Bemerkungen zu Technik und Materialien
in der frühen zentraltibetischen Malerei
by Robert Bruce-Gardner

Stil und Technik

Die Beschreibung von Kunstwerken und die Festlegung von Stilen gehören zu den grundlegenden Aufgaben des Kunsthistorikers. Die äußere Erscheinungsform - und damit der Stil - eines jeden Bildes wird durch technische Mittel erreicht. Technik kann verstanden werden als Ausnutzung und Manipulation der dem Künstler zur Verfügung stehenden Materialien, um einer vorherrschenden Praxis zu entsprechen oder um religiöse, soziale oder historische Anforderungen zu erfüllen, und ist vom Auftraggeber und letztlich vom individuellen Talent des Künstlers abhängig.

Die europäische Kunst wurde im Laufe ihrer gesamten Geschichte von ständigen Verfeinerungen und Neuerungen der Materialien - und damit der Technik - beeinflusst. Künstler nutzten diese häufig auf verblüffend persönliche Art und entwickelten sie weiter. Da sie beeinflusst von ihren Vorgängern waren und ihrerseits Einfluss auf ihre Nachfolger hatten, können unschwer regionale Schulen identifiziert werden, in denen sie tätig waren.
In der Geschichte der tibetischen Kunst gab es keine vergleichbaren Veränderungen oder Neuerungen, welche die Auswahl unter den verfügbaren Materialien vergrößert hätte, noch können viele einflussreiche individuelle Meister nachgewiesen werden. Was in der tibetischen Kunst jedoch bemerkenswert ist, ist die Variationsbreite in der Anwendung dieser einfachen Möglichkeiten und in der Art und Weise, in der das Bild Gestalt erhält. Dies kann als Fortschritt der Maltechnik und als folgerichtige Stilentwicklung verstanden werden. Eine mit ähnlichen Materialien gemalte, getreue moderne Kopie nach einer Malerei des 14. Jahrhunderts mag in einer Fotografie mit der Vorlage identisch erscheinen; bei einer genauen Untersuchung wird dies aber höchst wahrscheinlich nicht mehr der Fall sein. Der Stil mag der gleiche sein, die Technik jedoch kaum.

In der Geschichte der tibetischen Kunst gab es keine vergleichbaren Veränderungen oder Neuerungen, welche die Auswahl unter den verfügbaren Materialien vergrößert hätte, noch können viele einflussreiche individuelle Meister nachgewiesen werden. Was in der tibetischen Kunst jedoch bemerkenswert ist, ist die Variationsbreite in der Anwendung dieser einfachen Möglichkeiten und in der Art und Weise, in der das Bild Gestalt erhält. Dies kann als Fortschritt der Maltechnik und als folgerichtige Stilentwicklung verstanden werden. Eine mit ähnlichen Materialien gemalte, getreue moderne Kopie nach einer Malerei des 14. Jahrhunderts mag in einer Fotografie mit der Vorlage identisch erscheinen; bei einer genauen Untersuchung wird dies aber höchst wahrscheinlich nicht mehr der Fall sein. Der Stil mag der gleiche sein, die Technik jedoch kaum.

Tibetische Malereien bestehen aus drei verschiedenen, aber eng miteinander verbundenen Malschichten. Der physische Aufbau einer jeden Schicht bestimmt die Eigenschaften der jeweils folgenden und letzten Endes die Erscheinung und Beschaffenheit der Bildgestalt. Das Garn und das Gewebe des Bildträgers schränken die Art und die Eigenschaften der applizierbaren Grundierungen ein, und das verwendete Bindemittel und die Vorbereitung des Malgrunds machen das Auftragen einer Zeichnung und von Farbe möglich, auferlegen aber zugleich gewisse Beschränkungen. Aufgrund der verfügbaren Materialien und der ihm bekannten Techniken kann der Künstler demnach entscheiden, in welcher Weise er vorgeht, um den gewünschten stilistischen Ausdruck und seine individuelle Verwirklichung innerhalb eines spezifischen, festgelegten Auftrags zu erreichen.

Die Vorbereitung der Werkstoffe und ihr Auftragen waren nicht nur für die Ausführung des Bildes, sondern auch für dessen praktischen Gebrauch, ja sogar für dessen physisches Überleben entscheidend. Es ist erstaunlich, dass so viele dieser in Ritualen verwendeten Bilder [von denen einige fast tausend Jahre alt sind] die Flexibilität beibehielten, die es erlaubte, sie jahrhundertelang zusammenzurollen und wieder zu entrollen. Rollbilder von solcher Qualität zu fertigen, verlangte ein fundiertes Wissen von den Eigenschaften der Werkstoffe und von den technischen Verfahren.




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