Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Newsletter April / Mai 2017 -

Liebe Freunde,

zurzeit sind die nepalesischen Medien hauptsächlich mit den geplanten Kommunalwahlen beschäftigt, die von den im Süden des Landes aufständischen Madhesis in Frage gestellt werden. Schon lange verlangen sie, dass ihre Region autonom wird und Nepal zu einem Föderalstaat wird, und sie beklagen sich ständig, dass ihre Forderungen ignoriert werden. Jederzeit muss mit Zwangsstreiks und Straßenblockaden gerechnet werden, die das Land immer wieder zum Erlahmen bringen und Kathmandu wie ausgestorben aussehen lassen.

Man wacht eines Morgens auf und nimmt eine außergewöhnliche Stille wahr: kein Autolärm, nur Gespräche und Kochgeräusche sind in den Nachbarhäusern zu hören. Jeder weiß dann, dass ein Zwangsstreik wieder einmal ausgerufen wurde. Wenn man fragt, wer dafür verantwortlich ist, hat keiner eine Ahnung. Langsam erfährt man mehr durch Radio und Fernsehen und stellt sich darauf ein, zu Hause zu bleiben, weil man ohnehin nirgendwo hinfahren darf. Dass Schulen und Fabriken geschlossen sind, wird als Geschenk erlebt, und niemand würde sich empören, in einem Land zu leben, in dem jede Art von Gruppierung jederzeit einen "Ausnahmezustand" ausrufen kann, ohne dass die Regierung fähig wäre, es zu verhindern.

Nur sehr wenige Nepalesen wissen wirklich, was im Lande geschieht: "Politiker sind sowieso alle korrupt", hört man immer wieder. Keiner interessiert sich für die politische Situation: Sogar unsere Mitarbeiterinnen wissen oft nicht einmal, wer gerade Premier Minister ist. Leider sind aber nicht nur die Politiker korrupt, sondern auch die ganze nepalesische Gesellschaft. Derjenige, der in irgendeinem Bereich Erfolg hat, beschäftigt nur Leute seiner Familie und seiner Kaste. Das hindert die Menschen aus "unteren" Kasten daran, eine Arbeit zu bekommen, weil es ihnen unmöglich ist, in dieses System einzudringen. Der häufige Regierungswechsel bringt obendrein ein unentwirrbares Chaos mit sich, in dem sich alle bekriegen, um ihren Anteil an der Macht und die Möglichkeit an Geld zu kommen zu verteidigen. Das Ergebnis ist, dass diejenigen, die es geschafft haben, eine gute Ausbildung zu bekommen, alle nach Amerika oder Australien auswandern. Den Ärmeren bleibt nur übrig, sich als billige Arbeitskräfte in den Golfstaaten zu verkaufen.

Währenddessen hören die Lebenskosten nicht auf zu steigen, so dass Kathmandu zur dritt teuersten Stadt Südostasiens geworden ist, teurer als Neu Delhi oder Karachi. Die Preise der einfachen Grundnahrungsmittel sind so hoch, dass eine gesunde Ernährung für die meisten nicht möglich ist. SUMITRA, eine junge Frau aus unserem ehemaligen Kinderhaus, fanden wir vor 20 Jahren als Kleinkind allein nackt auf der Straße. Sie war von ihren Eltern verlassen worden, weil sie ein Mädchen war und es sich für sie nicht lohnte, sie zu ernähren. Heute arbeitet sie als Krankenhelferin. Im letzten März bestand sie darauf, uns aus Dankbarkeit endlich zum Essen einzuladen: Ihr Mann ist LKW Fahrer und sie haben eine 5 jährige Tochter, DOLMA, die zur Schule geht. Er verdient 240 € im Monat und Sumitra 75 €. Und genau 75 €, einen Monat Lohn, musste sie ausgeben, um uns ein ganz normales Essen, mit Wasserbüffelfleisch, Gemüse und Reis zu servieren. Wer würde sich bei einer solchen Einladung wohlfülen?

Die kleine Familie wohnt in einem winzigen Zimmer ohne fließendes Wasser. Es wird in diesem Raum auf dem Boden gekocht, und die einzige Toilette des Hauses muss sich die dreiköpfige Familie mit 25 anderen Menschen teilen. So leben die meisten Nepalesen in Kathmandu. Es ist nicht so, dass unsere ehemaligen Kinder aus "Children's World", die es heute besser haben als Sumitra, sich um ihre bedürftigen Brüder und Schwestern, kümmern würden.

Jeder lebt für sich und interessiert sich nicht dafür, wie es den anderen geht. Dies ist typisch für das unbarmherzige und egoistische Zusammenleben der Einwohner von Kathmandu. Unberührt davon geht die Arbeit der Kinderhilfe Nepal fleißig weiter. Im Mai beginnt das neue Schuljahr, und neue Kinder aus den drei Slums, die wir versorgen, werden von uns eingeschult. Inzwischen sind es 200 Kinder, für die unser Verein die Schulkosten trägt. Muna und Sushma versichern sich immer wieder, dass der Schulbesuch regelmäßig bleibt, denn die Maute Kinder neigen dazu, die Schule zu schwänzen, oder fehlen, weil ihre Eltern denken, dass ihre traditionellen Feste viel wichtiger sind als der Unterricht... Die Überlebenden des großen Erdbebens warten nach wie vor auf finanzielle Hilfe und hausen in den betroffenen Gegenden weiterhin unter Plastikplanen und Wellblech.

Die 20 Familien aus Mudhku, die das Glück hatten, dank Ihrer Unterstützung ein erdbebensicheres Haus, zu bekommen, leben heute unter würdigeren Bedingungen als vor dem Erdbeben. Die Chance, in einem richtigen Haus zu wohnen, hat ihnen zu einem besseren, hygienischerem Leben verholten. Durch die neuen Wohnbedingungen und MUNAS Einsatz sehen die Kinder von Mudhku gesünder und gepflegter aus, als sie früher waren.

Als Starthilfe für das neue Schuljahr haben wir ihnen die notwendigen Hefte gegeben, Die Maute Nomaden, die wir betreuen, sind dieses Jahr in Kathmandu geblieben, und wir haben sie mit Moskitonetzen versorgt, damit sie in der Regenzeit vor Dengue-Fieber und Malaria geschützt bleiben. Aus Kostengründen wird unser an Mineralien und Vitaminen angereicherter Milchbrei nur noch an die Kinder bis zehn verteilt. Auch das trinkbare Wasser, das wir durch LKWs in die Slums bringen, wird immer teurer, weil es von außerhalb Kathmandus kommt. Niemand in der Hauptstadt hat fließendes Wasser im Haus. Das Wasser wird gekauft und in große Zisternen gepumpt, die immer wieder nachgefüllt werden müssen. Das können sich wiederum nur wohlhabende Leute leisten. Das Abwasser, und damit die Menschenexkremente der 1,5 Millionen Einwohner der Metropole, landet direkt in den Flüssen des Kathmandutals und verseucht das Grundwasser.

Unter den gegebenen Umständen tut unser Projekt sein Bestes. Dank Ihnen bekommen die Kinder sauberes Wasser zu trinken und die nötigen Vitamine und Mineralien, die es ihnen ermöglichen, sich physisch und geistig gesund zu entwickeln. Dies ist bestimmt das bedeutungsvollste bei unserer Hilfeleistung in Nepal, denn nur vollentwickelten Kindern kann es gelingen, in der Schule erfolgreich zu sein. Vielen Dank an Sie alle, die diesen Einsatz möglich machen.

Ganz herzliche Grüße
Elisabeth Montet


Elisabeth Montet