Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief Dezember 2003 -

Liebe Freunde,

die chaotische politische Situation Nepals wird immer schlimmer. Da die Regierung des Königs die einfachsten Schritte zur Demokratie nicht gehen wollte, haben die Maoisten die Friedensverhandlungen abgebrochen und den bewaffneten Kampf wieder aufgenommen. Sie sind jetzt aggressiver denn je, weil sie den modernen Waffen gegenüber ziemlich hilflos sind, mit denen Herr Bush König Gyanendra weiter unterstützt. Ungefähr 100 US-Army-Soldaten trainieren die nepalesische Armee, während die Rebellen, die jetzt wieder als "Terroristen" gelten, Polizisten und Armeeoffiziere erschießen, Banken ausrauben und alle Zivilisten umbringen, die verdächtigt werden, Spione der Armee zu sein. Ca.5000 Menschen sind 2002 an beiden Fronten gestorben und beide Seiten übertreffen sich gegenseitig an Grausamkeit, Folter und Massakern.

"Unser" Soldat Baghat fängt an sich zu fürchten, weil er bald in den Kampf gegen die Rebellen geschickt wird. Da Angehörige von Soldaten der königlichen Armee jetzt auch von den Maoisten getötet werden, flüchtete sein Vater ohne Gepäck aus seinem Dorf nach Kathmandu. Inzwischen leben 10 Millionen der 23 Millionen Einwohner des Landes im "befreiten" Nepal, und die Maoisten haben während des sechsmonatigen Waffenstillstands in der Hauptstadt Fuß gefasst, wo sie jetzt im Untergrund leben. Die ausländischen Geldspender, inklusive Deutschland, drohen, ihre Hilfe zu streichen, wenn es der Regierung nicht gelingt, Frieden und Demokratie im Lande wiederherzustellen. Fast täglich steht auf der ersten Seite der Zeitungen, wer der nepalesischen Regierung wieder einmal Millionen von Euro zur Verfügung stellt. England, Deutschland, die Unesco und andere UNO-Gesellschaften sind bereit, das Land mit 814 Millionen US$ für Erziehung und Bildung zu unterstützen!!! Und wir - kleine Hilfsorganisationen, die für die Schul- und Universitätsgebühren unserer Kinder fast die Hälfte unseres Budgets ausgeben müssen - wundern uns sehr, --wohin diese Riesensummen wohl fließen, denn aus unserer 15 jährigen Erfahrung in Nepal wissen wir, dass Bildung nur den Reichen zugänglich ist und ständig teurer wird. Das ist die dunkle und undurchsichtige Seite der internationalen Hilfe für Nepal.

In "Children's World" dagegen blüht die erste Generation unserer Kinder richtig auf. Da Khim sich nur noch um die administrative Seite des Projektes kümmern kann, haben unsere "Großen" das Kinderhaus übernommen, und das mit Erfolg. Der neue "Sir" ist Deepak Lopchan, der mit fünf Jahren zu uns kam. Er ist seriös, ehrlich und besitzt eine natürliche Autorität, die sogar die größeren Kinder beeindruckt. Sija, Bikram, Pema unterstützen ihn bei seiner Arbeit, und Dilip kümmert sich mit großer Ernsthaftigkeit um die Buchhaltung. Jeden Tag um 20 Uhr gibt es eine Versammlung aller Kinder und Angestellten. Da werden die Probleme des Tages besprochen. Das nötige Geld für den folgenden Tag wird erst dann verteilt, wenn die Verwendung anerkannt wird, und Dilip sammelt die Quittungen für das Geld ein, das am selben Tag ausgegeben wurde. In einer Sonderversammlung wurde beschlossen, dass wegen der Unsicherheit auf den Straßen Kathmandus jeder am Abend spätestens um 20 Uhr im Kinderhaus sein muss, die Mädchen sogar um 19 Uhr. Da ist Deepak streng und derjenige, der diese Zeit nicht einhält oder vorher mit einer plausiblen Begründung für die Verspätung nicht anruft, muß eine Geldstrafe bezahlen.

Die Arbeit in den Slums geht voran. Da, wo Sija und Samjhana eine Schule gegründet haben, haben wir einen Arzt kommen lassen, der die 50 Kinder untersucht hat. Alle litten an Würmern, viele an chronischen Entzündungen, und drei mussten sich einer Operation unterziehen. Der junge Arzt Dr. Animesh, meinte pessimistisch, unsere Arbeit sei sinnlos und die Mentalität der Eltern müsste zuerst geändert werden, denn sie würden sich nicht richtig um ihre Kinder kümmern und abends lieber Reisschnaps kaufen, anstatt die Kleinen richtig zu ernähren. Unsere Mädchen, auch diejenigen, die sich in anderen Slums engagieren, sind anderer Meinung und denken, dass sie durch die Kinder die Mütter erreichen und dass sich manches schon gebessert hat. Sie besuchen die Familien in ihren Hütten und tun ihr Möglichstes, um eine Besserung der Lebensumstände ihrer Schüler zu erzielen. Manche Kinder werden so misshandelt, dass ihre Eltern hier in Deutschland schon lange verhaftet worden wären. Z.B. wird ein 12jähriges Waisenmädchen von einer alten Frau, die sie als Dienerin ausnutzt, mit einem Gürtel bis aufs Blut auf den Rücken geschlagen. Weitere vier Kinder und ihre Mutter werden vom betrunkenen Vater tagtäglich verprügelt. Die Polizei zu rufen wäre sinnlos, da sie in allen Slums ganz besonders unerwünscht ist. Außerdem weiß auch jeder, dass sie bei solchen Vorfällen zwar einen kleinen Bericht schreibt, ihn dann aber schnell in die Schublade verschwinden lässt.

