Der Bodhisattva Avalokiteshvara tibetisch "Tschenresi", sPyan.ras.gzigs "

Avalokitesvara


Der Bodhisattva Avalokitesvara ist der Schutzpatron Tibets, die Verkörperung von Güte und Barmherzigkeit und dürfte der bekannteste Bodhisattva sein. Er gilt als geistiger Sohn des Dhyâni Buddha Amitâbha. 

Die wörtliche Bedeutung von "Avalokiteshvara" wird verschieden interpretiert, einerseits als "Der Herr, der herabschaut", wobei der letzte Wortbestandteil als "ishvara", "Herr", verstanden wird, andererseits als "Der die Klänge [Schreie] der Welt wahrnimmt [erhört]" oder auch als "Der Klang, der die Welt erleuchtet", wobei man "svara", "Klang", als letzten Bestandteil des Wortes ansieht. Sein tibetischer Name bedeutet wörtlich "Mit klaren Augen schauend". 

Avalokiteshvara verkörpert einen der beiden wesentlichen Aspekte der Buddhaschaft, das Erbarmen, weshalb man ihm oft auch den Beinamen "Mahakaruna", das Große Erbarmen, gibt. Der andere wesentliche Aspekt der Buddhaschaft ist Weisheit die von dem Bodhisattva Manjushri verkörpert wird. Avalokiteshvara ist die als Bodhisattva wirkende Kraft des Buddha Amitabha und tritt als einer seiner Helfer auf. Sein grenzenloses Erbarmen drückt sich in seiner wunderbaren Macht aus, allen Wesen zu helfen, die sich in akuter Gefahr an ihn wenden. Im Volksglauben schützt er zudem vor Naturkatastrophen und gewährt Kindersegen. 

Von ihm gibt es 108 verschiedene Erscheinungsformen [= heilige Zahl in Tibet], die sich durch die Anzahl der Köpfe und Arme sowie die Attribute unterscheiden. Häufig wird er mit tausend Armen und Augen, elf Gesichtern und tausend Armen usw. abgebildet. Im Kopfschmuck trägt er meist eine kleine Statue des Buddha Amitabha, die sein sicherstes Erkennungszeichen darstellt. In den Händen hält er oft eine blaue Lotosblüte [daher sein Beiname Padmapani, "Der einen Lotos Haltende"] und eine Flasche mit Nektar. Die große Anzahl von Armen symbolisiert seine Fähigkeit, jeder Situation entsprechend zum Wohle aller Lebewesen zu wirken. 

Bei der Darstellung mit elf Gesichtern trägt Avalokiteshvara auf seinem Kopf in Form einer Krone weitere neun Bodhisattva-Köpfe und einen Buddha-Kopf; letzterer ist der Kopf des Buddha Amitabha . Je drei der Bodhisattva-Köpfe verkörpern Erbarmen mit den Leidenden, Zorn über das Böse und Freude über das Gute. Nach einer anderen Auffassung symbolisieren sie die zehn Stufen der Laufbahn eines Bodhisattva und die Frucht der Buddhaschaft. 

Der Dalai Lama gilt als Manifestation der vierarmigen Avalokiteshvara Erscheinungsform "Sadaksarî Lokesvara" [tib.: "Spyanras gzigs yi ge drug pa jo lugs"]. 

Eine Legende erklärt die Herkunft der Darstellung mit elf Gesichtern und tausend Armen [Sanskrit: "Sahasara-bhuja Avalokiteshvara", tib.: "Phyag ston spyan ston spyan ras gzigs". Der mitleidige Avalokiteshvara stieg eines Tages in die Höllenwelt hinab und empfand dort beim Anblick der gequälten Wesen so brennenden Schmerz, daß ihm der Kopf platzte. Sein geistiger Vater Amitabha, fügte die Stücke zu elf neuen Köpfen zusammen und zwar so, daß daraus neun gütig blickende Anlitze und ein zorniges entstanden,auf deren Spitze er sein eigenes setzte - Symbol der Hoffnung fürdie Trostlosen in dieser Welt. Der Wunsch, allen Wesen zu helfen, ließ Avalokiteshvara tausend Arme wachsen, in deren Handflächen sich je ein Auge befindet. 

Er gilt in Tibet als Schutzpatron des "Schneelandes", und die für den tibetischen Buddhismus zentralen Ereignisse und Persönlichkeiten werden mit dem Wirken des Avalokiteshvaras in Zusammenhang gebracht. So sieht die Legende in ihm den Gründungsvater des tibetischen Volkes, und auch der für die Einführung des Buddhismus in Tibet verantwortliche König Songtsen Gampo [620-649] wird als Verkörperung des Tschenresi angesehen. 

Die ihm zugeordnete Sanskrit-Formel "OM MANI PADME HUM", [tibet.: "OM MANI PEME HUNG"] wurde als erstes Mantra in Tibet eingeführt und ist dort bis heute das am weitesten verbreitete Mantra [siehe Abbildung oben]. 

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