Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief August / September 2001 -
Liebe Freunde, 

seitdem während unseres Besuchs in Kathmandu am 1. Juni die ganze königliche Familie im Palast auf grausame Weise umgebracht wurde, ist in Nepal nichts mehr so wie früher. Der neue König, der Bruder des toten Königs Birendra, wurde sofort gekrönt, obwohl er vom Volk abgelehnt wird. Er wird von den meisten Menschen stillschweigend verdächtigt, an dem schrecklichen Massaker Mitverantwortung zu tragen. Sein Sohn ist als einziger Gast des königlichen Treffens der Schießerei entgangen und ist in Kathmandu fur seine Untaten und Morde bekannt. Er hätte den Kronprinzen Dipendra zum Drogen- und Alkoholkonsum gedrängt, und der sonst als gutmütig geltende Prinz hat im Rauschzustand seine ganze Familie erschossen. Zehn Menschen kamen ums Leben.

Die Geschehnisse sind unklar und werden es wahrscheinlich bleiben. Das nepalesische Volk, das den König als die Reinkarnation des Gotts-Vishnu verehrt, wurde so unter Schock versetzt, dass es seine Trauer durch starke, emotionale Ausbrüche auf der Straße ausdrückte. Armee und Polizei besetzten die Stadt und für eine ganze Woche wurde eine Ausgangssperre ausgerufen.  Während mehr als die Hälfte der Männer Kathmandus sich als Zeichen der Trauer die Haare abrasierten, haben wir sobald wie möglich die Flucht nach Deutschland ergriffen, weil niemand voraussehen konnte, wie die Situation sich entwickeln würde. Nicht nur bewaffnete Banden zwangen die Männer, sich den Kopf zu rasieren.

Auch Khim wurde von seinem Arbeitgeber gezwungen, das Gleiche zu tun, denn allen Angestellten, ganz besonders den Staatsbeamten, die diesem Befehl nicht gefolgt wären, drohte ganz einfach die Kündigung. Bevor wir Kathmandu verließen, haben wir dafür gesorgt, dass für einen ganzen Monat genug Essen und Grundmedikamente gespeichert wurden. Die Schulen wurden wochenlang geschlossen, aber unsere Kinder waren in Sicherheit. Wer sich draußen zeigte, wurde von der Polizei angeschossen und ein paar kleine Kinder wurden in der Stadt sogar getötet, nur, weil sie aus einem Haus herausgerannt waren.

In den darauffolgenden Wochen haben die Maoisten die destabilisierte Lage des Landes ausgenutzt, um noch mehr Macht über die Bevölkerung zu gewinnen. Es gab heftige blutige Kämpfen  zwischen der Armee, der Polizei und den Rebellen. Zum ersten Mal explodierten Bomben auch in der Hauptstadt Kathmandu. Der neue Premier Minister konnte in dieser Situation nichts anderes tun, als die Rebellen an einen Verhandlungstisch zu rufen. Dies ist schon vor drei Wochen passiert, aber keiner weiß, wann und wo das Treffen stattfinden wirb.

Die ökonomische Situation des Landes wird schlimmer und schlimmer. Die Royal Nepal Airlines hört ab 1. September mit ihren F1ügen nach Europa auf. Die Airline wäre rentabel gewesen, wenn die Gesellschaft richtig geführt worden wäre und die leitenden Verantwortlichen sich nicht jahrelang schamlos korrupt verhalten hätten. Diese Korruption war bekannt und sie herrscht sowieso überall im Lande, aber sie wird jetzt immer mehr von den Maoisten aufgedeckt. Bis vor Kurzem lebten sie in Kathmandu im Untergrund. Heute zeigen sie öffentlich ihr Gesicht und demonstrieren fast täglich. In vielen Provinzen machen sie das Gesetz und nehmen den Reichen Besitz und Güter, um sie an die arme Bevölkerung zu verteilen. Alkohol und Geldspiele sind streng verboten und, wer seine Frau und Kinder verlässt - eine alltägliche Verhaltensweise in Nepal - wird vor Gericht gestellt und kriegt lebenslänglich! Die legendär gewordenen Leiter der Maoisten verstecken sich weiterhin im Dschungel und haben schon angekündigt, dass trotz Verhandlungen, der "Krieg des Volkes" weitergeführt werden würde, bis sie an ihr Ziel kommen.

