Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief Dezember 2001 -

Liebe Freunde,

auch wenn die meisten Nepalesen, die im Himalaya ohne Strom leben, nicht wissen können, was in der Welt geschieht, ist der 11. September auch für Nepal ein schwerwiegender Tag gewesen, der sich auf die Innenpolitik des Landes ausgewirkt hat. Für die Maoisten, die im Volk einen so großen Einfluss gewonnen hatten, dass die Regierung sie an einen Verhandlungstisch gebeten hatte, bleibt dieses Datum ein harter Tag. Plötzlich wurden die Rebeilen von dieser Regierung als "Freunde Bin Ladens" bezeichnet, und die zwei intelligenten Anführer der Bewegung, die übrigens in Amerika brillante Studien abgeschlossen haben, zogen es erst einmal vor, sich wieder in den Dschungel zurückzuziehen.

Die Amerikaner bekamen von der nepalesischen Regierung ohne Mühe die Erlaubnis, den Flughafen von Kathmandu bei Bedarf als Militärflughafen für ihre Angriffe zu benutzen, und vor einigen Tagen kam die Nachricht, die USA hätten Nepal zwölf Kampfhubschrauber sowie komplizierte Kriegsmittel geschenkt, die unter anderem den Kampf bei Nacht ermöglichen. Mit dieser Ausrüstung soll die nepalesische Armee an dem "Angriff gegen den Terror" teilnehmen und die maoistischen Rebellen eliminieren.

Jeder, der Nepal kennt, wird für die Amerikaner hoffen, dass sie mit der Maschinerie auch das nötige Personal mitgeliefert haben. Ob die nepalesische Armee mit solchen Geräten umgehen kann, ist sehr fraglich, geschweige denn sie instand halten. Aber inzwischen erfahren wir von Khim, dass in diesen Tagen der Waffenstillstand zwischen den beiden Parteien von den Maoisten gebrochen wurde. An einem einzigen Tag wurden bei Angriffen gegen Polizeireviere und Armeelager 39 Soldaten und Polizisten und 60 Maoisten getötet. Dabei haben die Rebellen einen großen Teil des neu erworbenen Kriegsmaterial erbeutet. Man sagt, 400 Regierungssoldaten seien in den Busch verschleppt worden, die Rebellen würden ihre Macht über zwei Regionen mehr ausüben und hätten den Banken 10 Billionen Rupien geraubt.

Das Kinderhaus wie auch das übrige Volk wird kaum von dieser Situation berührt und die Dollars, die im Moment ins Land fließen, werden sicherlich nicht dazu verwendet werden den Ärmsten der Ärmsten zu helfen! Im Elend waren sie, und im Elend bleiben sie. Jedes Jahr um diese Zeit feiern die Nepalesen das große Fest "Dasein". In diesen Tagen ist Kathmandu leer, weil die meisten Menschen in ihr Dorf zurückkehren, um von den Eltern und den Ältesten einen "Tikka", einen roten Punkt, auf die Stirn zu bekommen, der sie für das ganze Jahr segnen und beschützen soll. Zu dieser Gelegenheit kauft man neue Kleider, die bei den meisten Menschen bis zum nächsten "Daseinsfest" durchhalten müssen.

Die größeren Jungen, auch wenn sie keine Eltern mehr haben, lassen wir an diesem Ritual teilnehmen, weil wir denken, dass sie den Kontakt zu ihren Wurzeln nicht verlieren sollten. Die größeren Mädchen dürfen auch zu dieser Gelegenheit in ihr Ursprungsdorf zurückkehren, wenn wir für sie eine zuverlässige Begleitung finden. Dieses Jahr kamen die Jungen aber schon nach wenigen Tagen wieder zurück ins Kinderhaus. Die meisten Gegenden in den Bergen sind in den Händen der Maoisten, die besonders gerne solche gebildeten jungen Männer zwangsweise anheuern. Obwohl sie mit den Ideen der Rebellen einverstanden sind, finden unsere Jungen das Leben in "Children's World" aber doch viel angenehmer und bequemer als im Dschungel gegen Moskitos und Regierungssoldaten zu kämpfen! Und, ehrlich gesagt, auch wir waren erleichtert, als alle unsere "Küken" wieder eingetroffen waren.

