Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief August / September 2003 -
Liebe Freunde,

Liebe Freunde, August-September 2003 in Nepal hat sich die politische Situation nicht viel verändert. Hin und wieder gibt es erfolglose Gespräche zwischen den Maoisten und der Regierung. Ende Mai trat der vom König ernannte Premierminister zurück, weil er den Druck aller Parteien nicht mehr ertrug, die jetzt neue Wahlen verlangen und zur Demokratie zurückwollen. Im letzten Oktober hatte der König nämlich das Parlament aufgelöst und herrscht seitdem mit einer von ihm gebildeten Regierung. Es führte dazu, dass linke und rechte Parlamentsmitglieder jetzt zusammen demonstrieren und tagelang vor dem Parlament aus Protest auf dem Boden sitzen. Vom Grundsatz her unterstützen die Maoisten diese Bewegung, denn auch sie wollen neue Wahlen, aber sie werden immer nervöser und drohen, im Dschungel den militärischen Kampf wieder aufzunehmen, falls keine konstruktiven Verhandlungen endlich geschehen. Ihre Anführer sind wieder in den Untergrund gegangen und die Spannung wächst im ganzen Land. Und so vergeht die Zeit, ohne dass etwas Positives geschieht. Die Armen werden immer ärmer, und um sie kümmert sich niemand.

"Children's World" wird durch unseren neuen Einsatz in den Slums von Kathmandu nun auch durch das Elend außerhalb seines eigenen kleinen "Paradieses" erschüttert. Die Alphabetisierungsschule ist ein richtiger "Flopp" gewesen! Trotz all unserer Bemühungen und der angebotenen Hilfe einer Schule, die uns ihre Räume morgens und abends zur Verfügung stellte, kam nur eine einzige junge Frau zum angekündigten Unterricht! Etwas frustriert beschlossen wir, dass, wenn die Analphabeten nicht zu uns kämen, wir halt zu ihnen gehen müssten.

Nach vielen Überlegungen begegneten wir glücklicherweise Hukum Lama, der die Komitees aller 66 Slumgebiete von Kathmandu koordiniert. Er selbst stammt aus einem solchen Elendsviertel und hat es im Leben zu etwas gebracht. Jetzt, als Rentner, hilft er den Menschen aus den Slums ehrenamtlich. Diese Menschen sind aus fernen Dörfern gekommen und besetzen jetzt Land im Tal von Kathmandu auf illegale Weise. Sie haben dort Hütten mit Blechdächern eng aneinander gebaut und haben Angst, von der Regierung weggejagt zu werden. Deshalb haben sie sich in Komitees organisiert und sorgen dafür, dass keine Fremden ihre Slums betreten.

Ohne Hukum Lama hätten sie uns einfach hinausgeworfen, auch wenn fast alle von uns Nepalesen waren. Viele waren am Anfang misstrauisch und sogar feindselig, und erst, als wir den sonst im Schlamm stehenden Brunnen zementierten, wo die Frauen ihre Wäsche waschen und Wasser holen, fingen sie an, uns zu vertrauen. Gleich gegenüber standen nämlich, auch im Schlamm, drei einfache Räume leer, die einmal für eine Schule gedacht worden waren. Erstmal guckten alle verdutzt zu, wie unsere Mädchen Sija, Samjhana und Umda, die neuen Lehrerinnen, sich die Hände schmutzig machten und die verkommenen Räume putzten.

Dann erst fingen sie an, mit uns zusammenzuarbeiten. Da sie fürchteten, dass wir nach ein paar Wochen wieder verschwinden würden, bestand das Komitee auf einem Vertrag. Nach langem hin und her einigten wir uns, zumal der Vertrag zu unseren Gunsten ausging. Er beinhaltet nämlich, dass, wenn die Zahl der Schüler unter 35 sinkt, wir die Schule schließen und unsere Schulbänke und Tische wieder mitnehmen! Mit einigen anfänglichen Ausnahmen halten sich die Eltern an diese Regel und schicken ihre Kinder zur Schule, weil sie sich vor dem Komitee fürchten.

