Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief April / Mai 2009 -

Liebe Freunde,

Liebe Freunde,

in diesem März lag die ganze Talmulde von Kathmandu, das von den Bergen des Himalajas umgeben ist, in einer schwarzroten Staubwolke, welche die sichere Landung der Flugzeuge erheblich erschwerte. Sand aus den Wüsten von Rajasthan und Baluchistan sowie Rauchpartikel zahlreicher Waldbrände im Norden Nepals hingen über der Hauptstadt und reizten Augen und Lungen. Die Regierung verfügt über keinerlei Mittel, um das Feuer zu bekämpfen, das jedes Jahr in der Trockenzeit die wertvollen, bereits stark dezimierten Wälder verwüstet. Der maoistische Premierminister Prachanda ist nicht in der Lage, eine Besserung der Zustände seines Landes herbeizuführen. Dafür hat er keine ausreichende Mehrheit im Parlament, weshalb er mit seinen Reformen nicht vorankommt. Sein Kampfgenosse Dr. Baburam Bhattarai Finanzminister und Ideologe der maoistischen Bewegung, ist als einziger wirklich im Einsatz und setzt zum ersten Mal eine Steuerreform im Land durch, die ihn bei den Wohlhabenden sehr unbeliebt macht. Die Gelder aus den Einnahmen sollen eingesetzt werden, um den Unterprivilegierten zu helfen und die Infrastruktur des Landes nach den Zerstörungen des 12-jährigen Zivilkrieges wieder aufzubauen. Diese Summen sind jedoch ungenügend, und Nepal bleibt abhängig von der Gunst der "entwickelten" Länder, die der Premierminister regelmäßig besucht, um Geld zu erbetteln. Aber nicht nur das materielle Elend verhindert jeden Fortschritt, sondern auch die mentale Armut der Nepalesen, die die alte, auf traditionelle Werte gegründete Kultur ihrer Dörfer verlassen haben, um in der Großstadt zu leben: Die korrupte Verhaltensweise, die bei den meisten Menschen und in allen Schichten der Gesellschaft zu finden ist, setzt der Amoralität keine Grenzen. Es geht allen nur ums Überleben, und dies mit allen Mitteln und jeder für sich. Man zögert nicht, Urkunden und Pässe zu fälschen und andere zu betrügen und auszubeuten mit dem einzigen Ziel vor Augen, auszuwandern und dann davon träumen alle, daran glauben alle ganz fest rasch an leichtes, großes Geld zu kommen!

Ethnische Unruhen erschüttern das Land, blockieren die Wege nach Kathmandu und verhindern die Versorgung der Hauptstadt mit den wichtigsten Gütern. Es gibt meist kein Benzin und zu wenig Wasser; Strom gibt es nur erst nach Mitternacht, wenn die Menschen schlafen. Die Fabriken stehen deshalb still, und die ohnehin spärliche Industrie ist lahm gelegt. Obwohl die Maoisten zum Ziel hatten, die Kastendiskriminierung zu bekämpfen, bleiben jahrhundertealte Traditionen weiter am Leben: Mädchen zwischen 20 und 30 Jahren werden von den Eltern als Gefangene gehalten, weil sie mit jungen Männern anderer Kasten ausgehen wollen. Nicht selten gibt der Vater einer kriminellen Bande das Photo des Jungen mit dem Auftrag, diesen zu verfolgen und ihm Arme und Beine zu brechen. Die dreizehnjährige Kumari aus unserer Slumschule wurde aus diesem Grund von heute auf morgen verheiratet, ohne dass unsere Projektleiterin Sija vorher davon erfuhr. Kumaris Schwester ist kürzlich mit einem Mann einer "niedrigeren Kaste" durchgebrannt, und um zu verhindern, dass die Kleine es ihr nachmachte, wurde sie mit dem ersten Besten aus ihrer eigenen Kaste verheiratet. Die Menschenrechte werden von Gruppierungen aller Richtungen ständig verletzt, was die Kommission für Menschenrechte der Vereinten Nationen immer wieder streng verurteilt.

Den 4000 Bewohnern des Pathivaraslums geht es durch unseren Einsatz gut. Die halbjährliche Vorsorgeuntersuchung der Kinder fand Anfang April wieder statt, und wir konnten feststellen, dass die Gesundheit der Kinder von der Einnahme der vitamin- und mineralreichen Kost, die ihnen täglich von uns zugeteilt wird, stark profitiert. Durch Aufklärungsprogramme über Nahrung und Hygiene, diesmal in Zusammenarbeit mit Krankenschwestern eines nahe gelegenen Krankenhauses, bemüht Sija sich, die Mütter zu motivieren, besser für ihre Familie zu sorgen und ihren Schülern ein neues Bewusstsein zu geben. Auch die Kinder sind jetzt im Einsatz und säubern zweimal in der Woche das Slumgelände, indem sie mit Gummihandschuhen den Abfall einsammeln, der dann sortiert wird. Trotzdem ist die unmittelbare Umgebung des Slums eine einzige Müllhalde, und es ist schwer, die Kinder daran zu hindern, am Rande der Siedlung zu spielen. Dort fließt der Fluss, in dem Abwasser und Exkremente des ganzen Viertels aus den Kanalisationen landen, die wir vor 3 Jahren gelegt haben. Alle Flüsse der Stadt dienen als Mülldeponie und transportieren übel riechende und gefährliche Abfälle. Neue Slums wachsen ständig an deren Ufern, von der Regierung geduldet, die diese abstoßenden Gebiete ignoriert. 69 Slumsiedlungen gibt es inzwischen in Kathmandu; etwa zweieinhalb Millionen Nepalesen von den 29 Millionen Einwohnern des Landes leben in Slums.

Unter diesen Umständen ist unsere Arbeit wirklich nur ein Tropfen in diesem "Ozean des Elends". Dessen sind wir uns bewusst, aber sollen wir deshalb aufgeben? Immerhin bekommen über 200 Kinder durch Ihre Hilfe eine Chance und ihre Familien ein besseres Leben. Wenn es uns möglich ist, werden wir in Zukunft unsere Aktion auf andere Slumgebiete ausweiten. Durch das launisch gewordene Wetter auf unserem Planeten sind die Reisernten durch Wassermangel spärlich geworden, und die Hungersnot steigt auch in Nepal. Deshalb denken wir schon jetzt daran, in anderen Slums, soweit unsere Mittel es erlauben, mit Nahrung einen Beitrag zu leisten, um die Not zu lindern, und wir hoffen, dass Sie alle, die die Kinderhilfe Nepal so treu unterstützen, dieser zusätzlichen Hilfe zustimmen werden.

Wir danken Ihnen von ganzem Herzen für Ihren Beistand und wünschen Ihnen bis zum August-September alles Gute.

Ganz herzliche Grüße
Elisabeth Montet