Die Weiße Târâ
tibetisch "sGro dkar po"
Sanskrit: "Sitatârâ"
 
 

Die Târâ ist eine weibliche Gottheit im Bodhisattvarang, sie besteht aus fünf Grundformen (grüne, weiße, blaue, rote und gelbe Târâ) mit zahlreichen Varianten [davon einundzwanzig  Hauptformen]. Târâs gehören zu den beliebtesten Göttinnen im tibetischen Buddhismus. Târâs Beliebtheit beruht auf der Schutzfunktion, die gemäß dem Volksglaubenden Menschen vor den acht großen Lebensgefahren bewahrt, nämlich: 

1. [Schnee-]Löwen 2. Wilde Elefanten
3. Feuer (Waldbrände) 4. Schlangen
5. Räuber 6. [Haft im] Gefängnis
7. Wasserfluten 8. Dämonen (Böse Geister)

Dies ist aber nur die profane Seite der Symbolik, denn im ethischen Sinne des Buddhismus sind ganz andere Gefahren gemeint, die durch menschliche Untugenden entstehen und das Kharma des Menschen zu einer Wiedergeburt im Leiden führen. Der tiefere Sinn ist demnach die Erlösung von menschlichen Fehlern und Lastern, zu der die Hilfe der Göttin angerufen wird. Danach schützt die Târâ vor:

1. Den Löwen des Stolzes 2. Den Elefanten der Verblendung
3. Dem Feuer des Zorns 4. Der Schlange der Eifersucht
5. Dem Räuber der irrigen Ansichten 6. Den Fesseln des Geizes
7. Der Flut der Begierde 8. Dem Gespenst des Zweifels
Um ihren Ursprung ranken sich zahlreiche,zum Teil widersprüchliche Legenden; der häufigste Version nach entsprangen die verschiedenen Manifestationen Târâs den Tränen, die der Bodhisattva Avalokiteshvara vergoß, als er auf die Leiden der Welt blickte. Einer weiteren Legende nach ging sie dem Lichtstrahl Amitabhas hervor, was sich ikonographisch in der Darstellung einer dieser beiden Gottheiten im oberen Bildzentrum eines Thangkas niederschlagen kann. Einer anderen Überlieferung zufolge legte die Prinzessin Jñânacandrâ vor zahllosen Weltzeitaltern das Gelübde ab, allen fühlenden Wesen stets in weiblicher Gestalt auf dem Weg zur Befreiung beizustehen. Aus diesem Geist entstand die Bildform der Târâs als Retterin aus den Acht Gefahren. 

Im 8. Jahrhundert wurden die beiden Gattinnen des tibetischen Königs Srong brtsan sgam po als Inkarnationen vonTârâ erklärt, die chinesische Gattin als Weiße und die nepalesische als Grüne Târâ,womit die erste Splittung dieser Gottheit vollzogen wurde, der bald weitere Göttinnen in fünf Regenbogenfarben folgten. Daneben existiert auch eine Gruppe von 21 sogenannten Regenbogentârâs.

Târâs werden auf Thangkas entweder sitzend oder stehend abgebildet [letzteres wenn sie als Begleiterinnen einer Zentralfigur auftreten]. Sie sind immer in Bodhisattvakleidung, mit Ausnahme der tantrischen Erscheinungsformen, und weisen den vollerblühten Lotos (Symbol für den Tag) oder den blauen, geschlossenen Lotos [Symbolfür die Nacht] auf, um ihre tägliche und nächtliche Güte und Mitleid auszudrücken. 

Das Wort Târâ ist abgeleitet von der Sanskrit Wurzel "tr" (= hinübersetzen). So ist Târâ diejenige, "die einen heil hinüberbringt über den Strom der Existenzen".Târâ bedeutet aber auch "Stern" und "Sternbild". 

Die Târâ ist die Verkörperung der schützenden Aktivität des erleuchteten Mitleids, die der Fürsorge einer Mutter für ihre Kinder gleicht. Da das wachsame und handelnde Mitgefühl die Grundlage bildet, auf der die Erleuchtung heranreift, wird Târâ auch die "Mutter aller Buddhas der drei Zeiten [Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft] genannt.

Da auf dem Boden der Heilsaktivität die Erleuchtung heranreift, wird Târâ auch als die "Mutter aller Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" bezeichnet, was bildlich durch die Frucht, die Blüte und die Knospe des Blauen Lotos angezeigtwird. Târâ hat 21 Haupt-Erscheinungsformen und wird durch das heilige Mantra Om Tare Tuttare Ture Soha" angerufen. Dieses Mantra gilt nach spiritueller Ansicht als besonders geschützt, es sollte daher nur mit ausdrücklicher Genehmigung eines buddhistischen Gelehrten [Lama, Rinpotsche] rezitiert werden. Die Rezitation dieses Mantras erfolgtstets nur im Geiste und nicht laut gesprochen. 

Die Weiße Târâ ist die populärste Göttin und Schutzpatronin der Mongolei, wo sie - abweichend vom tibetischen Glauben - nicht als Erscheinungsform der grünen Târâ, sondern als eigenständige Gottheit gilt. Sieben alles erblickende Augen der Weisheit öffnen sich an Haupt, Händinnenflächen und Fußsohlen. Sie symbolisieren die stete Wachsamkeit des Mitgefühls.

Die "Weiße Retterin" verkörpert die aktive, mütterlich schützende Ausstrahlung des "GroßenMitleids", die dem Meditierenden ein langes Leben und Schutz vor den acht inneren und äußeren Gefahren gewährt. 

Bei Statuen lassen sich beide am besten durch die unterschiedliche Fußhaltung voneinander unterscheiden. Während die Weiße Târâ in der Meditationshaltung sitzt, ruht der rechte Fuß der Grünen Târâ auf einer kleinen Lotusblüte, die sich vor dem Thron separat erhebt. Diese Fußstellung zeigt ihr Verweilen in immerwährender Meditation an, aus der heraus sie jederzeit zum Wohle aller fühlenden Wesen wirkt. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal sind die nur bei der Weißen Târâ vorhandenen zusätzlichen fünf Augen auf Handinnenfläche, Fußsohlen und Stirn. 

Zu den zahlreichen Varianten gehört auch die Weiße Târâ mit dem unaussprechlichen Namen Ushnisha Sitatapatra, die über eintausend Köpfe, Arme und Beine verfügt.

Die Gesten der rechten Hand einer Gottheit, der männlichen Seite, sind Ausdruck ihrer Aktivität, während die Gesten der linken, der weiblichen Seite, den Weisheitsaspekt versinnbildlichen.

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