Der Bodhisattva Manjushri
tibetisch „Jam dbyans
 

Mañjushrîs Name heißt aus dem Sanskrit übersetzt „der von lieblicher Schönheit“. Mañjushrî  ist der Bodhisattva der Weisheit und der Literatur. Er ist auch für den Laien leicht an seinem Schwert der Erkenntnis in der rechten Hand und dem links neben ihm regelmäßig dargestellten tibetischen Buch, daß auf Lotosblüten ruht, zu erkennen. Er ist der Herr der Weisheit und gibt denen, die die Lehre des Buddha in der Welt bekanntzumachen suchen, Inspiration und Beredsamkeit. Als Schutzpatron der Gelehrten und Studenten und als Herr der Wissenschaften, namentlich der Grammatik, eröffnet er denen, die ihn anrufen, das Verständnis der Schriften und verleiht ihnen Erkenntniskraft und Gedächtnis. 

Mit ihm beginnt das Jahr, dessen erster Tag ihm geweiht ist, und jeder einzelne Tag. Allmorgendlich wird er in Tibet gepriesen, denn er vertreibt mit seinem Flammenschwert die Dämonen der Finsternis, bringt Licht und ermöglicht den Anfang. Vor jedem geistigen Unternehmen ist es gut, seiner zu gedenken. Außerdem ist er der himmlische Architekt, der den irdischen Baumeistern eingibt, wie würdige Tempel zu errichten sind. 

In Tibet werden Mönche mit überragender Gelehrsamkeit oft als Teilwiedergeburt Mañjushrîs angesehen. Die Nepalesen sehen in ihm den Wegbereiter ihrer Kultur. Der Legende nach hat Mañjushrî in Nepal eine Insel mit einem Heiligtum inmitten eines Sees voller Ungeheuer vorgefunden. Mit einem Schlag seines Schwertes habe er darauf die Bergkette nach Süden geöffnet, das Wasser zum Abfließen gebracht und so das Tal und den Zugang zum Heiligtum trockengelegt. Bei dem Tal handelt es sich um das heutige Kathmandu-Tal. Das Heiligtum ist der berühmte Stupa von Svayambhunat, der in ganz Nepal von Hindus und Buddhisten verehrt wird. 

Der Bodhisattva der Weisheit wird auch in China hoch verehrt, er soll sogar seinen Wohnsitz auf einem fünfgipfeligen Berg Wuhai in der westchinesischen Provinz Shansi haben. Von hier aus soll er die Buddhalehre in das Reich der Mitte eingeführt haben. 
Die frühesten Erwähnungen Mañjushrîs stammen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Seine äußere ikonographische Festlegung ist dagegen wesentlich jünger. Es gibt 20 verschiedene Darstellungsformen von Mañjushrî, von denen die mit dem Flammenschwert in seiner Rechten die mit Abstand häufigste. 

Im Tibetischen Buddhismus werden außergewöhnliche Gelehrte, wie z. B. Tsongkhapa (der Gründer der „Staatskirche Tibets“ der Gelugpa) als Inkarnationen des Mañjushrî angesehen. Unter dem Namen Manjughosha („Der mit der sanften Stimme“) wird dem Bodhisattva der Weisheit häufig zu Beginn von philosophischen Texten Verehrung bezeugt. Er ist dabei Symbol für die Erfahrung der Erleuchtung, wie sie in der intellektuellen Darlegung zum Ausdruck gebracht wird. 

In seiner rasenden Form wird Mañjushrî als Yamantaka („Der dem Herrn des Todes ein Ende bereitet“) bezeichnet und tritt als eine stierköpfige Gottheit in Erscheinung.

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