Tibetische Medizin Thangkas des Blue Beryll
Artikel 1
Medizinthangkas: Lehrtafeln im historischen Tibet

Artikel im Deutschen Ärzteblatt 93, Heft 12 (22.03.1996), Seite A-547 VARIA: Feuilleton

Die wesentlichen Inhalte der tibetischen Medizin stammen aus dem 9. Jahrhundert. Damals entstand auf Grundlage indischer und chinesischer Vorbilder die grundlegende Medizinlehre "Die Vier Tantras". Im 17. Jahrhundert wurden diese Texte auf Anordnung des damaligen fünften Dalai Lamas erstmals zu medizinischen Ausbildungszwecken illustriert. Es entstanden 77 medizinische Lehrtafeln in Form von Rollbildern (Medizinthangkas) mit dem Titel "Der blaue Beryl".

Die außergewöhnlichen Malereien dienten in der damaligen ärztlichen Ausbildung als eine Art bebilderte Enzyklopädie. Beide - Text und Malereien - werden noch heute von traditionellen tibetischen Ärzten bei ihrer Arbeit verwendet. Die Darstellungen zeigen ein umfangreiches Spektrum der damaligen Medizin: Anatomie, embryonale Entwicklung, Geburt und Tod, Diagnose, Krankheitssymptome und anderes. Sogar ein präziser Verhaltenskodex für den Arzt bei der Ausführung seines Berufes ist enthalten.

Eine Bildtafel aus dieser Reihe zeigt das Instrumentarium des tibetischen Arztes des 17. Jahrhunderts. 81 verschiedene medizinische Instrumente werden dargestellt: Zangen, Brenneisen, Schröpfinstrumente, Sägen, Kanülen, Katheter, Lanzetten, Schröpfhörner, Sonden zur Entfernung von Fremdkörpern, Röhren zur Untersuchung und Behandlung von Hämorrhoiden, sogar Inhalationsapparate zur Desinfektion des Mundes und der Nasennebenhöhlen sind abgebildet. Die Vielfalt der gezeigten Werkzeuge darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Chirurgie in der tibetischen Medizin nur eine untergeordnete Bedeutung besitzt. Im Vordergrund der Therapie stehen Arzneien aus Kräutern, Mineralien und anderen Bestandteilen, Inhalationen, Bäder, Massagen, Reinigungsprozesse und Änderungen von Lebens- und Ernährungsweise.

Es besteht die Möglichkeit, sich den abgebildeten sowie auch jeden anderen der 76 Medizinthangkas individuell anfertigen zu lassen. In der führenden Thangka-Malschule Nepals, dem Dharmapala Centre in Kathmandu, entstehen filigrane Kopien der historischen Lehrtafeln des blauen Beryl. Vom Verkaufserlös erhält die Kinderhilfe Nepal e.V., Frankfurt/ Main, einen Spendenanteil von 20 Prozent. Dieses Kinderhilfswerk unterhält in Kathmandu ein Waisenhaus und ein Berufsbildungsprojekt für junge Mädchen. Nähere Informationen sind erhältlich bei Holm Triesch, Robert-Stolz-Weg 3, 28215 Bremen, Telefon 04 21/ 37 01 21, Fax 04 21/3 61 67 66.


Literaturhinweis: Yuri Parfionovitch, Gyurme Dorje, Fernand Meyer: Klassische Tibetische Medizin, Illustrationen zur Abhandlung Blauer Beryll, zwei Bände im Schmuckschuber, Verlag Paul Haupt, Bern, Stuttgart, Wien, 340 Seiten, 460 DM

|
|