Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief Dezember 2004 -

Liebe Freunde,

an manchen klaren Wintertagen, wenn der Wind den schmutzigen Schleier der Fahrzeugabgase vom Kathmandutal wegfegt, erscheint der umliegende Himalaya in seiner voller Pracht und erinnert daran, wie friedvoll und glücklich die Nepalesen leben könnten, wenn die politische Situation nicht so schlimm wäre. Seit Herrn Bushs Wiederwahl wird das Land verstärkt militarisiert, um die maoistischen "Terroristen" zu vernichten, die in immerhin über mehr als 40% des Landes regieren. Der vom König ernannte Premierminister hat den Rebellen eine Frist bis zum 13. Januar 2005 gegeben, um mit Friedensverhandlungen zu beginnen. Für sie kommt es nicht in Frage, mit Herrschern zu verhandeln, die sie als Terroristen bezeichnen, und sie verlangen für solche Gespräche die Vermittlung der UNO. Der König und seine Regierung weigern sich bis jetzt, diese Bedingungen zu akzeptieren, und haben im November auf brutale Weise ein Beispiel davon gegeben, was passieren wird, wenn die Rebellen diese Gespräche ablehnen: Mit amerikanischer Ausrüstung wurde eines ihrer Trainingslager durch Luftangriffe völlig vernichtet, bei denen etwa 300 Rebellen getötet wurden. Die Maoisten sind den amerikanischen Waffen nicht gewachsen und antworten mit Bomben, die aus Schnellkochtöpfen hergestellt werden und gezielt hohe Persönlichkeiten von Armee und Polizei töten sollen. Immer mehr Bergeinwohner fliehen vor den Grausamkeiten des Zivilkrieges in das übervölkerte Kathmandu, wo sich jetzt viele Maoisten eingenistet haben und im Untergrund arbeiten. Die Studentenorganisationen und alle Parteien demonstrieren ständig und verlangen eine Rückkehr zur Demokratie, während Armee und Polizei die Hauptstadt eher "schmücken", als dass sie sie beschützen würden. Dieses unübersichtliche Chaos, in dem die Korruption weiterhin blüht, nehmen die Einwohner Kathmandus mit einer unglaublichen Passivität und Gleichgültigkeit hin. Wenn es an Gemüse mangelt, dann isst man halt nur Reis. Das reicht.

In den Slums ist diese Ernährungsweise ohnehin üblich. Die Kinder sehen zwar rundlich aus, leiden aber meistens an Unterernährung.Das hat uns der Kinderarzt Dr. Poudel bestätigt, den wir beauftragt haben, die 100 Schulkinder zu untersuchen. Fast alle mussten "entwurmt" werden, und viele litten an chronischen Infektionen. Beim Jungen Sujit, der auch am Down-Syndrom leidet, ist die Gesundheitslage sehr kritisch. Er muss sich so schnell wie möglich einer Herzoperation unterziehen, da er sonst bald sterben wird. Es war eine Riesenaktion, den Vater des Jungen von der Notwendigkeit dieser Operation zu überzeugen, da er die für ihn enorme Summe von 2.200 Euro für sich selbst verwenden wollte! Schließlich sind es Vater und Mutter, die die notwendigen Formulare zur Operation unterschreiben müssen, und dieser schwere Eingriff ist für unser Projekt und unsere Mädchen, die in den Slums mit soviel Engagement arbeiten, ein großes Risiko. Denn läuft bei der Operation etwas schief und der Junge stirbt, dann besteht die Gefahr, daß sich der Zorn der 3000 Menschen der Slums gegen die Mädchen wendet und sie ermordet werden könnten. Nach vielen Stunden Diskussion, in denen wir von dem Slumskomitee unterstützt wurden, schien der Vater, der meistens betrunken und gewalttätig ist, in einer trockenen Stunde zu verstehen, dass diese Operation zwar ein Risiko mit sich brächte, aber dass der Junge andernfalls aber in ein paar Wochen sterben müsste.

Seine Mutter wird bei ihm im Krankenhaus bleiben, und unsere Großen werden sich an seinem Bett Tag und Nacht abwechseln, da in Nepal - auch im neuen Herzzentrum Kathmandus - jede Spritze, alle Verbände, Medikamente etc... von den Angehörigen gekauft werden müssen. Sogar das Essen muss man von "zu Hause" mitbringen, weil es in keinem Krankenhaus eine Küche für Patienten gibt.

Sija ist sehr engagiert in ihrer Arbeit in den Slums und macht jetzt früh morgens eine Ausbildung, die ihr die Rechte einer dortigen Krankenschwester geben wird: Injektionen verteilen, Wunden nähen, erste Hilfe leisten etc. Das Elend in den Slums ist so groß, dass wir in der Schule einen Metallschrank mit den geläufigen Medikamenten wie Paracetamol, antibiotische Salben, Hustensäfte, Verbände etc. aufbewahren. Die Frauen kommen von sich aus mit ihren körperlichen Beschwerden zur Schule, um sich von Sija Rat zu holen, weil sie nicht zum Arzt gehen wollen. Wenn es wirklich nötig ist, werden sie in ein billiges Krankenhaus geschickt.

