Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief September 2009 -

Liebe Freunde,

so sehr man sich auch wünschen würde, etwas Positives über die Entwicklung Nepals zu berichten, geschieht dort niemals etwas, das als gute Nachricht gelten könnte. Da die maoistischen Minister nicht die nötige Mehrheit hatten, um regieren zu können, sind sie alle zurückgetreten. Unter der Führung des neuen Premierministers Madav Kumar Nepal, der sich jahrelang nach diesem Amt ge- sehnt hatte, passiert gar nichts. Die Zeitungen berichten nur von der Choleraepidemie, die sich in entfernten Teilen des Landes ausbreitet. Hunderte von Menschen sterben aus Mangel an Nahrung und Medikamenten. Diese Gebiete sind nur nach tagelangem Marsch zu erreichen, und niemand scheint sich die Mühe geben zu wollen, dort Hilfe zu leisten. Neben der Seuche ist die wachsende Kriminalität Hauptthema der Presse: Kinder werden entführt und getötet, Menschen ohne ersichtlichen Grund ermordet. Die Polizei bleibt dabei passiv und ist außerdem unfähig, die täglichen Proteste und Gewalttätigkeiten auf der Straße einzudämmen. Nein, in Nepal ändert sich wirklich nichts. Dagegen gibt es viel Neues von unserem Projekt zu berichten: Erst einmal gibt es kein Kinderhaus mehr.

Der Hauptsitz der Kinderhilfe Nepal befindet sich jetzt in Meenas bescheidenem Haus am Rande Kathmandus. Dort wohnen Meenas zwei Töchter Angela und Aruna, Nelson, unsere ehemalige Köchin Anita mit ihrem Sohn sowie Sija, die für uns im Slum arbeitet, und Prakash, der Bruder unseres verstorbenen Pramod, der jetzt Lebensmitteltechnologie studiert. Zur Zeit lebt Kusum ebenfalls dort und sucht Arbeit, nachdem sie gerade ihren Master in Business Administration in Thailand erfolgreich abgeschlossen hat. In der Stadt teilen sich 6 Mädchen eine kleine Wohnung; sie müssen noch 2 Jahre für ihr Krankenschwester- und Apothekerstudium lernen. Fünf Kinder sind im Internat. Außerdem gibt es noch Deepak, der in Thailand sein Bachelorstudium in Psychologie zu Ende bringt, die blinde Goma, die in Delhi um ihr Diplom in Englisch kämpft, sowie Smita und Tenzing, die in Bangalore Physiotherapie studieren. Damit ist unsere Aufgabe, die 60 Kinder von Children´s World zu erziehen, beendet. Wir werden uns von nun an nur noch den Slumkindern widmen.

In "unserem" Pathivaraslum ist gerade etwas geschehen, das Sija, die dort seit fünf Jahren hart für die Kinderhilfe Nepal arbeitet, völlig aus der Fassung brachte:

Mitte Juni, als die Schule voll besetzt war und den Kindern gerade das Essen ausgeteilt wurde, kamen drei Männer vom Slumkomitee, schickten alle nach Hause, tauschten sämtliche Schlösser in den von uns gemieteten Räumen aus und verjagten Sija. Darauf fanden Verhandlungen mit diesem Komitee durch einen Anwalt statt, der uns vertrat. Auf die Frage "Warum" erwarten wir immer noch eine Antwort. Dagegen waren die Männer in einem Punkt klar: Die Unterstützung durch die Kinderhilfe Nepal war willkommen, aber sie wollten von nun an unser Geld direkt erhalten und es selbst verwalten!!! Wer wird hier in Europa verstehen können, dass Menschen durch ihr dummes, stures und völlig irrationales Verhalten das gute Leben, das wir ihren Kindern und ihrer ganzen Gemeinschaft möglich machten, einfach so zerstören???

Da unsere Antwort auf dieses Gesuch ein kategorisches Nein war, bemüht sich das Komitee jetzt, unsere Schule von der Regierung registrieren zu lassen, bis heute jedoch ohne Erfolg. Ein Besuch dort machte uns sehr traurig: Nur zwei Klassenzimmer von den 6 Räumen, die wir gemietet hatten, waren besetzt. Die anwesenden Kinder saßen auf dem Boden. Von der Einrichtung, die wir über die Jahre installiert hatten, war keine Spur mehr zu sehen. Ob sie verkauft oder versteckt wurde, wissen wir nicht. Mein täglicher Versuch, persönlich mit den Männern des Komitees zu sprechen, konnte jetzt im Juli nicht zustande kommen. Sie hätten, gestanden sie Meena am Telefon, viel zu viel Angst ... Es wird uns von all unseren nepalesischen Freunden davon abgeraten, der Sache weiter nachzugehen, weil es, so sagen sie, viel zu gefährlich sei. Nepalesen sind sehr ängstliche Menschen. Es wird hier jenseits der Gesetze gelebt, und wer sein Recht verteidigen will, muss mit Gewalt und Repressalien rechnen. Die Polizei hilft nicht, weil sie selber Angst hat. Trotzdem ist für Oktober eine große Versammlung geplant, an der die Verantwortlichen der anderen Slumkomitees Kathmandus teilnehmen werden und bei der wir die Sache unbedingt klären wollen.

