Dharmapala Thangka CentreTibetische Antiquitäten


Tsa Tsa des 4. Panchen Lama

Einschätzung und mögliche Datierung des Tsa Tsa


Für die Altersbestimmung ist zunächst das Todesjahr des 4. Panchen Lama [1662] von besonderer Bedeutung. Das vorliegende Tsa Tsa stellt den Lama offensichtlich nicht als lebenden Lehrer in einer individuellen Lehrsituation dar, sondern als verehrtes Porträt eines bereits verstorbenen geistlichen Meisters. Sollte diese Interpretation zutreffen, wäre 1662 der frühestmögliche Zeitpunkt für die Herstellung dieses konkreten Erinnerungsbildes.

Unter der Voraussetzung, dass die Interpretation als posthumes Erinnerungsbild zutrifft sollte von einem Zeitpunkt nach 1662 ausgegangen werden.

Stil und Erhaltungszustand

Das kreisrunde Tsa Tsa besitzt einen deutlich erhöhten, schützenden Rand. Der rötlich-braune Ton zeigt eine ausgeprägte, erdige Patina; insbesondere in den Vertiefungen haben sich dunklere Ablagerungen und Reste der ursprünglichen Vergoldung erhalten. Die Reliefkanten sind nicht mehr scharf, sondern über längere Zeit sanft abgerundet. Diese Merkmale sind mit einem erheblichen Alter gut vereinbar. Eine naturwissenschaftliche Untersuchung oder eine gesicherte Provenienz liegt jedoch nicht vor, sodass die Patina allein keine präzise Datierung ermöglichen kann. Sie unterstützt vielmehr die Annahme, dass es sich nicht um ein modernes oder jüngeres Replikat handelt.

Die Darstellung des 4. Panchen Lama

Die Gesichtsdarstellung passt bemerkenswert gut zu den bekannten Porträts Lobsang Chökyi Gyaltsens: auffällig sind die hohe, rundliche Schädelpartie, das eher schmale Gesicht, die ausgeprägten Ohren und die charakteristische Modellierung der Gesichtszüge. Dieser Vergleich ist besonders interessant, weil sowohl frühe Gemälde als auch spätere Darstellungen des Panchen Lama erkennbare physiognomische Merkmale bewahren. Ein besonders wichtiger Vergleich ist ein heute im Tashi Lhunpo-Kloster befindliches Porträt, das in die Mitte des 17. Jahrhunderts datiert wird. Auch die bekannten späteren Darstellungen greifen offenbar auf einen etablierten Bildtypus zurück.

Das ungewöhnliche Attribut: der »Khakkhara«

khakkharaBesonders bemerkenswert ist das große Attribut hinter der linken Schulter des Lamas. Es handelt sich offenbar um einen »Khakkhara«, einen buddhistischen Wander- bzw. Bettelstab mit einem metallischen Aufsatz und mehreren Ringen. Gerade dieses Attribut ist für die Interpretation des Tsa Tsas von besonderem Interesse. Es unterscheidet die Darstellung von einem rein schematischen Gelehrtenporträt. Der Khakkhara verweist ikonographisch auf den wandernden bzw. asketischen Mönch und kann mit den Vorstellungen von Disziplin, religiöser Praxis und Schutz verbunden werden.

Der kleine Stupa

StupaDirekt unterhalb des »Khakkhara« befindet sich ein kleines, mehrstufiges architektonisches Symbol, das aufgrund der geringen Größe des Tsa Tsas nur eingeschränkt erkennbar ist. Die Form spricht für einen Stupa. Hier ergibt sich ein besonders interessanter ikonographischer Zusammenhang: Tashi Lhunpo war der Sitz Lobsang Chökyi Gyaltsens und wurde unter seiner Leitung zu einem bedeutenden Zentrum der Gelug-Tradition. Seine Verbindung mit dem Kloster war außerordentlich eng. Nach seinem Tod wurde ihm zu Ehren ein Stupa errichtet. Seine Darstellung auf diesem Tsa Tsa kann ein Hinweis darauf sein. Dies ist allerdings nur eine Vermutung und keineswegs gesichert. [Tashi Lhunpo Monastery UK Trust].

Sollte der kleine Stupa tatsächlich als Reliquienstupa zu verstehen sein, könnte er eine memoriale Bedeutung besitzen und auf die Verehrung des verstorbenen Lamas beziehungsweise auf seine Reliquien verweisen. Auch diese Annahme ist allerdings nicht belegpar.

Die beiden gegenüberliegenden Symbole

Auf der anderen Seite des Kopfes bzw. der Schulterpartie erhebt sich eine große stilisierte Lotosblüte. Auf ihr befindet sich ein rundliches, heute nicht mehr eindeutig bestimmbares Symbol. Möglicherweise handelt es sich um ein flammendes Juwel [»Cintāmaṇi«] oder um ein Gefäß beziehungsweise ein anderes religiöses Attribut. Aufgrund der geringen Größe und der teilweise undeutlichen Reliefausarbeitung lässt sich diese Einzelheit gegenwärtig nicht sicher bestimmen.

Die ikonographische Besonderheit

Gerade die Kombination der drei Elemente – Panchen Lama, »Khakkhara« und kleiner Stupa – macht das Tsa Tsa ungewöhnlich. Bei den später stärker standardisierten Darstellungen Lobsang Chökyi Gyaltsens begegnen uns andere, eindeutigere Lehrattribute und Gesten. Gleichzeitig ist bekannt, dass sein Bildnis bereits im 17. Jahrhundert in unterschiedlichen künstlerischen Zusammenhängen tradiert wurde und dass spätere Künstler auf ältere Bildvorlagen zurückgriffen. Die erhaltenen Darstellungen zeigen deshalb, dass von einem einzigen, unveränderlichen Porträttypus nicht ausgegangen werden sollte. [Rubin Museum of Himalayan Art]

Die ungewöhnliche Kombination auf diesem Tsa Tsa könnte daher auf eine spezifische memoriale Bildkonzeption hinweisen: Der verstorbene Lobsang Chökyi Gyaltsen erscheint möglicherweise nicht lediglich als Gelehrter, sondern als verehrter religiöser Meister, dessen Wirken, Wanderschaft und fortdauernde spirituelle Präsenz durch die zusätzlichen Attribute symbolisch hervorgehoben werden.

Vorläufige Datierung

Das Tsa Tsa ist aufgrund der Darstellung Lobsang Chökyi Gyaltsens mit hoher Wahrscheinlichkeit posthum entstanden und kann daher frühestens nach seinem Tod im Jahr 1662 hergestellt worden sein. Die physiognomische Nähe zu frühen Porträts des Panchen Lama sowie die ungewöhnliche Kombination aus Khakkhara, Stupa und Lotosattribut sprechen für eine möglicherweise frühe Form der memorialen Verehrungsdarstellung.

Der Erhaltungszustand und die Patina sind mit einem Tsa Tsa des späten 17. oder frühen 18. Jahrhunderts vereinbar, erlauben allein jedoch keine exakte Datierung. Eine Entstehung im Umfeld von Tashi Lhunpo erscheint ikonographisch und historisch plausibel, ist derzeit jedoch nicht beweisbar.

Damit wäre eine Datierung »spätes 17. bis frühes 18. Jh.« seriös. Besonders interessant ist dabei, dass tatsächlich ein Mitte des 17. Jh. datiertes Porträt Lobsang Chökyi Gyaltsens aus Tashi Lhunpo bekannt ist. Das zeigt, dass wir für den Vergleich nicht ausschließlich auf viel spätere Darstellungen angewiesen sind. [Rubin Museum of Himalayan Art


Zurück