Kinderhilfe Nepal e.V.
- Rundbrief April 2001 -
Liebe Freunde, 

auch in Nepal fangt der Frühling an und schickt im April und Mai eine unerträgliche Hitze, die der Regenzeit immer vorangeht. Das stört unsere nepalesischen Kinder und Freunde überhaupt nicht, denn hier passt man sich von Natur aus an den Gegebenheiten des Lebens an. Von einer Besserung der politischen Verhältnisse ist nicht zu reden. Die Maoisten nähern sich immer mehr der Hauptstadt. Sie beherrschen schon fünf Distrikte und haben eine eigene Regierung und eigene Gesetze. Der Staat hat eine Sondereinheit gebildet, die das Land von den Rebellen säubern soll. Trotzdem gewinnen die Maoisten an Einfluss bei der armen Bevölkerung. Erst gestern erfuhren wir, dass 35 Polizisten bei einem Angriff den Tod fanden und die 23 Überlebenden in den Busch verschleppt wurden.
Im Moment finden die Endprüfungen des Schuljahres statt und alle sind bemüht, mindestens in die nächste Klasse befördert zu werden. Die meisten unserer Kinder sind langsam und, wie sie es selbst gestehen, faul. Wir hatten mit ihnen eine lange Diskussion, um zu versuchen herauszukriegen, warum. Alle meinten, dass sie, wenn sie ins Kinderhaus kommen, vor lauter Freude und Stolz eifrig in der Schule lernen, um - wie sie es nennen - einen "großen Mann" oder eine "große Frau" zu werden. Nach etwa einem Jahr, sagen sie, sei dieser Eifer nicht mehr da. Sie fühlen sich wohl im warmen Nest von "Children's World", bekommen gutes Essen und allerlei Möglichkeiten, leben in einem schönen, sauberen Haus und werden automatisch faul. Sie bemühen sich schon, behaupten sie, aber nicht so wie früher, Khim machte den Vorschlag, daß diejenigen, die sitzen bleiben, vom Kinderhaus weggeschickt werden sollten. Merkwürdigerweise sind die Kinder von jeder Art Bestrafung begeistert. Sie wegzuschicken wäre gut, aber wohin? Ganz besonders, wenn wir wissen, dass sie keine Eltern mehr haben und wieder den Straßen Kathmandus landen.

Uns tröstet, dass ein Drittel von ihnen sein Bestes tut und es zu etwas bringt. Renu, Ram Pukhal und Baghat haben eine Stelle als Volksschullehrer angenommen. Sie studieren daneben weiter und geben einen Teil ihres Lohnes dem Kinderhaus als Beitrag für Essen und Wohnen. Sija und Bilu sorgen dafür, dass das Projekt noch besser Iäuft als früher. 

Bikram wird Ingenieur und ist die "Rettung" fur die Kleineren, die alle in Mathematik besonders: schwach sind. Er unterrichtet sie täglich. Sija ist mit ihrer Ausbildung als Sekretärin fertig, lernt weiter Deutsch und sucht eine Arbeit.

Die beiden stillen Engel, die "Children's Wrorld" wirklich in der Hand haben, sind Meena und Sarshoti. Sie sind seit so vielen Jahren im Kinderhaus, dass sie an Autorität gewonnen haben und alle haben ihnen für ihren liebevollen Einsatz sehr viel zu verdanken.
Sarshotis Mann Shiva, ist jetzt 40. Wir machen uns Sorgen um das Rentenalter unserer Mitarbeit. Die Tradition will, dass die Kinder im späten Alter die Eltern versorgen, aber der Westen färbt auf diese Regeln ab, und viele alte Menschen irren einsam in den Straßen herum.

Wir unterstützen Shiva, indem wir ihn zum Elektriker ausbilden, und wollen ihm später helfen, ein Geschäft aufzumachen, wo ein paar unserer Kinder auch beschäftigt werden können. Für die junge körperbehinderte Köchin Sita wird später Shree Krishna sorgen. In einer feierlichen Versammlung versprach er, bis an ihr Lebensende für sie Lu sorgen. Shree bieten wir die beste Schulausbildung und er hatte die große Chance, in Indien in eine besonders gute Schule aufgenommen zu werden. Er ist weiterhin ernsthaft und erfolgreich und wird später durchaus in der Lage sein, für Sita zu sorgen. Seinem Versprechen kann er sowieso nicht entgehen, denn es nicht zu halten, würde den Zorn der Gönner auf ihn ziehen, meinen die Kinder... Wir haben natürlich daran gedacht, unser europäisches System der Rentenversicherung einzuführen, aber der Anteil wäre dem Lohn entsprechend so gering, dass die Rente am Ende unseren altgewordenen Freunden nicht einmal erlauben würde, ein paar wenige Jahre würdig zu leben. Deshalb versuchen wir für jeden eine persönliche Lösung zu finden.

