Kinderhilfe Nepal e.V. / Childrens´s World
- Newsletter April 2015 -

Liebe Freunde,

laLaut der nepalesischen Medien verlassen über 2000 Nepalesen täglich das Land, um in Malaysia, Israel, Afghanistan und in den Golfstaaten zu arbeiten. Alle hoffen, nach ein paar Jahren nach Hause zurückzukehren, um mit dem gesparten Geld in der Heimat eine neue Existenz aufzubauen. Die Regierung konzentriert sich aber eher darauf, ihre Bürger zu exportieren, weil sie ja Devisen ins Land bringen, als dass sie diesen erschöpften Männern dann helfen würde, zu Hause eine Arbeit zu finden. Anderseits erschweren die extrem hohen Preisen das Leben in Nepal, und ihre Ersparnisse sind vergleichsweise so gering, dass sie nicht reichen, um ihre Familien zu ernähren. Deshalb müssen die meisten wieder ins Ausland, um in oft unwürdigen Bedingungen als billige Arbeitskräfte zu dienen. Dabei sind sie es, die es möglich machen, dass mindestens ihre Familien ein etwas besseres Leben haben und ihre Kinder zur Schule gehen können.

Während es in entfernten Gegenden des Himalajas an Grundnahrungsmitteln fehlt, entwickelt sich die Hauptstadt zu einer chaotischen, lauten und gefährlichen Metropole, in der die Kriminalität wächst. Die einst so freundlichen Nepalesen verhalten sich jetzt grob und brutal. Vom Nachbarland Indien inspiriert, zögern Banden von Jugendlichen nicht, Mädchen mehrfach zu vergewaltigen und dann ihr Gesicht mit Säure zu entstellen. Kinder werden nach wie vor als Arbeitskraft benutzt, und der Mädchen- und Frauenhandel in die Emirate, Indien und Afrika blüht wie nie zuvor. Die Polizei nimmt zwar hin und wieder Verantwortliche und Mittäter fest, aber solche Kriminellen fürchten sich nicht, verhaftet zu werden, weil sie wohl wissen, dass die Gefängnisse überfüllt sind, und sie nicht lange eingesperrt bleiben werden. Die Nepalesen sind heutzutage bewusst, dass ihre Kinder eine gute Schulausbildung genießen müssen, um es später besser als ihre Eltern zu haben. Deshalb ist das Geschäft mit den Schulen das blühendste Geschäft im Tal von Kathmandu geworden: eine Unzahl von Privatschulen wächst wie Pilze aus dem Boden.

Diese neue, gutgläubige Mittelklasse orientiert sich an den neuen Gebäuden einer Schule und an ihren hohen Gebühren, um die beste Institution für ihre Kinder auszuwählen. Je höher die Gebühren, desto überzeugter sind die Eltern von der Bildungsqualität, die ihre Kleinen in der Schule genießen werden. Dabei ist das Niveau der nepalesischen Schulen und Universitäten im Vergleich zum Ausland extrem niedrig. Die Unterrichtsmethoden bleiben mittelalterlich, und die Lehrer sind nicht ausgebildet und besitzen nicht das nötige Allgemeinwissen, das für diesen Beruf so wichtig ist. Dazu kommt, dass Nepal mit seinen 80 offiziellen Feiertagen wahrscheinlich einen Weltrekord aufstellt, und wenn man die normalen Schulferien dazurechnet, kann man sich vorstellen, dass der Lehrerberuf nicht gerade viel Kreativität hervorbringt.