Wir sind da vorsichtig und versuchen lieber mit den Slumkomitees zusammenzuarbeiten, denn ein falscher Schritt - und wir würden sofort aus ihrer Gemeinschaft verjagt werden, in der unsere Mädchen wirklich gute Arbeit leisten. Wir möchten auch ein taubstummes Mädchen an einer entsprechenden Schule einschreiben, aber die Schule sorgt eher für gehörlose Kinder aus reichen Familien, und die Direktorin schien nicht gerade begeistert zu sein, die kleine taube Meena aus den Elendsvierteln aufzunehmen... Aber wir geben nicht auf....

Ein folgenreiches Ereignis hat das Leben von "Children's World" erschüttert. Krishna, der seit 15 Jahren bei uns lebte, hat Swikriti, ein Mädchen aus reicher Familie, geschwängert. Die beiden haben fünf Monate aus Verzweiflung geschwiegen, und das Mädchen konnte irgendwann nichts anderes tun, als den Eltern ihre Situation zu beichten. Der Vater, ein Oberst der nepalesischen Armee, hat sie darauf schwer verprügelt und auf die Straße geworfen. Da Krishna sie in dieser sehr schwierigen Lage allein gelassen hat, will sie mit ihm nichts mehr zu tun haben. Wir haben sie selbstverständlich aufgenommen und ihn weggeschickt. Die Eltern erzählen Verwandten, Freunden und Nachbarn, ihre Tochter sei in Indien und würde dort studieren. In Wahrheit versteckt sie sich im Kinderhaus und geht niemals aus. Das Baby kommt im März zur Welt. Anfangs wollte sie es zur Adoption freigeben, aber seitdem sie es bei der Ultraschalluntersuchung gesehen hat, ist sie unsicher und weiß nicht, was sie tun soll. Eines ist sicher: Als allein erziehende Mutter kann sie in Nepal nicht existieren, denn sie würde von der Gesellschaft abgelehnt und wie eine Prostituierte behandelt werden. Außerdem würde sie nie eine Arbeit bekommen. Eine schwierige Situation für sie und für uns!

Ashok, ein zwölfjähriges Waisenjunge aus den Slums hat sich während der Schulzeit den Ellenbogen böse gebrochen. Da er sich von den Essensresten verschiedener Hütten ernährte und jede Nacht woanders schlief, lebt auch er jetzt im Kinderhaus. Er wird von Raj Kumar und Swikriti unterrichtet und im März in die staatliche Schule gehen.

Wir haben den Gedanken aufgegeben, ein Haus zu kaufen. Die politische Situation ist zu unstabil Und auch, wenn ein solches Haus schon nach 10 Jahren rentabel wäre, ist es uns lieber, zur Miete zu bleiben und wir suchen dringend ein erdbebensicheres Haus, auch wenn es teurer sein wird.

Es ist schön, berichten zu können, dass das, was wir alle vor 15 Jahren gesät haben, heute endlich seine Früchte bringt. Die Großen, die jetzt "Children's World" führen, sind sehr motiviert und durchaus fähig, Verantwortung zu tragen. Sie sind nicht, wie die Erwachsenen, die bis jetzt für das Projekt arbeiteten, von Aberglauben und traditionellem Kastendenken beherrscht, sondern sie sind in der Lage, mit viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft die armen und diskriminierten Menschen ihres Landes zu unterstützen. Ihre Energie und ihr Enthusiasmus machen die Aufenthalte in Kathmandu zur richtigen Freude und, weil sie selbst Nepalesen sind, nimmt unsere Arbeit in Nepal jetzt ganz andere Dimensionen.

Vielen Dank an Sie alle, die Sie uns so treu unterstützen, denn Sie sind es, die soviel Positives in Kathmandu möglich machen. Für die Spenden, die als Einzelsummen im Dezember auf das Konto des Vereins eingehen werden, bekommen Sie die Spendenquittungen im Januar.xx Große und Kleine in "Children's World" sowie die Mitglieder der Kinderhilfe Nepal wünschen Ihnen allen frohe Weihnachten und ein gesundes, glückliches neues Jahr 2004

Elisabeth Montet