Der Dharmapala Mahakala
tibetisch " Nag po chen"
 

Mahâkâla gehört zu den Dharmapâlas [tib. chos kyong oder srung ma]. Zu den Dharmapâlas zählen insbesondere alttibetische Geister, Dämonen und Gottheiten, die vom Religionsstifter Padmasambhava durch magische Handlungen unschädlich gemacht und für den Buddhismus gewonnen worden. Überwiegend weisen die Dharmapâlas die für sie typische häßliche Ausstattung der furchterregenden oder zornvollen Gottheiten auf. 

Von Mahâkâla existieren 75 verschiedene Erscheinungsformen, die alle auf die hinduistische Gottheit Shiva zurückzuführen sind. Mahâkâla ist der besondere Feind der Anhänger anderer Religionen und Bekämpfer des Buddhismus, die er bei lebendigem Leibe auffrißt. 

Mahakala, u. a. der Schützer der Kagyüpa-Schule und der Dalai Lamas, besitzt ein furchterregendes Äußeres und wird mit einem schwarzen Körper dargestellt. Als Hauptaufgabe werden ihm vier Aktivitäten zugeordnet: Bezähmen, Bereichern, Anziehen und Zerstören. Diese Aktivitäten können sich auf innere und äußere Hindernisse beziehen. 

Mahakala steht in lebhafter, frontaler Haltung vor dem Betrachter. In seinen beiden vorderen Händen hält er ein flammendes Wunschjuwel [Cintamani] und eine Schädelschale mit der Schatzvase. 

Die anderen rechten Hände halten eine Trommel mit flatternden Bändern und ein Vajra-Hackmesser über einer Schädelschale, wodurch angedeutet wird, daß die scharfe Schneide der Weisheit alle negativen, materialistischen Haltungen zerstückelt, die sich in der Schädelschale als Symbol für das Verständnis der Leerheit befinden. 

Seine übrigen linken Hände halten einen eisernen Stachelstock [khatvanga] und einen dreispitzigen Katvanga-Stab. Dieser Dreizack durchbohrt mit seinen drei Spitzen die „Drei Gifte“ Illusion, Begierde und Haß. Außerdedm symbolisiert der Stab die Beherrschung des feinstofflichen Nervensystems. 

Die hinteren zwei Hände halten eine Elefantenhaut hoch. Er steht auf zwei ausgestreckten Emanationen seiner selbst als elefantenköpfiger Ganesha, dem hinduistischen Gott des Reichtums und trägt ein schön gezeichnetes Tigerfell, das weit ausgebreitet seinen Unterleib unter dem gewölbten Bauch bedeckt. Er ist üppig mit hin und her schwingenden, goldenen Gürtelketten, runden Perlenschnüren, reich vergoldeten und mit Edelsteinen geschmückten Armbändern, Fußspangen und Ohrringen und der Fünf-Schädel-Krone geschmückt.  

Mahakala ist von untersetzter Statur, mit einem großen viereckigen Kopf, mächtigen Händen und plumpen Füßen. Als zornvolle Manifestation verfügt Mahakala über die Macht, die den Geist versklavenden Emotionen zu besiegen und innere, spirituelle Hindernisse zu überwinden. Er hat ein furchteinflößendes Gesicht mit drei hervorquellenden Augen. Sein ruhiger, gelassener Mund zeigt knirschenden Fangzähnen, die erkennen lassen, daß er jeglichen trügerischen Widerstand des Bösen zermalmt. Sein Körper ist massig und gedrungen, sein Bauch vor innerer Kraft geschwollen. Er trägt den Schmuck zornvoller Gottheiten. Seine Fünf-Schädel-Krone symbolisiert die Transformierung der Fünf Geistesgifte Haß, Gier, Stolz, Neid und Unwissenheit in die Fünf Weisheiten. Sein Kopfschmuck wird von sich windenden lebendigen Schlangen zusammengehalten, und Schlangen trägt er auch als Ohrringe, als Brahmanen-Schnur, als Armbänder und als Fußreifen. Eine Halskette aus 50 abgeschlagenen Köpfen symbolisiert die Überwindung der Geisteshaltungen Wollust, Verstellung, Aggression, Bosheit, Heuchelei, usw. Er trägt ein Tigerfell um die Hüften, dessen Beine hinter seinem Rücken zusammengebunden sind und dessen Kopf auf seinem rechten Knie liegt. Er sitzt auf dem ausgestreckten fleischfarbenen Körper des Dämons der Selbstsucht. 

Er trägt diesen grauenerregenden Schmuck, weil er damit seine unermüdliche Entschlossenheit, selbst das Schreckliche zu erlösen, demonstrieren will.

Oft erscheint er am inneren Eingang eines Tempels oder in einem besonderen Schrein. Sein Mythos berichtet uns, daß er von Avalokiteshvara bezwungen wurde. Manchmal wird er sogar als zornvolle Form dieses Bodhisattva des Mitleids angesehen. 

Außer einer Kette von frisch abgetrennten Menschenköpfen, die auf seinen Sieg über die 50 negativen Gefühle und Konzepte anspielt, und einem gewaltigen Schwert in seinem Gürtel, trägt er eine Halskette aus Menschenherzen, die seine Fähigkeit, alle Arten von Selbstgefälligkeit überwinden zu können, symbolisiert. Zwischen seinen wallenden Gewändern lassen sich Schädel und Schlangen erkennen; eine abgezogene Elefantenhaut umhüllt seine Schultern. 

Mahakala zahlt zu den beliebtesten unter den zornvollen Gottheiten Tibets. Zwar berichtet eine Legende von seiner Zähmung durch Manjushri und Avalokiteshvara, manchmal aber bezeichnet man ihn auch als zornvolle Manifestation des Bodhisattva des Mitleids. Mahakala kann als Yidam Gottheit angesehen werden, die als erleuchtetes Wesen, mit dem sich der praktizierende Gläubige identifiziert, dient, oder auch als zornvoller Beschützer, als Schutzgottheit der buddhistischen Lehre [Dharma] und seiner Anhänger. In seiner eigenen Mahakala Tantra-Literatur, die mit dem Großen Meister Shavaripa assoziiert wird, kommt ihm der Status einer Yidam Gottheit zu, während er in späterer Zeit in Tibet meist als wichtige spirituelle Schutzgottheit verehrt wurde. Praktiken in bezug auf Mahakala als Yidam waren besonders im westlichen Tibet des späten 10.-12. Jh. verbreitet und basierten auf den Offenbarungen des Mahakala, die Rinchen Zangpo [958-1055] empfing.

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