Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief Mai 2004 -
Liebe Freunde,

ein Aufenthalt in Nepal ist nie langweilig, aber in diesem Frühjahr war er besonders erlebnisreich. Direkt vom Flughafen ins Krankenhaus zu fahren, um als "Hebamme" tätig zu werden, weil die lakonischen und überarbeiteten Schwestern dazu nicht in der Lage sind, dass einem so etwas geschehen könnte, kann sich niemand vorstellen. Nach vielen Stunden Wehen, Pressen und Gegenpressen gegen die Beine der armen Swikriti, dem schwangeren Mädchen, das wir aufgenommen hatten, kam der Kopf des Babys langsam millimeterweise heraus, und das Personal griff nur ein, um die Nabelschnur durchzuschneiden und die Plazenta herauszunehmen. Am 19. März 2004 wurde Nelson Iman Thapa auf einem von schreienden Frauen überfüllten Krankenhausflur auf einer Krankenbahre geboren. Er wurde in einen alten, schmutzigen Lappen gewickelt und uns in die Arme gedrückt. Seine Mutter blieb noch zwei Wochen im Kinderhaus, bevor sie zu Hause wiederaufgenommen wurde, als käme sie von einem Studium in Indien zurück. Die Eltern hatten ein schlechtes Gewissen, ihre Tochter für die Zeit ihrer Schwangerschaft verstoßen zu haben. Ihr Vater, ein der nepalesischen Armee, versprach, sie nach England zu schicken, weil sie nach dieser Gebul niemals heiraten kann.

Nelson (so genannt, damit er von Mandelas Mut etwas abkriegen möge...(!)) Iman (bedeutet nepalesisch "Ehrlichkeit") Thapa (der Familienname seiner Mutter) ist inzwischen das Maskottchen des Kinderhauses und wartet auf seine Adoption durch französische Eltern. Diese Prozedur scheint von nepalesischer Seite aus äußerst schwierig zu werden, denn Adoptionen sind - genauso wie anderswo auch - ein Riesengeschäft, an dem wir uns teilzunehmen weigern. Die Beamten des staatlichen Waisenhauses wissen schon, dass, wenn die Adoption nicht reibungslos verläuft, wir als Organisation das Recht haben, Nelson in Nepal zu behalten und zu erziehen.

In Nepal werden Babys am laufenden Band geboren und Menschen sterben genauso. Die chaotische Situation des Landes wird immer schlimmer. Fast jede Woche gibt es drei Tage Generalstreik, mal von den Maoisten ausgerufen, mal von der Vereinigung aller Parteien, die den König zur Rückkehr zur Demokratie zwingen wollen. Während der Demonstrationen sind in den letzten Wochen Hunderte von Menschen verletzt worden, denn nicht nur Tränengas, sondern auch Stöcke mit Nägeln werden von der Polizei gegen die Menge eingesetzt. Es gibt auch immer wieder Ausgangssperren, und in bestimmten Orten oder Teilen Kathmandus darf eine Menschengruppe nicht fünf Personen übersteigen, sonst wird geschossen. Den König lässt die Situation seines Landes kalt, und mit der Hilfe von Herrn Busch bekämpft er die Maoisten, die jetzt genauso wie die Soldaten und Polizisten grausame Folter anwenden. Viele Nepalesen wünschen sich ein Eingreifen der UNO, aber bis jetzt hat Kofi Anan beide Seiten des Konflikts nur zu Verhandlungen aufgefordert. Mehrere amerikanische Soldaten bilden nepalesische Kollegen aus, die den Gebrauch der äußerst komplizierten amerikanischen Waffen nicht kennen und der US-Botschafter in Nepal zögert nicht, die nepalesische Armee in aller Öffentlichkeit zu besuchen und sich in die Innenpolitik des Landes einzumischen.

In den letzen acht Jahren hat der Konflikt 10.000 Menschen das Leben gekostet, und es vergeht kein Tag, ohne dass sogar in Kathmandu auf Zivilisten geschossen wird oder Bomben explodieren. "Unser" Soldat Baghat ist jetzt im Einsatz gegen die Rebellen in Westnepal, und, wenn er mal anruft, hat er eine ganz kleine Stimme und darf über seine Tätigkeit nicht reden... Da die Maoisten dabei sind, immer wieder die Straßen zu sperren, die zur Hauptstadt führen, mangelt es an allem. Wir haben für alle Fälle Trockennahrung wie Reis, Linsen, Sojabohnen etc... gelagert, damit das Kinderhaus für vier Monate genug zu essen hat. Wir können nur froh sein, mit den Verkäufern rechtzeitig feste Preise für den Bau der Abwasser-Kanalisationen in den Slums vereinbart zu haben, weil die Summe von 6000 Euro, die wir dafür eingeplant hatten, sich inzwischen verdoppelt hätte. Ganz besonders Zement kommt nur langsam nach Kathmandu. Trotzdem gehen die Arbeiten voran. Die Männer des Slums helfen, wo sie können, weil in Nepal keine Kräne verfügbar sind und mit Menschenkraft gearbeitet wird. Alle Bewohner des Slums sind dankbar, bald nicht mehr an einem aus Exkrementen und Abwässern gebildeten Fluß zu leben, denn wir haben ihnen klargemacht, dass ihre Gesundheit und die ihrer Kinder dadurch eine deutliche Verbesserung erleben würde. Die Stadt Kathmandu hatte mit dem Bau der Kanalisationen genau vor den Slums aufgehört und den Weiterbau verweigert, da die Slummenschen als unerwünscht und Kriminelle gelten. Diese Großarbeiten führt Sija und wirkt gleichzeitig als Direktorin der Schule, die weiterhin erfolgreich arbeitet. Deepak und Dilip stehen ihr zur Seite und kümmern sich um die Anschaffung der Materialien. Wir haben das große Glück gehabt, die Hilfe von Herrn Mitthuram zu bekommen, der in diesem Stadtteil als Regierungsbeamter für Abfall und Abwasser zuständig ist. Er konnte zwar nicht bewirken, dass die Stadt diese Kanalisationen baute, aber er war beeindruckt von dem Einsatz unserer Jugendlichen und hat ihnen wichtige Ratschläge gegeben und sich sogar privat für eine Verbesserung der Lebensumstände in den Slums engagiert: eine Seltenheit in Nepal. denn die meisten Beamten genießen lieber ihre Privilegien und ignorieren die Armen.

