Kinderhilfe Nepal e.V.
- Information September 2002 -

Liebe Freunde,

sdie politische Situation in Nepal bessert sich nicht. Jetzt sind es nicht nur die USA, die die nepalesische Regierung im Kampf gegen die Maoisten unterstützen, sondern auch Indien und ironischerweise sogar China! Seit Anfang des Jahres sind 5000 Rebellen getötet worden. Im Westen Nepals sollen mehrere Lager von moslemischen Kashmir-Kämpfern aufgebaut worden sein, was Indien natürlich überhaupt nicht gefällt. In manchen Teilen des Landes verhungern die Menschen, aber die internationalen Hilfsorganisationen können diese entlegenen Orte nicht erreichen, da sie von Maoisten überfallen oder ihre Lager von den Rebellen geplündert werden. Denn auch die Maoisten haben Hunger, genausowie die Soldaten der Regierung. Wenn die einen oder die anderen in ein Dorf kommen, beschlagnahmen sie die Lebensmittel der ohnehin schon bedürftigen Bauern, weil sie selbst nichts zu essen haben.Viele Menschen verlassen die Dörfer, obwohl sie nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Neue Wahlen sind für November angekündigt, gerade mitten in der touristischen Hochsaison, die sonst dem Land das Überleben ermöglicht. Wahlen in Nepal können nämlich oft eine ziemlich bewegte und gewalttätige Angelegenheit sein.

Kathmandu ist ruhig, aber leer von Touristen und Arbeitslosigkeit und Elend wachsen unaufhörlich. Wenn Sie sich die Photos von "Children´s World" anschauen, werden Sie vielleicht staunen, dass Leute, die von einer solch katastrophalen Situation umgeben sind, so glücklich aussehen können! Das Geheimnis ist einfach: Den 60 Menschen, die im Kinderhaus leben, geht es blendend, weil jeden Monat das von Ihnen gespendete Geld auf ihr Konto fließt! Alle Bäuche sind voll, und ihnen fehlt es an nichts. Die Ergebnisse des Abiturs sind überraschend gut ausgefallen. Santosh und Krishna hatten wir schon aufgegeben, aber durch ein unerwartetes "Glück", saßen während der Prüfung zwei begabte Freunde in der Reihe vor ihnen und die beiden "Abschreiber" kamen mit solchen guten Noten durch, dass sie jetzt zwei Jahre lang Innenarchitektur in einer Privatschule studieren werden. Immerhin sind die beiden, wenn schon nicht in Mathe, so doch im Zeichnen begabt.

Shree Krishna und Goma kamen für die Ferien nach Kathmandu und beide, ganz besonders Goma, entwickeln sich zum Guten.

Dieses Mal hat sich ein großes Problem unter den Größeren entpuppt und zwar ihre Sexualität. In Nepal ist dieses Thema Tabu. Sexualität wird erst nach der Hochzeit erfahren. Ein Mann wie Khim hat mit 30 noch nie in seinem Leben ein Mädchen geküßt oder berührt, und diese Situation ist in Nepal keineswegs

lächerlich. Nur dass normalerweise sehr früh geheiratet wird. Viele Freunde würden Khim liebend gern verheiraten, aber er wartet lieber auf die "große Liebe". Unsere Jungen träumen von der Freiheit, die die Jugendlichen im Westen genießen und die sie sich im Satellitenfernsehen anschauen können. Auf eine sehr liebe und naive Weise vertrauten sie uns an, dass sie sich nur schnell in der Toilette befriedigen können, und sie wollten unbedingt alles erfahren, was Sexualität betrifft: wie sei es wirklich im Westen? Würde es reichen, dass Mädchen nur eine Pille nehmen sollen, um keine Kinder zu bekommen? Würde es stimmen, dass 2 oder 3 Preservative sicherer seien als nur eines? Als Raj Kumar vor allen erzählte, dass er jede Nacht von Träumen aufwache, die ihn zum Orgasmus bringen, staunten alle, und manche Mächen, die nachts nackt seine Täume bewohnen, wurden richtig sauer. Es war schwierig, sie zu überzeugen, dass er sie nicht mißbrauchte, sondern dass es nur sein Unterbewußtsein war, das diese Träume produzierte.

