Bemerkungen zu Technik und Materialien
in der frühen zentraltibetischen Malerei
by Robert Bruce-Gardner


Liniengitter und Vorzeichnungen


Wenn der gewünschte Malgrund aufgetragen war, wurde innerhalb der vorgegebenen Möglichkeiten die Komposition festgelegt. In Anbetracht der kanonischen Regeln der Ikonometrie und des hierarchischen Bildaufbaus wurde dem Bild zuerst jedoch meist ein Liniengitter zugrunde gelegt. Dieses wurde entweder mit Hilfe eines gespannten Fadens erzeugt, der erst in Farbe getaucht und dann gegen die Bildfläche "geschnippt" wurde und so eine gerade Linie mit einem charakteristischen Abdruck hinterließ, oder aber freihändig gezeichnet - was als Folge des unregelmäßigen Drucks der zeichnenden Hand natürlich weniger perfekte Linien von unterschiedlicher Breite und Stärke sowie mit sich ausdünnenden Linien, wenn der Pinsel erneut in Farbe getaucht werden musste, hervorbrachte.

Wir wissen nicht, wie ausführlich - generell oder individuell - diese Liniengitter gewesen sind, denn am Schluss sind sie von der Farbschicht überdeckt. Zuweilen kann man ein solches Liniennetz an den Rändern eines Bildes erkennen, und wenn es mit schwarzer Farbe aufgetragen worden ist, erscheint es wegen der darin enthaltenen Kohle in Infrarotaufnahmen in dunklen Streifen. Das Liniengitter und die Vorzeichnung wurden jedoch häufig in einem dunklen Rot ausgeführt, das im Infrarotlicht reflektiert wird und daher unsichtbar bleibt. Deshalb kann man nicht davon ausgehen, dass ein solches Gitter nicht existiert, wenn man es nicht sieht. Wenn kleinere Partien der darüber liegenden Farbschicht abgerieben oder verloren sind, ist es natürlich möglich, farbige Linienraster oder Vorzeichnungen festzustellen - dies erlaubt aber keine Aussage darüber, wie häufig dieses Grundgerüst wirklich angewendet wurde.

Die einfachsten Gitterlinien markieren den Rand der Komposition und zeigen damit an, wo der Bildträger am Schluss von seiner Spannvorrichtung abgetrennt werden soll, sie haben eine vertikale Mittelachse und gelegentlich von einer Bildecke zur anderen führende Diagonalen, welche den Mittelpunkt des Bildes lokalisieren. Ein Beispiel eines detaillierteren Gitters mit einer flüssigen Vorzeichnung findet man bei einem unerklärlicherweise nicht weiter ausgeführten Bild auf der Rückseite einer Malerei, die sehr große Ähnlichkeiten mit dieser Vorzeichnung besitzt. Ein typisches Merkmal scheint zu sein, dass die Zeichnung nicht sehr detailliert ist. Es werden nur die Umrisse wiedergegeben, Einzelheiten der Physiognomie und der Falten des Gewands sind nur im Hinblick auf die Grundstruktur des Bildes dargestellt. Zeichnungen dieser Art sind eine Voraussetzung für die nachfolgende Malerei und sie richten sich nach den jeweiligen ikonographischen Anforderungen aus, sei es für ein Porträt, für die Darstellung einer bestimmten Gottheit mit ihren Begleitfiguren oder für die konventionalisierte Geometrie eines Mandalas. Die Zeichnungen wurden mit einer dünnen, flüssigen Farbe ausgeführt; ob mit einem weniger dauerhaften Medium gewöhnlich auch ein Kompositionsentwurf skizziert wurde, kann nicht nachgewiesen werden. Nimmt man an, dass eine Vorzeichnung zum Beispiel mit Kohle gemacht wurde, dann hat man sie vor dem Auftragen der Farbe ausradiert. Dies scheint durchaus wahrscheinlich, denn Spuren eines solchen Vorgehens können an einzelnen Stellen, wo die dünnen roten Linien der Vorzeichnung offen liegen, entdeckt werden.

Es gibt einen beträchtlichen Spielraum in der Art, wie die einzelnen Künstler zeichnen. Einige sind eher formell und sorgfältig, andere jedoch eher frei und expressiv oder von einer sanften Formelhaftigkeit. Die Pinselbreite variiert, was auch die Qualität und Feinheit einer Malerei auszeichnen kann. Im Wesentlichen lassen die Vorzeichnungen eher den Prozess des Malens als die künstlerische Kreativität sichtbar werden.

Es bringt dem Künstler wenig Nutzen, in der Vorzeichnung mehr als bloß die Umrisse festlegen zu wollen, denn schon in der ersten Phasen des Malvorgangs werden die Details überdeckt. Zahlreiche Fälle, wo die Vorzeichnung in der Malerei offensichtlich nicht genau beachtet wurde, werden als Bearbeitung oder als Änderung des künstlerischen Konzepts gedeutet. In einer eher pragmatischen und vielleicht vereinfachenden Sicht scheint dies aber eher auf die Malpraxis zurückzuführen sein. Die erste Malschicht ist eine undurchsichtige Farbfläche, welche die Zeichnung überdeckt, und die genaue Wiederholung jeder Einzelheit der Vorzeichnung ist eine Sache des Zufalls. Da die meisten Vorzeichnungen recht skizzenhaft-flüchtig ausgeführt wurden und auf Umrisse und wichtige Einzelheiten beschränkt waren, müssen deutliche Anpassungen und Korrekturen offensichtlich gewesen sein - und sie scheinen auch selten gewesen zu sein. Detailliertere Zeichnungen mögen vorbereitet worden sein, damit der Auftraggeber noch vor Beginn der Malerei das entstehende Bild prüfen und bestätigen konnte.




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