Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Rundbrief Dezember 2012 -

Liebe Freunde,

im Oktober-November erlahmt Nepal für einen ganzen Monat. Die Nepalesen denken nur noch daran, die vielen religiösen Feste zu feiern, die in dieser Zeit stattfinden. Die meisten Bewohner aus Kathmandu fahren in ihr Ursprungsdorf, und nichts und niemand kann dieses Reisefieber verhindern. Die Hauptstadt ist dann leer, und erst nach Dipawli, dem Fest der Lichter, kehrt das Land zu seiner Normalität zurück. An diesem Abend des Neu-monds werden die Häuser erleuchtet und die Türen offen gelassen, denn die Göttin Laxmi soll dann zu Besuch kommen und die Menschen mit Reichtum für das kommende Jahr segnen…

Die Straßen sind danach mit entsetzlichen Müllbergen bedeckt, weil ja niemand in den letzten vier Wochen zur Arbeit erschienen ist. Aber dies stört keinen, denn den Nepalesen macht es nichts aus, in einer verseuchten Umgebung zu leben. Während die Politiker die Zukunft des Landes zerreden und nichts tun, fließt das Geld der internationalen Geldgeber zum großen Teil in die Taschen korrupter Beamter. Manche Länder, wie z.B. China, versuchen diese allgemeine Korruption zu verhindern, indem sie direkte und konkrete Hilfe leisten: Letztes Jahr stellte die chinesische Regierung der Stadt Kathmandu 4000 Mülltonnen zur Verfügung, von denen die meisten aber schnell gestohlen oder zerstört wurden. Andere Müllbehälter wurden von Hotelbesitzern unbenutzbar gemacht, weil sie dachten, dass sie ihren Müll in diesen Plastiktonnen verbrennen sollten…

Durch die starken Preiserhöhungen sind es wieder die Ärmsten, die leiden müssen. Eine nepalesische Familie der Mittelklasse braucht heute etwa 650 Euro im Monat, um zu über-leben. Dabei verdienen ausgebildete Menschen monatlich 150 bis 300 Euro. Die meisten Nepalesen schaffen es aber kaum, 50 bis 100 Euro zu verdienen, und dies, indem Frauen und Männer sich für Schwerstarbeiten als Zement- und Steinträger auf Baustellen verkaufen. Den Leuten, besonders Frauen, die eine hohe Ausbildung abgeschlossen haben, ist es unmöglich, eine Arbeit zu finden, ohne vorher fette Schmiergelder an ihren Arbeitgeber zu zahlen. Der Arbeitgeber verlangt offiziell nichts, aber der Arbeitnehmer wird solange abgelehnt, bis er irgendwann wortlos einen Umschlag mit oft mehreren Tausend Euro auf den Schreibtisch seines zukünftigen Chefs legt. Kinderarbeit ist in Nepal verboten, aber die meisten Hausdiener in wohlhabenden Familien sind Kinder unter 10 Jahren, die für ihre Arbeit "Kost und Logis" bekommen, das heißt: einen Platz für Ihre Schlafmatte irgendwo im Haus. In den Dörfern können Familien sich mindestens von Vieh und Reisanbau ernähren und in Würde Leben. Diejenigen aber, die alles verkauft haben, um in Kathmandu ihr "Glück" zu versuchen, landen in den Slums. Und dort arbeiten wir unermüdlich weiter.

Die Vernichtung der Slumsiedlungen durch die Regierung hat vorübergehend aufgehört. Auf dem Gelände des völlig zerstörten Slum von Thapatali zelten die Menschen in der Winterkälte weiter unter Plastikplanen. Wir sorgen für die Gesundheit der 300 dort lebenden Kinder, indem wir täglich unseren mit Vitaminen und Mineralien angereicherten Milchbrei an sie verteilen: der wirksamste und wertvollste Einsatz unseres Projekts! Außerdem beliefern wir die Bewohner mittels eines Lkws regelmäßig mit Trinkwasser. Nicht nur in dem Slum von Thapatali haben wir Hunderte von Winterjacken verteilt, sondern auch im Slum von Banshigat - dort führen wir den Kindergarten weiter - und in dem von Sinamangal, wo Sija und Muna im Gesundheitsposten nach wie vor Menschen beraten und mit Medikamenten versorgen. Auch ärztliche Untersuchungen der Kinder wurden in diesem Monat wieder durchgeführt.

Zurzeit kümmern wir uns um ein "Kind" aus dem ehemaligen Children´s world: Dipesh Lopchan, 25. Im September wurden wir von einem seiner Brüder benachrichtigt, dass Dipesh, der bis vor kurzem in einem Hotel in Goa, Indien, gearbeitet hatte, seit Wochen gelähmt in seinem gemieteten Zimmer lag und kein Geld für Untersuchungen hatte. Wir ordneten eine MRT des Gehirns an, die einen sehr bösartigen Tumor zeigte. Dipesh musste ganz dringend an Ort und Stelle operiert werden, sonst wäre er nach ein paar Tagen gestorben. Dipesh weiß, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat, und bekommt jetzt in Kathmandu Bestrahlungen und Chemotherapie. Diese Behandlung soll ihm helfen, diese ihm verbleibende Zeit in einem relativ guten Zustand zu verbringen, da der Tumor andernfalls erneut wild wachsen und einen zu großen Druck in seinem Schädel verursachen würde. Im Krebskrankenhaus von Bhaktapur bei Kathmandu trifft man auf unendliches Leid. Indrajit, s. Photo, leidet seit zwei Jahren an dem gleichen Krebs wie Dipesh. Seine Eltern, wie so viele andere Nepalesen auch, haben alles in ihrem Dorf verkauft in der Hoffnung, dass ihr Kind in Kathmandu geheilt wird. Sie waren trotzdem nicht in der Lage, für ihn die bestmögliche Behandlung zu bezahlen. Inzwischen ist er erblindet, gehörlos geworden und spricht nicht mehr. Die Art, wie mit Krebspatienten in diesem Krankenhaus umgegangen wird ist geradezu unmenschlich und empörend. Das Personal ist äußerst unfreundlich und behandelt die kranken Menschen wie Tiere.

Viele Nepalbesucher sind vom freundlichen Wesen der Nepalesen begeistert. Einen anderen Eindruck bekommt man, wenn man, wie wir, viele Jahre dort arbeitet und versucht, die Ärmsten zu unterstützen. Die nepalesische Gesellschaft erweist sich den Armen gegenüber als rücksichtslos, egoistisch und sogar grausam. Muna, die im Projekt arbeitet, erzählt Ihnen dieses Mal in ihrem Brief (s. letzte Seite), was es heißt, der Kaste der Unberührbaren anzugehören. Wüsste der Vermieter der Wohnung, in der die Mädchen wohnen, die für das Projekt arbeiten, dass sie unberührbar ist, hätte er unsere kleine "Kinder-Hilfe-Nepal-Gemeinschaft" schon längst hinausgeworfen!

Trotz allen Höhen und Tiefen hat unser Projekt sein 25. Jahr erreicht. Auch wenn es einem schwer fällt, soviel Diskriminierung und Feindseligkeit unter Nepalesen akzeptieren zu müssen, können uns die Ärmsten in ihrem elenden, verzweifelten Leben nicht gleichgültig werden. Und Sie sind es auch, die uns stark motivieren. Ohne Ihre treue Unterstützung wäre diese Arbeit nicht möglich. Dafür bedanken wir uns bei Ihnen allen herzlich!

Eine schöne Weihnachtszeit und Glück und Gesundheit im neuen Jahr wünscht Ihnen

!Elisabeth Montet