Raj Kumar kann nicht einmal seine Hände bewegen und denkt trotzdem, dass er eine Frau finden könnte. Er bat uns um die Erlaubnis zu heiraten und wir sagten natürlich zu, diskutierten aber lange über die Probleme, die damit verbunden wären, eine Frau zu finden... Er meinte, er hätte kein schlechtes Gewissen wegen seiner Träume, denn er könne nichts dafür. Es gibt in Nepal jedes Jahr ein großes Fest, bei dem, Junge und Mädchen, Männer und Frauen, durch ein Ritual Schwestern und Brüder werden. Danach ist jede sexuelle Beziehug zwischen ihnen verboten. Dieses Ritual wurde sehr früh im Kinderhaus durchgeführt, und es hat gewirkt. Ein ähnliches Haus in Deutschland mit 25 Jungen und 25 Mädchen wäre ohne Liebschaften undenkbar. In Nepal wird es durch dieses sehr ernst genommene religiöse Ritual möglich.

An jedem freien Tag kamen die Großen immer wieder, um weiter über "das" Thema zu reden. Zwanzig von ihnen verdienen ihr Taschengeld durch kleine Jobs und geben dem Kinderhaus einen Teil davon. Etwas verdutzt waren wir, zu erfahren, dass alle - auch die Mädchen - schon in einem der vielen Internet-Cafés des Touristenviertels gewesen waren, um sich genau anzusehen, wie die "Sache" gemacht wird. Die Mädchen kicherten darüber, während die Jungen etwas traurig meinten, es wäre zwar gut gewesen, sich das anzuschauen, aber, nach einiger Zeit, reichten diese Bilder nicht mehr für ihre Fantasie und sie hätten das Bedürfnis, wieder hinzugehen.Die Sexualität bleibt also ihr Hauptproblem, und das Traurige dabei ist, dass wir ihnen nicht helfen können, weil wir den Druck der nepalesischen Gesellschaft einfach nicht ändern können. Sinnlos wäre es, sie zu ermutigen, dem Beispiel unserer Jugendlichen zu folgen, weil sie zu schwer von ihrer Umgebung verurteilt und bestraft werden würden. Es gibt zwar Freudenhäuser in einem bestimmten Stadtteil von Kathmandu, aber wir haben die Jungen vehement davor gewarnt und angefleht, nicht dahin zugehen, weil die Frauen dort mit Aids infiziert sind. Vor zehn Jahren gab es in Nepal noch keinen einzigen Aids-Kranken. Heute zählt man im Land 98.000 HIV-Positive und Aids-Kranke, und dafür tragen die Touristen einen großen Teil der Verantwortung.

Man kann sagen, dass das Projekt gut läuft. Die tägliche Kommunikation per e-mail mit Khim spielt eine große Rolle dabei. Er besteht darauf, alles zu berichten und für die kleinen Probleme des Alltags um eine Lösung zu bitten. Geantwortet wird ihm jedes mal, dass er SEINE Meinung erstmal vortragen und nicht erwarten sollte, dass alle Entscheidungen aus Deutschland kommen. Er kann es aber nicht lassen und braucht Zustimmung. Wie er sagt, hätten Nepalese überhaupt keinen Sinn für Psychologie. In diesem Land sei man erstmal damit beschäftigt, sich selbst und seine Familie zu ernähren. Alles andere ist tatsächlich sekundär, und viele kleine Probleme, die wir sofort erkennen, fallen Khim gar nicht auf. Für ihn, die Mitarbeiter und die Kinder ist das Essen am allerwichtigsten, und das, obwohl sie immer das gleiche zu sich nehmen: einen Riesenberg Reis, dazu Linsen, Gemüse und abwechselnd Fleisch, Eier oder Tofu, wobei der Reis am bedeutendsten bleibt. Verglichen mit der Nahrung der meisten ihrer Landsleute ist das ein Festmahl. Wenn die Kinder essen, herrscht Totenstille im Raum. Essen ist nämlich die einzige Sache, die sie mit einer Art Gier aber auch mit extremer Konzentration tun. Jeder hat in seiner früheren Kindheit gehungert, und dieser Mangel hat sich in ihrer Psyche für immer eingeprägt. Wenn Sie, die das Projekt unterstützen, die "Children´s World"- Kinder beim Essen beobachten könnten, würden Sie staunend fast am eigenen Leib erfahren, wie wesentlich und wichtig Ihre Hilfe ist.

Wie im letzten Info-Brief erwähnt, schicken wir Ihnen die Spendenquittungen für 2002 Ende des Jahres zu. Wir bedanken uns sehr bei Ihnen allen für Ihre Treue und melden uns wieder im Dezember.

Ganz herzliche Grüsse, .

Elisabeth Montet