Eine Frau kam mit einer so schlimm infizierten Wunde am Finger, dass der Knochen zu sehen war. Die geschwollene Hand zeigte, dass der Finger bald amputiert werden müßte, und vierzehn Tage lang wurde die Wunde gereinigt, mit einer antibiotischen Salbe verbunden, so dass der Finger gerettet werden konnte.

Da viele Eltern nicht richtig für ihre Kinder sorgen, helfen wir den Müttern, wo wir nur können, und übernehmen die für die Kinder notwendigen medizinischen Kosten. Die Frauen der Slums haben ein schweres Leben und müssen ihre Kinder übers Wasser halten, während die Männer das bisschen Geld, das sie täglich verdienen, verspielen und vertrinken. Wir sagten Dr. Poudel, daß wir mehr für diese Kinder tun wollten und haben auf seinen Rat hin eine kleine Küche installiert, die für 200 Euro im Monat 6 Mal in der Woche einen multivitamin- und multimineralienreichen Milchbrei zubereitet. Ganz besonders die 50 kleineren würden sehr davon profitieren, meinte er, da diese tägliche Schale ihr Wachstum erheblich fördern würde. Eine ganze Woche hat es gedauert, bis wir aus diesem reichhaltigen Pulver aus Indien eine leckere Creme ohne Klumpen produzieren konnten. Hundert Kinder damit zu füttern ist nämlich kein leichtes Spiel, aber die zwei Helferinnen der Slums haben jetzt alles gut im Griff.
In unserem vergleichsweise "eleganten" Heim kämpfen wir immer noch um Wasser.

Die Regierung lässt die so wertvolle Flüssigkeit nur eine Stunde am Tag fließen, und unsere gebohrten Brunnen geben jetzt in der Trockenzeit keinen Tropfen mehr her. Wir bemühen uns mit dem Vermieter, eine Lösung zu finden, da wir sonst das Haus verlassen müssten, wovor er große Angst hat. Die meisten wohlhabenderen Leute, die in Kathmandu ein Haus besitzen, müssen es vermieten, um von dem Geld leben zu können, und ziehen selbst in eine bescheidene Wohnung. Der Vermieter verspricht immer wieder, mit den Wasserwerken darüber zu sprechen. Das tut er auch und dann wird die Lage normal, aber nur für ein paar Tage.

Für unseren behinderten Raj Kumar wäre ein Umzug ein großer Verlust, denn es wäre schwierig, ein Haus mit einem so schönen Garten zu finden, der ihm eine große Lebensqualität schenkt.
Sharmila muß noch etwas warten, bis ihr rechter Fuß sie tragen kann, um den linken ebenfalls operieren zu lassen.

Auch Sabin, der Sohn eines unserer Angestellten muss jetzt monatelang Stützen tragen, die seine O-Beine gerade ziehen sollen. Wir freuen uns sehr, dass Subash, der im Sommer sehr ernsthaft vom Typhus betroffen war, nach drei Monaten schwerer Depression jetzt wieder völlig gesund ist. Unserem Baby Nelson geht es blendend. Er hat das Glück, deutsche "Eltern" gefunden zu haben, die ihn zwar nicht adoptieren können, aber seine Zukunft finanzieren und sichern wollen.

Kleine und Große lernen wegen der schwierigen politischen Lage mühsam, aber sie kommen fleißig voran. Ram Pukhar hat sich als Computerlehrer selbständig gemacht und kommt oft auf Besuch. Natürlich dauert es noch einige Jahre, bis die Kinder ihr Ziel erreicht haben. Einige Spender meinen, dass die unseren Briefen beigelegten Fotos ein viel zu schönes Leben unserer Kinder darstellen. Das Elend Nepals und anderer Länder kann man sich, unserer Ansicht nach, mehr als genug im Fernsehen anschauen. Wir möchten Ihnen lieber durch unsere Bilder zeigen, was wir mit Ihrem Geld erreicht haben, nämlich 150 Kindern ein würdiges Leben zu bieten. Und wir sind auch stolz sagen zu können, dass unsere Großen, die zu Erwachsenen werden, mit immer größerer Ernsthaftigkeit Verantwortung an dem Projekt tragen und ständig in den Slums mithelfen.

Alle Menschen, die in Nepal von Ihnen Unterstützung bekommen, bedanken sich bei Ihnen sehr und wünschen Ihnen, so wie wir, fröhliche Weihnachten und ein gutes, gesundes neues Jahr 2005. Ganz

herzliche Grüße!
Elisabeth Montet