Tibetische Medizin Thangkas des Blue Beryll
Das Dharmapala Centre begann im Jahre 1992 erstmals mit der Anfertigung der ersten Medizin Thangkas auf Grundlage der Originalbilder des "Blue Beryl" aus dem 17. Jahrhundert. Nach fast vierjähriger Arbeit wurde 1997 erstmals ein  kompletten Satz aller 77 Tafeln für einen Auftraggeber in Japan fertiggestellt.

Sie können sich persönliche Medizinthangkas aus dem Blue Beryll im Dharmapala Centre anfertigen lassen. An einer Kopie in der Größe von 55 x 65 cm arbeiten die Künstler in Nepal 7 - 9 Monate. Der Preis für ein Bild liegt (je nach Größe und Art) zwischen 900 und  2.800 DM. Darin enthalten ist eine Spende in Höhe von 20 % für das Kinderhilfswerk "Kinderhilfe Nepal e.V." . Im Preis weiter inbegriffen sind umfassende Begleitinformationen, die detailliert über die Inhalte des Rollbildes informieren. Dazu gehören neben einer allgemeinen Erklärung eine Wiedergabe aller tibetischen Inschriften des Rollbildes in Originalschrift, in der dazugehörigen Transkription und in der deutschen Übersetzung.

Auf dem Altar der ehemaligen Kathedrale von Ulan Ude, der Hauptstadt der früheren sowjetischen Republik Buryiatskaya südlich des Baikal-Sees, liegt eine Truhe, die einen großen Schatz der tibetischen Kultur enthält: Die "77 Medizinthangkas des blauen Beryl". Es handelt sich hierbei um Rollbilder mit medizinischen Illustrationen. Diese textilen Lehrtafeln, dienten als Veranschaulichung eines medizinischen Textes ("Die vier Tantras"), der im 9. Jahrhundert auf Grundlage indischer und chinesischer Quellen entstanden ist. Als eine Art bebilderte Enzyklopädie werden diese Bilder noch heute in der traditionellen, tibetischen Ärzteausbildung verwendet.

Die Lehrtafeln von Ulan Ude entstanden in Tibet zur Zeit des dreizehnten Dalai Lamas (der Vorgänger des jetzigen vierzehnten) um das Jahr 1920. Sie waren für die Ausbildung der auf den Grundlagen der traditionellen tibetischen Medizin arbeiteten Ärzte in Buryiatskaya vorgesehen - weit vom Ursprungsland Tibet entfernt. Sie sind exakte Kopien der Original-Thangkas, die in den Jahren von 1687 bis 1703 entstanden. Die Malereien wurden während der Zeit der stalinistischen Diktatur aus der klösterlichen Medizinhochschule in Astagat geraubt. Auf ihre Rückseiten stempelte man später den Aufdruck "Atheismus-Museum". Trotzdem wurden die Bilder vorsichtig konserviert und über 60 Jahre lang behütet. So war es ein großer Glücksfall, daß dieser Schatz bis heute erhalten blieb.

Zwei weitere Sätze dieser Rollbilder sind erhalten geblieben, die im chinesisch besetzten Tibet die Zerstörungen der Kulturrevolution überlebt haben und sich nach wie vor in Lhasa befinden.

Medizinthangkas in Sibirien

Die Malereien entsprechen im Stil der damaligen religiösen Thangka-Malerei, d.h. feine Strichzeichnungen mit kolorierten Hintergründen, kaum dreidimensionale Darstellungen. Der entscheidende Unterschied zu den rein buddhistischen Thangkamotiven ist darin zu sehen, daß die Illustrationen vielfältigste Details des tibetischen Alltags im 17. Jahrhunderts wiedergeben und somit auch für den Nichttibetologen interessante Einblicke in das damalige Leben offenbaren. Im Vordergrund stehen aber natürlich die Humanmedizin und Pharmakologie der damaligen Zeit.

Die Darstellungen zeigen ein umfangreiches Spektrum der damaligen Medizin: Anatomie, embryonale Entwicklung, Geburt und Tod, Diagnose, Krankheitssymptome und Prophylaxe, sehr ausführliche Darstellungen der in der Pharmakologie verwendeten tierischen, pflanzlichen und mineralogischen Elemente. Ärzte werden bei Untersuchung und Behandlung gezeigt. Auch die dabei verwendeten medizinischen Instrumente werden abgebildet und erklärt. Sogar ein präziser Verhaltenskodex, für den Arzt bei der Ausführung seines Berufes ist enthalten. Obwohl die traditionelle tibetische Medizin in einem sehr engen Zusammenhang mit dem tibetischen Buddhismus steht, kommen religiöse Aspekte vergleichsweise selten auf den 77 Rollbildern vor.

Die Illustrationen weisen auf der einen Seite auf verblüffende Detailkenntnisse der menschlichen Anatomie und auch der embryonalen Entwicklung hin, die man kaum den dortigen Ärzten des 17. Jahrhunderts, geschweige denn den Autoren der vier Tantras im 9. Jahrhundert zutraut. Auf dem Rollbild über die Entwicklung des menschlichen Lebens im Mutterleib werden z.B. die verschiedenen Stadien des Embryos erstaunlich präzise dargestellt. Auf der anderen Seite weisen empfohlene Therapien aber auch die eher erwarteten mittelalterlichen Züge auf. So werden z.B. bei bestimmten Krankheiten der Genuß des Fleisches eines Schafskopfes, der ein Jahr begraben gewesen war oder sogar der Verzehr von Menschenfleisch (von im Kampf gefallenen Kriegern) empfohlen.


Dieser Text wurde auf Grundlage des Buches "Klassische Tibetische Medizin"  von Yuri Parfinovitch,
Gyurme Dorje und Fernand Meyer (deutsche Ausgabe erschienen im Verlag Paul Haupt, Bern) erstellt.


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