Erst wird den Kleinen am Brunnen beigebracht, wie man sich wäscht, und dann beginnt der Unterricht. Nach und nach kommen sie von sich aus etwas Sauberer, schreibt Sija in einer ihrer E-Mails. Das Komitee verpflichtet sich auch in diesem Vertrag, während der Schulzeit für die Sicherheit unserer Mädchen zu sorgen. Das Gebiet ist nämlich für seine kleinen und größeren Kriminellen bekannt.

Muna wurde als Lehrerin in einem anderen Slumgebiet eingesetzt, dessen Schule zwar schon funktionierte, aber keine Mittel hatte, eine Lehrkraft für Englisch einzustellen. In dieser Schule haben wir auch die Schulkosten für 20 Kinder von behinderten Menschen für ein Jahr übernommen, die die Gebühren, so wenig sie auch sein mögen, nicht bezahlen können. Alle vier Mädchen gehen vor oder nach dem Unterricht weiterhin ihrem Studium nach. Es macht sie glücklich, sagen sie, selbst Hilfe an andere weiter zugeben.

Auf diese Weise verändert sich langsam die etwas egoistische Mentalität von "Children's World", und viele würden gern mitmachen, wenn es ihnen ihr Stundenplan erlauben würde. Natürlich bezahlen wir die Mädchen, wie alle Anfänger-Lehrer auch bezahlt werden: 2000 Rupien im Monat (im Moment = 10-11 Euro.) Die Hälfte müssen sie an das Kinderhaus für Kost und Logis abgeben, und wir bezahlen weiterhin ihre Universitätsgebühren sowie ihre medizinische Versorgung. Diese neue Art von Arbeit gibt uns ein gutes Gefühl, zumal wir sicher sein können, dass nichts schief gehen kann, weil wir unsere eigenen Kinder in diese Aufgabe eingeführt haben und durch sie Kontrolle und Aufsicht über diesen Einsatz behalten. Natürlich wissen wir, dass wir die Slums nicht in neue paradiesische "Children's Worlds" verwandeln werden, aber diese Basisarbeit von Erziehung und Schulausbildung erreicht viel, viel mehr Kinder und, nach vierzehn Jahren Einsatz in Nepal, erscheint uns diese Arbeit von dringender Wichtigkeit. Dazu kommt, dass unsere Kinder auch von dieser Erfahrung profitieren und in ihrer Entwicklung gefördert werden.

In zwei Jahren geht der Vertrag mit dem jetzigen Hausvermieter zu Ende, der dann das Haus für sich haben will. Die Mieten sind unverschämt hoch gestiegen (für unser Haus im Moment etwa 600 Euro im Monat). Andere kleine Organisationen, die es gewagt haben zu bauen, überzeugen uns immer mehr, dass es sich lohnt. In zehn Jahren wäre das Haus schon amortisiert, abgesehen davon, dass wir keine Miete mehr bezahlen müssten. Wir sind dabei, uns darüber Gedanken zu machen. Ein Haus würde etwa 75.000 Euro kosten. Die Hälfte der Kinder, die Größeren, wird in zwei Jahren ausziehen und in Wohngemeinschaften langsam mit unserer Hilfe selbstständig werden. Bleiben werden dann noch 25 Kinder. Das neue Kinderhaus wäre also nicht nur "Children's World" in klein, sondern auch der zentrale Treffpunkt und das Büro für unsere Arbeit draußen. Es hätte aber auch den Zweck, unseren älter gewordenen Mitarbeitern später ein Dach über den Kopf bis zu ihrem Tod zu bieten. Mit einem normalen nepalesischen Gehalt von 1.500 bis 2.500 Rupien (ca. 17,-- bis 29,-- Euro) plus Nahrung, Unterkunft und medizinische Hilfe sind sie im Moment sehr gut dran. Aber was werden sie später tun? Werden ihre Kinder, die keine brillanten Schüler sind, sie unterstützen können und wollen? Das ist für uns eine große Sorge. Das erdbebensichere Haus soll in acht miteinander verbundenen Wohneinheiten gebaut werden. Nach dem Tod unserer Mitarbeiter würden die verschiedenen Wohnungen nicht an ihre Kinder übergehen, sondern, zuerst unter der Leitung von Khim, erzieherischen Zwecken dienen. Wir nehmen uns Zeit bei der Ausarbeitung des Vertrages. Eins ist sicher: Wir, als Kinderhilfe Nepal und als Ausländer, dürfen in Nepal keinen Besitz haben, und ein Teil des Vertrages basiert, ganz besonders wenn wir nicht mehr da sein werden, auf dem Vertrauen- in unsere nepalesischen Freunde. Am liebsten wäre es uns natürlich, einen jungen Menschen kennen zu lernen, der sich langsam im Laufe der Jahre mit dem Projekt vertraut machen könnte und später, nach unserem endgültigen "Abschied", das Projekt übernimmt.