Unsere Arbeit in den Slums von Kathmandu wird weitergeführt. In Banshigat alphabetisiert SUSHMA eine neue Welle von Nomadenkindern, deren Eltern sesshaft werden wollen, und wir haben sie für das neue Schuljahr im Mai in der nah gelegenen Staatsschule eingeschrieben. Die notwendigen Schulgebühren und Uniformen zahlt auch Kinderhilfe Nepal, weil ihre Eltern ihre Familie durch Abfallrecycling oder Betteln nur mit Mühe ernähren können.
Weil es öfter vorkommt, dass die Männer ihre Familien verlassen, sind die Frauen aus dem Slum von Banshigat auf unseren Kindergarten angewiesen, um arbeiten gehen zu können. Aus diesem Grund haben wir auch in Thapathali zum größten Teil dazu beigetragen, einen zweiten Kindergarten zu gründen. Eine private nepalesische Sponsorin hat das Plastikzelt für die Herstellung der Krippe und das Personal zur Verfügung gestellt, und wir haben alles für ein gutes Funktionieren der Tagesstätte besorgt: Spielzeuge, Hefte, Malstifte, Handtücher, Eimer etc...

Wir mussten sogar Kleider für die Kleinen kaufen. Weil sie morgens sehr schmutzig im Kindergarten erscheinen, werden sie jetzt erst geduscht und frisch angezogen. Abends gehen sie mit der eigenen schmutzigen Kleidung nach Hause. Wir haben schon zu viel Geld für Kleider ausgegeben, die innerhalb von einer Woche nicht mehr zu gebrauchen waren, und wir hoffen, dass die Kinder und ihre Eltern auf diese Weise langsam lernen, den Unterschied zwischen Schmutz und Sauberkeit zu erkennen. Die nepalesische Sponsorin durften wir merkwürdigerweise nicht kennenlernen, aber wir begrüßen es sehr, dass nicht nur WIR Hilfe leisten, weil es inzwischen manchen Nepalesen finanziell ganz gut geht, und sie auch ihren Beitrag leisten sollten. Hauptsache ist für uns, dass der Kindergarten läuft, und dafür sorgen wir. Etwa 300 Kinder aus dem Thapathali Slum und 100 aus Banshigat bekommen täglich unseren mit Vitaminen und Mineralien angereicherten Brei, und Trinkwasser wird mehrmals die Woche an beide Gemeinschaften per LKWs geliefert.

Jetzt wird die Straße am Ufer des Bagmati-Flusses am Rande der Slums gebaut, und alle hinfällige Latrinen der Thapathali Siedlung wurden zerstört. Wie mussten also mit Plastikplanen und Bambus Toiletten bauen, die auch als Duschplatz gebraucht werden können, damit ein Minimum an Hygiene bewahrt wird. Wir bezahlen weiterhin für kleine und größere Operationen der Kinder. Ein Mädchen bekam im Februar eine neue Herzklappe. Der spektakulärste Eingriff wurde aber an einem dreizehn-jährigen Jungen durchgeführt: er hatte sich als Kleinkind ein Bein gebrochen und wurde nicht richtig behandelt. Daher wuchsen seine Beine mit einem Unterschied von 10 cm weiter, und er hinkte schwer. Nach mehreren schmerzhaften Eingriffen sind seine Beine heute gleich lang.

Auch wenn solche Behandlungen für die meisten Nepalesen unbezahlbar sind, gibt es im Himalajastaat durchaus gute Ärzte und Chirurgen. Vieles könnte in diesem Land zum Positiven geändert werden, wenn sich die Politiker darauf einigen würden, ganz einfache Reformen durchzuführen. Aber sie denken eher daran, ihre kleinen Ego Kämpfe auszutragen, um an die Macht zu kommen, und kümmern sich überhaupt nicht um ein besseres Leben ihrer Mitbürger. Die Korruption zerfrisst alle Institutionen des Landes und scheint sogar in die Gene des Volkes eingedrungen zu sein, sodass sie den Nepalesen leider völlig natürlich vorkommt.
Wir setzen unsere Arbeit bei den Ärmsten unbeirrt fort und halten uns fern von solchen Kreisen, die sowieso ihr Bestes tun, um uns zu ignorieren. Demut, Diskretion und unermüdliches Durchsetzungs- vermögen bleiben die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg einer Organisation wie unsere in Nepal, und so ist unser Einsatz am Wirksamsten. Vielen Dank an Sie alle, die uns dabei so treu unterstützen!

Herzliche Grüße,

Elisabeth Montet