Während unsere blinde Goma weiterhin in Neu-Delhi in der Schule erfolgreich ist, entwickelt sich Furgel, der durch eine Gehirntumoroperation auch blind wurde, zum Besten. Er ist unabhängig, ha sich selbst beigebracht, mit dem weißen Stock zu laufen und schlägt sich durch das ganze Tal von Kathmandu allein durch. Er bringt lauter Stipendien nach Hause und wir haben ihm für später ein Bankkonto aufgemacht, wo wir jeden Monat die Universitätsgebühren überweisen, die wir sonst für ihn bezahlen müssten. Furgel studiert Geschichte und hat alle wichtigen (und unwichtigen!) Daten der europäischen Geschichte im Hirn gespeichert. Ein großer Spaß ist es, bei ihm zu sitzen und ihn über seinen Fach auszufragen. Er ist unschlagbar und wir fragen uns erstaunt, wie er so viele Informationen in sich aufnehmen kann. Wir haben ihm ein kleines Tonbandgerät gekauft, das er zum Unterricht mitnimmt, und er lernt offensichtlich den ganzen Stoff auswendig. Unterrichtsbücher in Blindenschrift gibt es in Nepal nämlich nur für kleine Kinder und Furgel ist auf sein Gerät regelrecht angewiesen.

Wir waren stolz auf Santosh, der seit acht Monaten eine Schreinerlehre machte. Vor drei Wochen kam die Nachricht, dass er sich mit zwei Polizisten geprügelt hat, die eine alte Frau hart behandelten. Khim hat ihn untertauchen lassen, weil er gesucht wird. In Nepal werden solche Ereignisse schnell vergessen, da die Polizei zu träge ist, um grundsätzliche Nachforschungen anzustellen. Bis zum Kinderhaus hat sie es nicht einmal geschafft. In zwei Monaten müßte Santosh seine Lehre fortführen

Raj Kumars Zustand hat sich stabilisiert. Seine größte Klage ist, dass er nichts zu tun hat. Also äußerte er den Wunsch, drei Rebhühner zu besitzen. Diese Vögel werden in Wepal gezüchtet, und ihre Eier gelten als Wundermittel gegen Muskelkrankheiten. Da die Wünsche unseres "Prinzen" (Kumar bedeutet nämlich Prinz)immer erfüllt werden, baute Shiva einen großen Käfig, und Raj Kumar wartete wochenlang auf das Wunderei. Da nichts kam, schickte er die Rebhühner weg und entschied sich für richtige Hühner. Inzwischen sind schon neun Eier da, die keiner essen darf, weil Raj Kumar vorhat, ein "Hühnergeschäft" aufzubauen. Er sitzt tagelang neben der Brut und wartet auf die Kücken, die ihm das große Geld bringen sollen. Den Dreck muss auch geräumt werden, aber gegen ein paar Rupies, die er als „Wächter" des Hauses verdient, hat er zwei seiner Freunde dafür eingestellt. Träge und langsam sind sie in "Children's World", aber glücklich sind sie auch, wirklich! Harmonie und Liebe herrschen in der Großfamilie, und wenn zwei Babys auch noch dazu kommen, wie Shanta's und Anita's Jungen, dann ist es für niemanden eine Belastung, weil alle, Jungen und Mädchen, sich ständig abwechseln, um sich um sie kümmern, und dies geschieht ganz natürlich, ohne vorher organisiert zu werden. Wir haben uns für diese zwei Kinder zu nichts verpflichtet und Shanta und Anita damals gewarnt, als sie zu ihren "Traummännern" zogen, dass wir für ihre Kinder nicht die Verantwortung traben würden. Inzwischen sind die „Traummänner" verschwunden, und d beiden Frauen wussten schon, wo sie mit ihrem Kind Zuflucht finden würden. Auf die Straße werden wir sie natürlich nicht werfen. Also leben die Babys erstmal im Kinderhaus mit .

Eine Reise nach Kathmandu ist für Juni geplant, weil dann Goma und Shree Krishna für die Ferien von Indien nach Hause kommen und es schön ist, wenn wir alle zusammen sind. Die Kinder frag immer wieder, wann mehr Freunde aus Deutschland kommen. Genau so wie den Erwachsenen fa es ihnen schwer zu verstehen, dass unserer höherer Lebensstandard eben nicht alles ermöglicht, ai wenn es dieser Unterschied ist, der das ganze Projekt möglich macht. Wir meiden uns wieder im August-September und wünschen Ihnen frohe Ostern sowie alles Gute und Liebe für die nächsten Monate!

Mit herzlichen Grüssen
Elisabeth Montet