Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief August 2006 -

Liebe Freunde,

die Begeisterung des Volkes nach dem Sturz des Despoten König Gyanendra hat sich in ein allgemeines Chaos verwandelt. Der "Nepali Congress", die größte konservative Partei des Landes, hat zur Zeit die Überhand, weil sein Vorsitzender Girija Prasad Koirala, 85 Jahre alt, von allen Parteien, inklusive den maoistischen Rebellen, zum Premier Minister gewählt wurde. Der sehr kranke Mann muß leider die meiste Zeit im Krankenhaus verbringen, was ein Vorankommen der politischen Aktivität verlangsamt. Das Parlament, das der König vor 4 Jahren aufgelöst hatte, tagt wieder, und ernsthafte Verhandlungen mit den beiden Chefs der Rebellen, Dr. Baburam Battharai und Prachanda, finden statt.

Zur Zeit herrscht ein verlängerter Waffenstillstand, aber die Rebellen weigern sich energisch, ihre Waffen vor den für April 2007 geplanten Wahlen abzulegen, die Nepal eine neue Konstitution geben sollen. In diesem Punkt gehen die Meinungen der rechten und linken Parteien auseinander: Die ersten sind gegen eine politische Zusammenarbeit mit den Maoisten, während die zweiten bereits mit ihnen intensive Verhandlungen führen. Die Rebellen verlangen eine Vereinigung der Armeen beider Seiten zu einer ` einzigen nepalesischen Armee unter der Aufsicht der UN.
Währenddessen üben eine Unmenge von schönen jungen Rebellinnen vor den Toren Kathmandus und stellen der überaus interessierten Presse ein beeindruckendes Waffenarsenal vor. Frauen spielen eine große Rolle in der maoistischen Bewegung und sind bekannt für ihre Ernsthaftigkeit und ihre Ausdauer. Die Lage ist mehr als unsicher und sogar gefährlicher als zur Zeit der Diktatur. Bewaffnete Banden von ehemaligen Maoisten oder Soldaten der früheren Regierung überfallen Banken und teure Geschäfte und werden drei Tage nach ihrer Verhaftung freigelassen. Die Korruption blüht wir noch nie zuvor, und Menschen, die man bisher als gute Freunde betrachtete, werden plötzlich verdächtig, weil sie einen lächelnd und unglaublich "unschuldig" aussehend zu betrügen versuchen. Jeder Scheck wird von der Bank zweimal überprüft und der angebliche Kunde angerufen, um sicherzustellen, dass er ihn wirklich ausgestellt hat.

Auch wir hatten eine ganz böse Überraschung: Unser seit fünf Jahren so seriöser Buchhalter, wahrscheinlich von der allgemeinen Atmosphäre angesteckt, hatte bei unserer Bank ein schriftliches Protokoll eingereicht, in dem stand, dass eine Versammlung unserer nepalesischen Schwesterorganisation "Nepal Association for Children's Care and Education" stattgefunden hätte, um zu beschließen, dass das Projekt eine Kreditkarte bräuchte, weil wir einen krebskranken Jungen ständig mit teuren Medikamenten versorgen müssten. Die nötige Unterschriften der 12 Mitglieder und des Präsidenten der Organisation wurden von dem jungen Mann gefälscht, aber die Bank, die um ihren guten Ruf fürchtet, hat ihre Schriftspezialisten eingesetzt und benachrichtigte uns rechtzeitig. Für uns alle ein unglaublich trauriges und schockierendes Ereignis!!! Wir mussten den Jungen selbst "verhaften" und zur Polizei bringen. Nur wenn wir einen langjährigen Prozess gegen ihn geführt hätten, wäre er solange im Gefängnis geblieben aber, da er keine Zeit gehabt hatte, Geld zu stehlen, wäre er laut nepalesischem Gesetz als unschuldig entlassen worden! Die 10 Tage im schmutzigen Gefängnis von Kathmandu musste er mit Schwerverbrechern,, Mördern und Ratten verbringen. Als wir beschlossen, unsere Klage zurückzuziehen, weil er sonst in den Kerkern des Landes zum noch größeren Kriminellen geworden wäre, kam er reuevoll und abgeschreckt von der brutalen Behandlung der Polizei aus der Gefangenschaft heraus.