Eine große Neuigkeit ist, dass wir in ein anderes Haus umgezogen sind. Das völlig erdbebensichere Traumhaus haben wir nicht gefunden, da nur drei Gebäude in ganz Kathmandu normgerecht gebaut sind. Wir mussten uns also mit einer Zwischenlösung zufrieden geben. Ein spezialisierter Architekt, den wir zu Rate gezogen haben, sagte uns, dass wir kein besseres Haus finden würden. Er hoffe, meinte er, dass das Dach und die Zwischendecken dem angekündigten großen Erdbeben standhalten und vielleicht "nur" die Wände zusammenstürzen würden...

Unsere "Großen" haben beim Einrichten des Hauses und beim Umzug tüchtig geholfen, aber wir mussten gleich feststellen, dass das Wasser bei weitem nicht reichte. Also haben wir drei Brunnen bohren lassen, die Wasser durch elektrische Pumpen und Rohre in unsere Wassertanks führen. Ein vierter Brunnen ,wurde mit einer Handpumpe versehen, weil der Strom fast jeden Tag, besonders jetzt in der Trockenzeit, für mehrere Stunden ausfällt. Das Wasser wird im Moment analysiert, da alle Flüsse der Stadt Exkremente und Abwasser transportieren und das Grundwasser verseuchen. In "Children's World" darf sowieso nur das Wasser, das durch ein elektrisches Gerät gereinigt wird, getrunken werden.

Das neue Haus ist komfortabel und angenehm mit einem großen Grundstück zum Spielen und einem schönen Garten,was für die Lebensqualität unseres an Muskeldystrophie erkrankten Raj Kumar äußerst wichtig ist. Nicht völlig gelähmt wie er ist Sharmila, 17, die wir zu uns genommen haben, weil sie von ihrem Hausherrn misshandelt wurde. Ihre beiden Füße sind durch Kinderlähmung völlig verformt und sie kann ohne Krücken weder stehen noch gehen. Unser treuer Spender aus Nürnberg hat sich bereit erklärt, die schwierige Operation zu bezahlen, die ihr das Gehen ohne Krücken erlauben soll. Die Chancen, dass es klappt liegen bei 90%. Bikram beendet seine Hotelschule und wird ab 1.10.04 für ein Jahr in zwei französischen Vier-Sterne-Hotels ein Volontariat machen. Die kleineren Kinder haben in der Schule große Fortschritte gemacht. Deepak, unterstützt von Sija, Bikram, Pema und Dilip, führt das ganze Projekt besser als alle seine Vorgänger. Die tägliche Kommunikation mit Europa per E-mail funktioniert bestens, und die Probleme werden reibungslos gelöst. Wir können froh sein, dass unsere "Großen" den Punkt erreichen, an dem sie langsam selber die Zügeln in die Hand nehmen können, was für die Zukunft auf viel Positives hoffen lässt. Auch die Atmosphäre untereinander ist nie so harmonisch gewesen wie jetzt.

Seit Anfang des Jahres haben uns leider drei langjährige Spender durch Tod verlassen. Es war Ihr Wunsch und auch der Wille ihrer Angehörigen, dass statt Blumen bei ihrer Beerdigung Geld an die Kinderhilfe Nepal gespendet wurde. Frau Althild Linder, die mit ihrem Mann das Kinderhaus besucht hatte, Herr Dr. Josef Samson und Herr Lutz Münzfeld bleiben in unserer Erinnerung. Wir und ganz "Children's World" möchten ihren Angehörigen unser tiefes Mitgefühl ausdrücken und allen ihren Freunden und Bekannten für ihre Spenden herzlich danken. Einen besonderen Dank auch an unsere übrigen treuen Spender, deren Hilfe unsere großen Kinder jetzt richtig zu schätzen wissen.

Bis zum nächsten Brief im Spätsommer, alles Gute und Liebe an Sie Alle!.

Ganz herzliche Gre

Elisabeth Montet