Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Rundbrief Mai 2008 -

Liebe Freunde,

ein plötzlicher Wind der Hoffnung weht jetzt in Nepal! Die hoffnungslose Situation des Landes hat bei den Wahlen am 12. April zum Staunen aller die maoistische Partei mit großer Mehrheit an die Macht gebracht. Während die Massen den Anführer der früheren Rebellen Prachanda anjubelten, erklärte President Jimmy Carter, der als Wahlbeobachter fungierte, dass die USA und Indien ab jetzt aufhören sollten; die Maoisten als Terroristen zu verfolgen und mit ihnen zum Wohle des Landes zusammenarbeiten müssten. Mit diesem Wahlergebnis, so meinte er, sei die nepalesische Monarchie endgültig am Ende. Prachanda seinerseits lud die verlierenden Parteien dazu ein, sich mit den Siegern so schnell wie möglich zusammenzusetzen, um endlich ein effizientes Programm für die Entwicklung Nepal zu planen.

Es gibt nämlich viel zu tun! Kein Strom, kein Wasser, kein Benzin noch mehr Korruption, Armut und Elend bezeichnen das Leben de Nepalesen in diesem Frühjahr 2008. Mit einem so großen Sieg der ehemaligen Rebellen hatte niemand gerechnet, denn alle Medien hatten die Partei des 84 jährigen amtierenden Premierministers Koirala während des Wahlkampfes sehr stark unterstützt, indem sie täglich über Untaten und Gewaltakte von Maoisten im ganzen Land berichteten. 810 Wahlbeobachter aus der ganzen Welt wurden eingesetzt, um für gerechte Wahlen zu sorgen. Zur Zeit kann die Mehrheit der Nepalesen sich die Grundnahrungsmittel, ganz besonders den immer teurer werdenden Reis, nicht mehr leisten. Der Mangel an Elektrizität, die jeden Tag 8 Stunden lang abgeschaltet wird, lähmt das Leben der noch existierenden Firmen, und da auch noch Benzin und Diesel fehlen, ist das Transportnetz nach Kathmandu am Zusammenbrechen.

Um so wichtiger bleibt unsere Arbeit in den Slums. Die 200 Kinder werden täglich mit den notwendigen Mineralien und Vitaminen versorgt, und Mütter aus der Umgebung bringen ihre Kleinen zur Essensausgabe pünktlich mit. Sija und ihre Mitarbeiter sind sehr aktiv. Inzwischen stehen uns zwar alle Türen offen, aber wir werden jetzt mit den schrecklichen und belastenden Schicksalen konfrontiert, die uns früher verborgen blieben: Alte todkranke Menschen liegen da ohne medizinische Versorgung in unglaublich unhygienischen Zuständen im Sterben. Um ihnen Erleichterung zu verschaffen, haben wir Sussila aus den Slums für 30 Euro im Monat als Pflegerin eingestellt. Sie lässt sich von ihrem gewalttätigen Mann scheiden und lebt mit ihrer kleinen Tochter zusammen. Sie ist eine fleißige Schülerin der Abendschule für Frauen, die von Sija betrieben wird, und erledigt ihre neue Aufgabe mit großem Engagement. Wir sind eine reine Kinderorganisation und können nicht all das Elend des Slums übernehmen, aber durch einfache Mittel wie Seife, Handtücher und gute Ratschläge, können wir das Leid dieser schwerkranken Menschen lindern und gleichzeitig bei den Kindern den Sinn für Mitgefühl erwecken. Dabei hilft uns die Krankenschwester Swechha ehrenamtlich. Sie hat sich vor zwei Jahren um unseren leukämiekranken Pramod bis zu dessen Tod gekümmert, und eine echte Freundschaft verbindet uns seit dieser Zeit mit ihr. Großvater Govinda Bahadur Rana, 75, starb

Fünf Wochen nachdem wir ihn zum ersten Mal in seinem miserablen Zustand fanden. Nach einem Sturz lag er seit drei Jahren gelähmt auf dem Lehmboden seiner Hütte, und eine oberflächliche Untersuchung deutete auf mehrere Schlaganfälle und auf Prostatakrebs im Endstadium hin. Von uns motiviert, hörte seine verzweifelte Frau Rukmani auf zu trinken, und wir halfen ihr, ihm ein friedvolles und würdigeres Ende zu bereiten. Sieben Kinder hat das Ehepaar zur Welt gebracht, aber in dieser verzweifelten Situation stand keiner von ihnen an ihrer Seite. Sussila erweist sich in solchen Situationen als eine mitfühlende, hilfsbereite Pflegerin.