Der Pathivaraslum war durch unseren Einsatz zu einem "5-Sterne-Slum" geworden, und wir werden jetzt beobachten können, ob der so beliebte Spruch "Hilfe zur Selbsthilfe" wirklich funktioniert. Das, was wir in Pathivara erreicht haben, können die Slumbewohner selbst weiter-

führen…, wenn sie nur wollen…Wir wissen, dass die Kinder zurzeit keine Nahrung mehr bekommen und dass die ganz Kleinen nicht mehr zur Schule gehen dürfen. Wir wissen auch, dass die Mütter sehr bereuen, sich nicht gegen die Männer durchgesetzt zu haben, die dort unser Projekt zerstörten. Da wir nicht wollten, dass alle Kinder der Siedlung durch dieses Vorkommnis bestraft werden, haben wir 45 von ihnen bei einer Regierungsschule eingeschrieben und werden in Zukunft ihre Schulkosten tragen.

Ereignisse, die erst einmal negativ und schmerzhaft erscheinen, können aber auch Positives bringen, und es müsste wirklich Schlimmeres geschehen als der Überfall einiger unreifer Männer, damit wir aufgeben! Die Armut ist in Nepal so unendlich verbreitet, dass es für unsere Kinderhilfe nicht schwierig war, sofort an anderer Stelle weiterzuarbeiten. Im Juli haben wir in einem anderen größeren Slum einen Kindergarten für Kleine zwischen 2 und 4 Jahren eingerichtet. Ganz besonders in diesem Alter ist unsere vitamin- und mineralreiche Nahrung äußerst wichtig, damit die Kinder sich geistig und körperlich gut entwickeln, und nicht nur die 50, die den Kindergarten regelmäßig besuchen, sondern auch Babys und ältere unterernährte Kinder der Nachbarschaft bekommen um ein Uhr mittags eine Schale voll von unserem reichhaltigen Milchbrei. Der Slum von Bongshigat hat für uns einen großen Vorteil: Das Frauenkomitee ist dort sehr stark organisiert und einzig für das Wohl der Familien zuständig. Für die Mütter der Kinder ist der Kindergarten von großer Bedeutung, weil er ihnen erlaubt, jetzt draußen Arbeit zu suchen. Die Männer sind oft unfähig, Geld zu verdienen, und die Frauen arbeiten meist auf Baustellen, wo sie Sand und Zement auf ihrem Rücken tragen, oder sie gehen zu reicheren Leuten, um Wäsche zu waschen. Mit ihnen zusammen machen wir uns daran, die Lebensumstände der Gemeinschaft allmählich zu verbessern. Unsere neuen Mitarbeiterinnen Djaynti und Sangita leben im Slum. Djaynti ist eine starke, mütterliche Natur, die vor niemandem Angst hat und nicht zögert, sich mit den bedrohlich aussehenden jungen Männern des Slums anzulegen oder abends unser Geschirr in den Hütten wieder einzusammeln, das auf magische Weise aus unserer Küche verschwunden war.

Und so fangen wir wieder bei Null an! Dieser Einsatz ist oft sehr ermüdend, aber wir machen uns immer wieder bewusst, wozu wir in diesem Land arbeiten: um Menschen beizustehen, die von ihrer Kultur und den klimatischen Umständen her nicht in der Lage sind, sich allein zu entwickeln. Es ist einerseits ihr Lächeln voller Hoffnung, das uns immer wieder die Kraft gibt, weiterzumachen, aber vor allem sind Sie es, die uns durch Ihre treue Hilfe den Rücken stärken.

Ohne Sie könnte die Kinderhilfe Nepal dieses Jahr ihren zwanzigsten Geburtstag nicht feiern. Nur sehr wenige Hilfsorganisationen in Nepal existieren länger als 3 bis 5 Jahre. Die Tatsache aber, dass Sie da sind, ist in entmutigenden Phasen wirklich der entscheidende Punkt, der uns immer wieder die nötige Energie gibt!

Ihnen allen herzlichen Dank und alles Gute und Liebe bis zum nächsten Infobrief im Dezember!

herzliche Grüße!
Elisabeth Montet