewalttätigkeit der Männer machen die Frauen dumpf, depressiv und unfähig, im Notfall zu reagieren. Jetzt ist es Sijas und Munas Aufgabe, so viel Aufklärung wie möglich zu leisten. Muna ist durch ihr Studium berechtigt, die Dreimonatsspritze zu verabreichen, die die Frauen vor einer neuen Schwangerschaft schützen soll. Leider vertragen die meisten diese gefährliche Verhütungsmethode nicht.

Die Pille zu verteilen nützt nichts, weil die Frauen immer wieder vergessen, sie einzunehmen, und Kondome werden von den meisten Männern abgelehnt... Sija und Muna arbeiten nicht nur in dem Gesundheitsposten, sondern organisieren zur Zeit auch einen Dienstplan, der uns ermöglichen wird, mehr Menschen in Not in anderen Slums zu erreichen. Während der Premierminister an der Modernisierung seines Landes arbeitet, werden die Menschen weiterhin vergessen.
Ohne Organisationen wie unsere wären die Armen völlig hilflos und alleingelassen.

Noch einmal vielen Dank an Sie alle, die diesen Beistand so treu unterstützen! Wir melden uns Anfang September wieder.

Elisabeth Montet