Diejenigen Slumkinder, die im Lernen gut sind, schicken wir nach der vierten Klasse weiter in staatliche Schulen und bezahlen dann ihre Schulgebühren, die Bücher, Hefte und Schuluniformen. Dieses Mal wurden alle Kinder zahnärztlich untersucht und werden jetzt nach und nach zum Zahnarzt gebracht, um behandelt zu werden. Dr. Binay Raj Pokharel machte uns einen Sonderpreis von 500 Euro für die ganze Truppe.

Das ganze Slumgebiet ist inzwischen auf Seite der Maoisten und hat zu deren Wahlsieg beigetragen. Viele Frauen und einige Männer sind politisch aktiv, aber unsere Arbeit in der Gemeinschaft bleibt bis jetzt davon unbeeinflusst. Dort arbeiten wir seit vier Jahren dank Ihrer finanziellen Unterstützung, und niemand stellt unseren Einsatz in Frage, weil alle verstanden haben, dass er der ganzen Siedlung wirklich zu Gute kommt.

Wir haben eine Brücke neu gebaut, die zusammengestürzt war und für einen regelmäßigen Besuch der Kinder in die Schule und die Bewegungsfreiheit der Slumbewohner notwendig war.

Children's World wird immer kleiner, da unsere Kinder nach und nach selbstständig werden und unser Haupteinsatz jetzt und für die Zukunft immer mehr in den Slums liegt. Wir hatten eine sehr schwere Zeit mit unserem an Muskeldystrophie erkrankten, voll gelähmten Raj Kumar, der erst kurz vor dem Tod stand, 5 Tage lang im tiefen Koma lag und zur Überraschung aller wieder erwachte. Die Ärzte sprachen von einem Wunder Gottes und distanzierten sich völlig von der erstaunlichen Genesung. Es war für uns alle eine erschöpfende Zeit, aber wenn wir nach all dem Elend zusehen konnten, mit welchem Genuss er wieder anfing zu essen, dachte keiner von uns mehr, dass sein Tod für ihn eine Erlösung gewesen wäre..

Doch sind die Wege des Schicksals unergründlich, und das Wunder war nur von kurzer Zeit: Unser "Prince" starb zwei Wochen später innerhalb von ein paar Stunden im Alter von 22 Jahren. Ohne ihn wird Children's World nie wieder das sein, was es war. Dank der liebevollen, immer geduldigen Pflege seiner Geschwister hatte er eine Lebensqualität, die nur wenige behinderte Menschen im Westen erleben. Seine Dankbarkeit war entsprechend, und seine große Demut war ein Beispiel für jeden, der mit ihm zu tun hatte. Wir werden ihn furchtbar vermissen, und wir wissen schon, dass das große Loch, das er mit seinem Verschwinden in unserer Gemeinschaft hinterlassen hat, ganz bestimmt von niemandem zu füllen sein wird.

Chini Maya Lama, Kusums Mutter, erhielt in diesem Monat ihre letzte Chemotherapie gegen Brustkrebs, und ihre Überlebenschancen sind sehr hoch, auch wenn erst die fünf üblichen Jahre vorbeigehen müssen, um sicherzugehen, dass die Krankheit wirklich besiegt wurde. Sie weiß die Chance zu schätzen, dass wir für sie die teuren Behandlungskosten bezahlten, da sie sonst wie die meisten Schwerkranken in Nepal ohne jede Behandlung geblieben und bald gestorben wäre. Herzlichen Dank an Sie alle, die das Leben all dieser so benachteiligten Menschen leichter machen und ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen. Bis zum nächsten Brief Anfang September ganz herzliche Grüße und alles Gute!

Elisabeth Montet