1000 Jahre tibetische Medizin auf Rollbildern

Das Standardwerk tibetischer Heilkunde ist das Buch "rGyud.bshi´ " = "Vier Tantras" (Kurztitel). Diese schwierige Medizinterminologie kann nur mit Hilfe tibetischer Ärzte und Professoren der Tibetologie erarbeitet werden. Das Buch rGyud bzi ist in metrischer Form geschrieben und besteht aus 156 Kapiteln. 

Im 17. Jahrhundert wurden die Texte der Vier Tantras mit dem Titel "Der blaue Beryl" erstmals zu medizinischen Ausbildungszwecken illustriert. Es entstanden insgesamt 77 medizinische Lehrtafeln in Form von Rollbildern (Medizinthangkas). Sie wurden von Sangye Gyamtso, dem Gelehrten und Regenten von Tibet als ein weiser aber dennoch praktischer Kommentar zu dem alten Text zusammengestellt. 

Diese außergewöhnlichen Malereien dienten als eine Art bebilderte Enzyklopädie. Beide - Text und Malereien - werden noch heute von tibetischen Ärzten bei ihrer Arbeit verwendet. Drei Sätze dieser Rollbilder sind erhalten geblieben.

Zur Zeit des 13. Dalai Lamas entstanden in Tibet um das Jahr 1920 Kopien zur Ausbildung der Ärzte in Buryiati in Transbaikalia. Sie sind exakte Kopien der Original-Thangkas, die zwischen 1687 und 1703 gemalt wurden. Dieser Satz von 77 Rollbildern, von denen nur eins fehlt, wurde erst kürzlich am nördlichsten Punkt der früheren Verbreitung der tibetischen Zivilisation in Südsibirien wiederentdeckt. Die Malereien wurden während der Zeit der stalinistischen Diktatur aus der klösterlichen Medizinhochschule in Astagat geraubt. Auf ihre Rückseiten stempelte man später den Aufdruck "Atheismus-Museum". Trotzdem wurden die Bilder vorsichtig konserviert und über 60 Jahre lang behütet. So war es ein großer Glücksfall, daß dieser Schatz bis heute erhalten blieb.

Zwei weitere Sätze sind bekannt, die im chinesisch besetzten Tibet die Zerstörungen der Kulturrevolution überlebt haben. Die Malereien entsprechen im Stil der damaligen Thangka-Malerei, d.h. feine Strichzeichnungen mit kolorierten Hintergründen, kaum dreidimensionale Darstellungen. Der entscheidende Unterschied zu den rein religiösen Thangkamotiven ist aber darin zu sehen, daß die Illustrationen vielfältigste Details des tibetischen Alltags im 17. Jahrhunderts wiedergeben und somit auch für den Nichttibetologen interessante Einblicke in das damalige Leben offenbaren. Gleichzeitig reihen sich viele der 77 Rollbilder in die Reihe der "geschichtenerzählenden" Thangkas ein. Obwohl die Bilder überwiegend der ärztlichen Ausbildung dienten, war es den gelehrten Mönchsärzten auch mit Hilfe dieser Bilder möglich, den weitgehend schriftunkundigen Menschen ihrer Zeit die Inhalte des medizinischen Lehrtextes zu vermitteln.

Die Malereien zeigen auf der einen Seite verblüffende Detailkenntnisse der menschlichen Anatomie und der embryonalen Entwicklung, die man kaum den dortigen Ärzten des 17. Jahrhunderts zutraut. Auf der anderen Seite weisen empfohlene Therapien eher erwartete mittelalterliche Züge auf. So werden z.B. bei bestimmten Krankheiten der Genuß des Fleisches eines ein Jahr alten Schafskopfes oder sogar der Verzehr von Menschenfleisch (von im Kampf gefallenen Kriegern) empfohlen. Die Darstellungen zeigen ein umfangreiches Spektrum der damaligen Medizin: Anatomie, embryonale Entwicklung, Geburt und Tod, Diagnose, Krankheitssymptome und Prophylaxe, sehr ausführliche Darstellungen der in der Pharmakologie verwendeten tierischen, pflanzlichen und mineralogischen Elemente. Ärzte werden bei Untersuchung und Behandlung gezeigt. Auch die dabei verwendeten medizinischen Instrumente werden abgebildet und erklärt. Sogar ein präziser Verhaltenskodex, für den Arzt bei der Ausführung seines Berufes ist enthalten. Obwohl die traditionelle tibetische Medizin in einem sehr engen Zusammenhang mit dem tibetischen Buddhismus steht, kommen religiöse Aspekte vergleichsweise selten auf den 77 Rollbildern vor.

 

Übersicht über alle 77 Medizinthangkas

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