Wir mindestens haben diesen zerbrechlichen Waffenstillstand genutzt, um unsere Arbeit im Kinderhaus zu erledigen und waren Anfang August zehn Tage wieder in Kathmandu.

Eine weitere Anzahl von Kindern hat das Abitur bestanden und muss weiterstudieren. Die Maoisten sind uns da hilfreich, weil sie die privaten Colleges und Universitäten dazu zwingen, ihre Gebühren zu senken! Viele Intellektuelle sind sowieso links orientiert und verhandeln schon mit den Rebellen. Während das Land in Armut erstickt, geht es unseren Kindern blendend. Die meisten nepalesischen Studenten müssen nebenbei schwer arbeiten, um ihre Universitätsgebühren, ihr Essen und ihr miserables Zimmer zu viert oder fünft ohne Wasser und Toilette bezahlen zu können.

Da unsere Kinder sich eher wie "Ministersöhne" und ,Prinzessinnen" benehmen, haben wir dieses Mal eine neue Maßnahme in "Children's World" eingefuhrt: die Abiturienten müssen 500 Rupien (ca. 18 DM) und die anderen Studenten 1000 Rupien an das Kinderhaus als Beitrag zu ihrem Unterhalt bezahlen. Um draußen zu überleben, bräuchten sie mindestens 5000 Rupien und die hohen Gebühren der teuren Universitäten des Landes könnten sie sowieso nicht tragen. Entzückt sind sie nicht über die neue Regelung, aber sie sind trotzdem bereit, diesen Beitrag zu leisten.

Raj Kumar geht es im Großen und Ganzen gut. Sein "Hühnergeschäft" Iäuft nicht, s wie er es gern hätte. Erst musste der Hahn in die Pfanne kommen, weil er alle Brut zerstörte. Nur drei Kücken kamen zur Welt, von denen das Eine nach zwei Monaten starb. Jetzt ist das Überlebende Huhn ein prächtiger Hahn geworden, der ständig bereit ist, über seine Mutter herzufallen. Es sei Inzest, meinte Raj Kumar, und ließ sich deshalb vom Nachbarn den Hahn ausleihen, bis das Geflügel seine .Huldigungen" an der Henne erledigt hatte. In der Zeit wurde der frustrierte Sohn sorgfältig im Käfig eingesperrt!

Shanta hat ihre Ausbildung als Friseuse beendet und wohnt jetzt außerhalb des Kinderhauses mit einer Tante zusammen. Ihr „Mann“ zeigt hin und wieder sein Gesicht und gibt ihr etwas Geld...

Goma und Shree Krishna kamen von Indien fur zwei Monate Ferien. Beide entwickeln sich gut, ganz besonders die blinde Goma, die ein außergewöhnlich intelligentes und tapferes Mädchen ist. Der Rest der Truppe tut ihr Bestes - so behaupten sie - und immerhin kommen sie voran,  die Noten bei vielen besser sein könnten. Ganz besonders in dieser Zeit von Unruhen, weiß keiner, wie die Zukunft aussehen wird und die Kinder sind sich ihrer Chance bewusst, in jeder Hinsicht in Sicherheit leben zu dürfen Ohne Sie alle wäre es nicht möglich, und wir danken Ihnen sehr herzlich für Ihre treue Unterstützung, die es mindestens "einigen" nepalesischen Kindern erlaubt, ein würdiges Leben zu führen.

Mit herzlichen Grüssen
Elisabeth Montet