Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Rundbrief Mai 2011 -

Liebe Freunde,
 
wofür die unvorstellbare Summe von 50 Milliarden US$ verwendet wird, die Nepal jährlich von der internationalen Gemeinschaft bekommt, fragten wir Ende März einen höheren Angestellten des Finanzministeriums. Die Antwort lautete, man sähe in Kathmandu keinen Fortschritt, weil das ganze Geld in Projekten des entfernten Hinterlands eingesetzt werden würde... In Wahrheit ist in Nepal gar nichts durchschaubar. Die zweitgrößte Partei des Landes, die von Indien beeinflusste Kongresspartei, weigert sich, an einer gemeinsamen Regierung mit den mehrheitlichen Maoisten teilzunehmen. Diese sind wiederum dabei, sich zu zersplittern und können sich nicht einmal darüber einigen, wen sie als Minister in die neue Mehrparteienregierung schicken sollen. Obwohl die Kastendiskriminierung gesetzlich verboten ist, blüht sie mehr denn je und hindert fähige Menschen daran, sich beruflich zu verwirklichen.

Die Tibeter, die aus China nach Nepal fliehen, werden verhaftet. Die chinesische Regierung schleicht sich immer mehr ins Land ein und versorgt jetzt sogar die Nepalesen offiziell mit schweren Waffen. Strom gibt es nur, wenn keiner ihn braucht, meistens zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens. Der Mangel an Wasser bleibt für alle ein akutes Problem. Die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Toiletten, alle Flüsse transportieren Fäkalien und andere Gifte, die das Grundwasser weiter verseuchen. Zwei Drittel der Nepalesen fehlt es an Trinkwasser.

Ganz besonders in der trockenen Jahreszeit ist in unseren Slums die Wasserrationierung knapp, und unser Kampf um bessere Hygiene ist deshalb schwieriger als sonst. Selbst wir müssen täglich mit einem Eimer Wasser für unsere Waschungen auskommen. In den Slums aber sind fast alle Brunnen ausgetrocknet. Wir haben eine Frauenversammlung einberufen, und zusammen haben wir ausdiskutiert, wie die 6000 Menschen vom Slum von Banshigat mit so wenig Wasser am besten überleben können. Das, was von der Regierung als "Trinkwasser" verkauft wird, ist voller Bakterien, und wir verteilen ab jetzt jeden Monat ein wasserreinigendes Produkt.

Die jährliche gynäkologische Untersuchung wurde wieder erfolgreich durchgeführt. Die Hälfte der Frauen leidet an vaginalen Infektionen, die auch eine Behandlung der Männer nötig machen würde. Dies brachte die beschämten Frauen zum Kichern. Eine Ältere meinte aber humorvoll, dass ein Sexstreik organisiert werden müsste, falls die Männer die verlangte Hygiene und die medizinische Behandlung ablehnten!!! Unsere Ratschläge lassen bestimmt Spuren im Bewusstsein der Frauen, aber wir wissen, wie tief sie in ihrem alten Lebensstil verwurzelt sind, und wir wissen auch, dass sie Jahre brauchen werden, um ihre Gewohnheiten zu ändern. Trotzdem erleben wir rührende Situationen: Die Frauen, die vom Müll leben, baten wir darum, sich zu waschen, bevor sie von den Abfallbergen abends nach Hause kommen, damit ihre Kinder auch lernen, sich regelmäßig zu waschen, und weniger krank werden. Am folgenden Tag stolzierten sie in Saris herum, umgeben von ihren vor Sauberkeit nicht zu erkennenden Kindern, und bettelten um unsere Anerkennung und unser Lob.

Sie wussten allerdings nicht, was sie abends essen sollten, denn sie hatten nicht zur Arbeit gehen können: Ihre einzige schöne Bekleidung wollten sie doch nicht verderben, meinten sie. Am nächsten Morgen waren sie genau wieder so schmutzig wie vorher: Woher sollten wir das Wasser kriegen, fragten sie. Und wenn man dazu weiß, dass sie zu 6 oder 7 in einem 3 qm großen Raum kochen, schlafen und als Zimmergenossen noch dazu Läuse, Ratten und Kakerlaken haben, was sollte man da noch groß sagen... Sie lachen einfach herzlich darüber, und es bleibt uns nur übrig mitzulachen, aber das Herz ist wirklich nicht dabei! Reis und etwas Linsensaft sind die einzige Nahrung ihrer Familie. Alle Kinder bis zu fünf Jahren dank Ihrer Unterstützung. täglich den Milchbrei mit den notwendigen Vitaminen und Mineralien. Die zur normalen Entwicklung eines Menschen nötig sind.

Auch in der Klasse der Kinder, die wir alphabetisieren, um sie so schnell wie möglich einzuschulen, ist unsere Arbeit nicht einfach. Wir mussten strikte Regeln einführen, denn die Kinder kamen nur, wann sie wollten, und die Lehrerinnen mussten sie morgens aus den Hütten holen. Jetzt wird ihre Anwesenheit kontrolliert, und sauber müssen sie auch sein. Schon 80 wurden mit unserer finanziellen Unterstützung eingeschult, denn in Nepal gibt es nichts umsonst: ohne Geld, keine Schule.

Alle 70 Slums des Kathmandutals liegen ziemlich zentral auf Regierungsgelände und werden mit Sicherheit eines Tages von den Bulldozern erbarmungslos platt gemacht. Trotzdem bemühen sich manche Slumbewohner, stärkere Häuschen aus Backsteinen zu errichten. Und nicht nur die Bulldozer der Regierung sind eine Gefahr, sondern auch das große Erdbeben, das schon seit Jahren erwartet wird. Gerade in Nepal treffen zwei Erdplatten aufeinander, die zusammen vor langer Zeit den Himalaja gebildet haben. 80% der Gebäude der Stadt, die 2,5 Millionen Menschen beherbergen, werden dem Beben nicht standhalten können.

In einem der Slums, den wir bisher mit Essen versorgten, haben wir unseren Einsatz beendet. Dieser kleine Slum hat sich nämlich materiell entwickelt, und die Menschen haben durchaus das Geld, eine Packung dieses nahrhaften Pulvers für ihre Kinder zu kaufen. Sie werden es trotzdem nicht tun, sagten sie uns, denn sie haben andere Prioritäten wie den Kauf von Fernsehern oder Motorrädern!!! Die Mentalität dieser Eltern bringt uns manchmal zur Verzweiflung, aber wir bleiben strikt: Verständnis und Mitgefühl für Armut zu haben ist eine Sache, ausgebeutet zu werden eine andere!

Wir prüfen die Lebensverhältnisse der Menschen sehr genau, bevor wir Hilfe leisten. Alleinstehende Frauen mit Kindern haben es besonders schwer. Schwere Krankheiten, Unfälle oder das Alter hindern sie daran, sich und ihre Kinder zu ernähren. Wir geben Ihnen den herzlichen Dank weiter, der in ihren Augen leuchtet. Von den Kriegen und Katastrophen, die in der Welt passieren, wissen sie nichts. Auch in bitterer Armut sind sie viel glücklicher, als wir es hier in Europa sind. Sie denken nur an die Portion Reis, die sie heute brauchen, um ihren und den Magen ihrer Kinder zu füllen. Etwas wie eine Zukunft scheinen sie nicht zu kennen.

Ganz herzliche Grüße

Elisabeth Montet