Tibetische Medizin Thangkas des Blue Beryll
- Artikel im Deutschen Ärzteblatt -

Artikel 3
Ein exzellenter Arzt hat Glück im Leben

Artikel im Deutschen Ärzteblatt 1999; 96[28-29]: A-1911 / B-1609 / C-1504

Die Wurzeln der klassischen tibetischen Medizin liegen rund 1 000 Jahre zurück. Diese Lehre unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von allen anderen historischen medizinischen Traditionen. Nur in Tibet entstand eine vollständige visuelle Dokumentation für die Ausbildung von Ärzten. Als eine Art bebilderte Enzyklopädie wurden von 1697 bis 1703 77 "Medizinthangkas" geschaffen. Es handelt sich dabei um Rollbilder mit Illustrationen zum Basistext der dortigen Gesundheitslehre mit dem Namen "Die vier Tantras". 

Noch heute werden diese Bilder in der traditionellen tibetischen Ärzteausbildung verwendet. Auf diesen Lehrtafeln werden in mehr als 10 000 Einzelbildern die Grundlagen der medizinischen Ausbildung dargestellt. Darunter auch höchst interessante Aussagen zum Verhältnis von Arzt und Patient, die sich teilweise überraschenderweise bis in unsere heutige Zeit übertragen lassen. Andere wiederum veranlassen uns heute zu einem Schmunzeln. Gute Prognosen So werden in Tafel Nr. 35 den damaligen Medizinern Prognosen über die Heilungschancen der Patienten erteilt. Gute Genesungsaussichten haben danach kranke Menschen, die die verschriebene Therapie "durchhalten" (was auf die teilweise recht harten Behandlungsmethoden hinweist), und auch solche, die intelligente, mitfühlende und kompetente Pflegekräfte an ihrer Seite haben. Männliche Patienten, die zudem noch jung sind, erhalten ebenfalls gute Prognosen, genauso wie Kranke, die auf die Anweisungen des Arztes hören. Ärzten wird in den Abhandlungen auch empfohlen, bestimmte Patienten abzulehnen.

Trotz enger Verbundenheit der medizinischen Wissenschaft im historischen Tibet mit der buddhistischen Lehre spielte auch damals die Liquidation bereits eine Rolle. Die Behandlung von Patienten, die ihre Therapie nicht bezahlen können, sollte nämlich genauso abgelehnt werden wie die von Kranken, die dauernd klagen.

Neben zahlreichen detaillierten Beschreibungen der verschiedenen Medikamente werden auch allgemeine Anforderungen an die pharmazeutischen Mittel gestellt. Die Medizin sollte nach den korrekten Vorgehensweisen zusammengesetzt und von guter Qualität sein. Der Fundort der Arzneipflanze sollte der Wirkkraft förderlich sein. Schließlich sollte die Medizin auch in verträglichen Prozeduren zusammengestellt sein.

Ein Arzt, der keine medizinischen Instrumente besitzt, gleicht nach Auffassung der alten tibetischen Lehrmeister einem Ritter ohne Rüstung und Waffen, während ein Mediziner ohne Kenntnis der theraupeutischen Prinzipien mit jemandem verglichen wird, der mit einem Pfeil ins Dunkle schießt.

Probleme mit dem Berufsrecht würde sich heutzutage sicherlich ein Arzt einhandeln, der den damaligen Ratschlag befolgt, nach einer korrekten Diagnose diese so laut zu verkünden, als ob er ein Muschelhorn blasen würde.

Tröstlich zu wissen ist die Gewißheit, daß ein exzellenter Mediziner Glück in seinem Leben haben wird und letztendlich die Stufe unübertroffener Buddhaschaft erreichen wird.


In Zusammenarbeit mit der Thangkamalschule Nepals, dem Dharmapala Centre, School of Thangka Painting, Kathmandu, besteht für Leser des Deutschen Ärzteblattes die Möglichkeit, sich Kopien dieser historischen, einzigartigen Rollbilder anfertigen zu lassen. Jedes Bild wird individuell in Nepal angefertigt (Dauer neun bis zwölf Monate). Der Erlös aus dem Verkauf fließt zu 80 Prozent den Künstlern in Nepal zu, die mit ihrer Arbeit auch einen nicht unbedeutenden Beitrag zur Bewahrung des tibetischen Kulturerbes im Exil leisten. Die restlichen 20 Prozent erhält das Kinderhilfswerk "Kinderhilfe Nepal e.V.", Frankfurt/Main. Die Kinderhilfe Nepal unterhält in Kathmandu ein Waisenhaus. Die Spenden aus dem Verkauf der Rollbilder tragen einen Teil zum Unterhalt dieser beiden Einrichtungen bei. Informationen: Holm Triesch, Robert-Stolz-Weg 3, 28215 Bremen, Tel 04 21/37 01 21, Fax 3 61 49 78, E-Mail: contact@holm-triesch.de, Internet: http://www.thangka.de

Literaturhinweis: Yuri Parfionovitch, Gyurme Dorje, Fernand Meyer: Klassische Tibetische Medizin, Illustrationen zur Abhandlung Blauer Beryll, zwei Bände im Schmuckschuber, Verlag Paul Haupt, Bern, Stuttgart, Wien, 340 Seiten, 460 DM

|
|