In diesem verwirrenden Alltag geht das Leben weiter. Man passt z.B. jetzt als Fußgänger auf, nicht von Fahr- und Motorrädern angefahren zu werden. Einer französischen Freundin wurde auf diese Weise die Handtasche mit Geld und Papieren weggerissen. Telefonische Drohungen gehören zum Alltag und vermitteln ein sehr unangenehmes Gefühl der Unsicherheit und der Angst.
In unseren beiden Wohnorten, dem Haupthaus und der Wohnung der Größeren, funktioniert alles nach wie vor. Die bevorstehende Tragödie, unseren Pramod verlieren zu müssen, schwebt wie ein Schatten über dem Projekt. Chemo- und Radiotherapien haben nicht geholfen, und jetzt kümmern sich die Ärzte nur noch um die Infektionen, gegen die sein schwacher Körper sich nicht mehr wehren kann. Es ist ein Hin und Her zwischen Krankenhaus für Behandlungen und Bluttransfusionen und "zu Hause", wo wir ihm das Leben so schön wir möglich machen. Er hat nur noch ein bis zwei Monaten zu leben. Wir haben seine Lieblingskrankenschwester Swetscha bei uns aufgenommen, die ihn und unseren Muskeldystrophiekranken Raj Kumar rührend und liebevoll pflegt. Pramods Bruder Prakash leidet sehr unter dieser schrecklichen Situation, die uns alle als Familie eng zusammenschweißt. Das Schwerste für uns ist zu lachen und Spaß zu machen, denn Pramod glaubt immer noch an seine Heilung und scheint von seinem baldigen Ende nichts zu ahnen.

"Unser Boss" Deepak ist uns seit 4 Jahren so hilfreich und treu zur Seite gestanden, dass wir beschlossen haben, ihn nach Thailand zu schicken, um Psychologie zu studieren. Er ist ein sensibler, intelligenter Junge, der bei einem Studium in Nepal keine Zukunft hat. Die Universitätsabschlüsse des Landes sind im Ausland nicht anerkannt, weil das Bildungsniveau unglaublich niedrig ist, und wir denken, dass Deepak eine bessere Chance als die meisten unserer Größeren verdient hat. Ihn weiter als leitenden Angestellten zu behalten, würden wir als Mil3brauch betrachten, weil seine Aufgabe für das Projekt viel zu viel von seiner Studienzeit beansprucht. Ein ganzes Jahr Studium in der Internationalen Missionsuniversität von Thailand (von Amerikanern gegründet) kostet "nur" 4.900 US $ alles inklusive, und ihre Zeugnisse werden überall im Ausland anerkannt. Verglichen mit Studien in England oder in den USA, ist diese Summe tragbar, da man an amerikanischen Universitäten mit einem Minimum von 20.000 US $ (z. B. in Ohio) bis zu 45.000 US $ (in Harward) ohne Kost und Logis für ein Jahr rechnen muss! Wir wissen, dass Deepak seriös ist, und da es in Nepal keine Psychologen gibt, kann er bei seiner Rückkehr sicher sein, sich bei den Menschen seines Landes nützlich zu machen.

Unsere Hauptarbeit gilt nach wie vor den Slums, wo unsere Mädchen stets mit viel Engagement arbeiten. Sija leitet das Projekt, widmet sich aber nur noch der Sozialarbeit. Da die Hälfte der Angestellten des Projekts aus dem Slum stammt, hat sich unsere Stellung in der Gemeinschaft gefestigt. Jetzt herrschen gegenseitig Freundlichkeit und Vertrauen. Eine immer besser Hygiene einzuführen bleibt die Hauptsorge und das Hauptziel der Arbeit. Immer wieder muss Sija die gleichen Ratschläge wiederholen. Jetzt ist das Grundwasser durch die Regenzeit verseucht, und viele Kinder sind krank und haben eine ansteckende Grindflechte (Impetigo). Wir haben eine junge Ärztin kommen lassen, die nicht nur die 200 Kinder, sondern auch die Mütter untersucht hat. Wir haben jetzt im Slum unsere eigene Apotheke und jeder, der Probleme hat, kommt zu Sija, um natürlich kostenlos "behandelt" zu werden.

Wir wissen aber inzwischen, wer die "weniger armen" Familien sind und Sija schickt deren Mitglieder ins nächste billige --" Krankenhaus mit der Begründung, dass sie sich bei ihrem Fall nicht richtig auskennt und sie zu einem echten Doktor gehen sollten. Sija und ihr Team nehmen keine Ferien, weil sie sich, ganz besonders die Angestellten des Slums, bewusst sind, dass die Kinder täglich ihre Grundnahrung brauchen und alle Bemühungen, die seit drei Jahren geleistet wurden, innerhalb von einigen Ferientage völlig vernichtet würden. Wir bezahlen sie natürlich für diese zusätzliche Arbeit, denn das Leben im Slum ist furchtbar hart und im Sommer ganz besonders unerträglich. Unsere ganze Bewunderung gilt diesen Mitarbeitern, die bei diesem langwierigen und schwierigen Einsatz schon Unglaubliches erreicht haben.

Es kommt uns wie eine ständige Wiederholung vor, Ihnen allen zu danken, die diese Arbeit möglich machen, aber das tun wir wirklich von ganzem Herzen, denn ohne Ihre finanzielle Unterstützung wäre nichts möglich. Wir wünschen Ihnen im Namen aller Menschen, denen Sie zu einem besseren Leben verhelfen, alles Gute und Liebe!


Elisabeth Montet