A propos Küken, Raj Kumar ist inzwischen ein erfolgreicher Züchter. Der Nachbarshahn Dezember 2001 hat gute Arbeit geleistet, und die Henne brachte neun Kinder zur Welt! Alle leben noch und gedeihen prächtig. Den inzestuösen Hahn, Sohn der ersten Brut, verkaufte Raj Kumar fur das Daseinsfest an unseren Fahrer für 300 Rupien, also immerhin 10 Mark! Der Zustand des Jungen bleibt stabil, obwohl er sich absolut weigert, zum Physiotherapeuten zu gehen. Er meint, er könne die Übungen genauso gut zweimal am Tag mit Hareram machen, der sich zur Zeit besonders um ihn kümmert. Das gefällt uns nicht sehr, aber Raj Kumars Körper ist so entstellt, dass diese Physiotherapie-Sitzungen für ihn eine echte Tortur bedeuten. Sein Oberkörper wird nur durch eine Prothese befestigt, eine Art Plastikrohr, das die Wirbelsäule tagsüber gerade hält. Hier in Deutschland werden solchen kranken Kindern Metallplatten entlang der ganzen Wirbelsäule durch eine sehr schmerzhafte Operation eingepflanzt. In Nepal gibt es diese Möglichkeit nicht, und das Plastikrohr erweist schließlich gute Dienste.

Mit seinen 16 Jahren ist Raj Kumar in Nepal mündig, und auch wenn wir seine Situation sehr ernsthaft mit ihm besprechen, lassen wir ihn solche persönlichen Entscheidungen selbst treffen, weil wir ihn nicht quälen wollen. Nach den Prognosen, die uns die Ärzte vor 10 Jahren stellten, müsste er schon lange tot sein. Alle freuen sich, dass er noch in "Children's World" lebt, und verwöhnen ihn, sosehr sie nur können. Wenn er einmal nicht mehr da sein wird, wird das Kinderhaus nie wieder so sein wie früher. Das wird ein Verlust sein, der alle schwer treffen wird, denn Raj Kumar steht im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit, und jeder liebt ihn von ganzem Herzen.

Durch die Großzügigkeit eines Spenders aus Nümberg, der uns schon den Computer geschenkt hatte, haben wir eine Solaranlage auf dem Dach installieren können, die jetzt das ganze Haus mit warmem Wasser versorgt. Für alle ein Luxus, ganz besonders von November bis März, weil es dann kalt ist und die Temperaturen abends um null Grad liegen. Es wird also keine Entschuldigung mehr geben, wenn jemand schmuddelig auftritt, was ganz besonders bei den größeren Jungen vorkommt! Die Kleinen haben keine Chance, der Tortur des Waschens im Winter zu entgehen, weil Sarshoti und Meena jeden Morgen im Bad Wache halten! Die größeren Kinder zahlen regelmäßig den von uns verlangten Beitrag für ihr Leben in "Children's World" und tragen damit die Gesamtkosten unseres Autos. Inzwischen sind sie stolz darauf und machen bei ihren Jobs interessante Erfahrungen.

Ram Pukhar, unser ,,Stotterjunge", ist ein echter "Glückspilz". Eine junge Logopädin ist im Moment auf Besuch im Kinderhaus und übt mit ihm zweimal am Tag. Sie bringt ihm Tricks und Atemübungen bei, die, so schreibt er begeistert, sein Stottern schon wesentlich reduziert haben. Julia, so heißt sie, hatte unsere Adresse im Internet gefunden und wollte nach Nepal, und als wir am Telefon miteinander sprachen, empfanden wir es als einen ,,Volltreffer", dass das Schicksal uns eine Spezialistin für Ram Pukhar schickte. Sie verbrachte drei Wochen im Kinderhaus, bleibt aber noch in der Nähe, und Ram Pukhar wird von ihr noch weiter profitieren.

Von unserer blinden Goma kam aus Delhi ein Foto im Sari. So sei sie wahrscheinlich am Schönsten, meinte sie und bat um Bestätigung! Sie gibt ihr Allerbestes in der Schule und schreib jede Woche e-mails. Sie meint, das Leben sei hart für sie geworden, weil sie jetzt ganz genau fühlt, dass die Leute sie wie eine Behinderte behandeln. Das macht sie böse und aggressiv, und sie schreibt immer wieder, dass sie später unbedingt etwas leisten will, was kein anderer Blinder vor ihr gemacht hat. Sie ist die intelligenteste und stärkste Persönlichkeit unter allen unseren Kindern.

Jeder Besucher, der in "Children's World" erscheint, ist fasziniert, wie friedvoll und glücklich alle hier leben. Uns selbst kommt dieser Ort immer wieder irreal vor, wie eine Art "Glücksoase" in diesem armen Land und in dieser vom Elend geplagten Welt. Dieses kleine Paradies ist nur dank Ihrer Unterstützung möglich, und durch unsere Berichte möchten wir so gern ein bisschen Wärme und Trost an Sie weitergeben. Wir werden das ganze Elend der Welt sicher nicht ausrotten können, aber genauso sicher ist es, dass wir alle zusammen ,,Etwas" bewirken. Wir wünschen Ihnen allen frohe und geruhsame Feiertage und ein gutes, gesundes neues Jahr 2002! Ganz herzliche Grüsse und alles Gute.

Elisabeth Montet und Uwe Pohlig