Raj Kumar wird weiter von seinem "Vater" Mehgraj, wie er ihn selbst nennt, weiter liebevoll betreut und hat in der Hündin Lisbeth eine Freundin gefunden. Wir haben sie gegen Khims Willen gerettet, nachdem sie von einem Auto überfahren wurde. Er protestierte vehement gegen die Kosten, die wir mit ihrer Behandlung hatten, und meinte, dass wir das Geld lieber für einen Menschen ausgeben sollten. Es gab Streit. Also wurde wieder abgestimmt, wie es in solchen Fällen in Children's World immer wieder geschieht. Ergebnis: Alle stimmten gegen Khim: Lisbeth ist inzwischen geheilt, nett zu lieben Menschen und eine große Hilfe gegen die Diebe, die nachts um die Häuser schleichen. So wurde das Wohnzimmer unseres Nachbarn eines Nachts ausgeräumt, während die Diebe aus Angst vor Lisbeths Bellen schnell weiterzogen! Das musste sogar Khim später zugeben!

Wir haben zwei Mädchen, Sangita und Sunita, die im kommenden Jahr das Abitur machen, erst einmal für ein Jahr aufgenommen, da sie als Hausmädchen dienten und keine Zeit zum Lernen hatten. Goma kam wie jedes Jahr aus Neu-Delhi nach Kathmandu, um ihre Ferien zu verbringen. Sie wird ab nächstem Jahr in Nepal studieren, weil ihr Indien genauso wie Shree Krishna nicht gut bekommt. Beide sind inzwischen von einer so erstaunlichen Arroganz und Frechheit, dass wir beschlossen haben, sie lieber bei uns in Kathmandu unter unserer "Führung" zu behalten.

Shree Krishna besucht jetzt ein gutes College in Kathmandu und fühlt sich dort trotz seiner anfänglichen Proteste sehr wohl. Wir haben Goma in die Slums mitgenommen. Sie konnte zwar nichts sehen, doch der Geruch, der dort herrscht, reichte aus, um sie zu erschüttern. Unsere kleine Prinzessin denkt nämlich nur an sich und wurde plötzlich mit Armut konfrontiert, die außerhalb ihrer blinden Welt existiert. Elend und Armut sind jetzt für alle in "Children's World" deutliche Begriffe geworden, und es wird jetzt oft darüber diskutiert, was man da tun könnte und wie.... Alle, Kinder und Erwachsene, lassen Sie alle grüßen und bedanken sich bei Ihnen. Wir melden uns wieder im Dezember und schicken Ihnen die Spendenquittungen für das Jahr 2003. Bis dahin wünschen wir Ihnen alles Gute!

Ganz herzliche Grüße

Elisabeth Montet