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1000 Jahre tibetische Pharmakologie auf Rollbildern  

Auch die tibetische Pharmakologie hat eine über 1.000 Jahre alte Tradition. Die meisten Werke über Herkunft, Zusammensetzung und Wirkung der Heilstoffe, sind bisher nicht in eine westliche Sprache übersetzt worden. Außerdem gingen in der Zeit der chinesischen Kulturrevolution zahlreiche Quellen durch den damaligen Vandalismus der Roten Garden unwiederbringlich verloren. 

Gerade die Geistlichkeit war bevorzugtes Ziel der Roten Garden in der Kulturrevolution. Es gab in dieser Gruppe so gut wie keine Überlebenden in Tibet. Nur wem es gelang die  nach Nepal oder Indien zu fliehen, überlebte. Tibetische Wissenschaftler (zumeist hohe buddhistische Mönche) hatten die fatale Angewohnheit, ihr Wissen überwiegend nur mündlich weiterzugeben. Gab es ausnahmsweise doch einmal Aufzeichnungen, ließen sie dabei häufig die für das Verständnis eines Dritten unersetzlichen Trennpunkte zwischen den einzelnen Silbenzeichen in der tibetischen Sprache weg, so daß der Völkermord der chinesischen Besatzer in diesem Bereich zusätzlich zu unersetzlichen Verlusten im Kulturerbe der Tibeter führte.  

Bereits 1961 gründete der 14. Dalai Lama im nordindischen Exil in Dharamsala eine Medizinschule (Tibetan Medical Institute), die an die Traditionen ihrer großen Vorbilder im historischen Tibet anzuknüpfen versucht. Speziell in der Pharmakologie stößt dies aber auf große Schwierigkeiten, da ein beträchtlicher Teil der bereits im freien Tibet vor 1949 nur schwer erhältlichen Medizinkräuter heute kaum noch zu beschaffen sind. 

Der größte Teil der in der traditionellen tibetischen Medizin verwendeten Arzneistoffe ist pflanzlichen Ursprungs. Ein kleiner Teil aber auch tierischer und ein geringer mineralischer Herkunft. Darüber hinaus gibt es noch Arzneien, die keiner dieser drei Kategorien zugeordnet werden können. 

Beim Sammeln von Arzneipflanzen spielt der Boden, auf dem sie gedeihen, eine wesentliche Rolle. So müssen z.B. Arzneien gegen fieberhafte Erkrankungen von einem Nordhang gesammelt werden. Vom Südhang hätten die gleichen Pflanzen nicht die gewünschte Wirkung. Gewisse Substanzen müssen mindestens einen Tag lang in einem eisernen Gefäß aufbewahrt werden. Nachweisbare Auswirkung hat diese Lagerung zwar nicht, dennoch werden diese Regeln von den traditionellen tibetischen Ärzten streng befolgt. 

Unsere von der Analyse ausgehende Zusammensetzung von Arzneistoffen erscheint einem tibetischen Arzt unter diesen Umständen als ungenügend, da sie gerade die subtileren Elemente, die in der tibetische Pharmakologie oft am wichtigsten sind, nicht berücksichtigt. So wird z.B. bei dem häufig zum Zubereiten zusammengesetzter Heilmittel verwendeten dicken Zuckersirup genau unterschieden, ob dieser in der Sonne und dem im Schatten verdickte. 

Als tierische Substanzen werden pulverisierte Knochenteile und Geweihe, das Fleisch, das Blut, die Galle, das Fett, Hirn, die Haut verschiedener Tiere verwendet. Von Pflanzenteilen benutzt man Wurzeln, Äste, Stämme, Rinde, Blätter, Blüten und Früchte. 

Medikamenten werden nicht nur eingenommen, auch Einreibungen, medizinische Bäder, Klistiere, Inhalationen haben ihre Bedeutung. Eine ganz spezielle Methode stellen Beräucherungen dar, bei denen auf der Haut des Patienten spezielle Wirkstoffe in Form kleiner Kegel verbrannt werden. 

Einer tibetischen Rezeptur gelang es in der westlichen Pharmakologie bisher erst in einem einzigen Fall als Pflanzenheilmittel Verwendung zu finden. Es handelt sich um das in der Schweiz hergestellte Präparat "Padma 28". Das Problem der nicht zugänglichen Pflanzen des Hochhimalaya wurde hier dadurch gelöst, in dem man sie durch Pflanzen der gleichen Gattung anderer Regionen ersetzte. Eingesetzt wird Padma 28 mit überraschenden Erfolgen u.a. bei Raucherbein als Folge einer Arteriosklerose, chronischer Bronchitis bei Kindern und chronischer Hepatitis. Padma 28 besteht aus 21 Kräutern, z.B. Spitzwegerich, Teufelswurz und persischer Flieder. 

Von den zukünftigen Forschungsergebnissen des Tibetan Medical Institute in Dharamsala wird es u.a. abhängen, ob weitere Präparate der traditionelle tibetischen Pharmakologie in der westlichen Welt übertragen werden können. Es gibt auch Bestrebungen in China das steigende Interesse an der tibetischen Medizin durch den Export der seltenen Himalayawildkräuter zu kommerzialisieren. Es bleibt nur zu hoffen, daß diese Pläne nicht realisiert werden, denn wer die chinesischen Abholzungen von über 90 % der Waldflächen Tibets kennt, kann sich leicht ausrechnen, daß die heute bereits seltenen Heilpflanzen dieses Gebirges in kürzester Zeit gänzlich ausgerottet sein werden. 

 
 
 
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