Was sind Thangkas?
von Martin Brauen
Einleitung
Kategorien
Verwendung
Herstellung
Einfassen, Inschriften, Weihung und Stile
Künstler
Weihezeremonie
Stile

Einleitung

Allen tibetischen Rollbildern [Thangka] ist eigen, dass sie dem Gläubigen Hilfsmittel sind auf seinem Weg zur Befreiung von Übel und Leiden, die ihn bedrängen. Thangkas werden deshalb auch "mthong grol", Befreiung durch Sehen genannt.

Kategorien

Von ihrer konkreten Anwendung her können die meisten Rollbilder in mehrere Kategorien eingeteilt werden: Beispielsweise:
Bilder mit erzählendem Inhalt. Bilder, die an eine religiöse Person erinnern
Schutzbilder
Bilder, hergestellt zum Anreichern von Verdienst
Meditationsbilder

Nicht immer ist es jedoch möglich, ein Bild eindeutig einer Gruppe zuzuordnen. So fällt es bei vielen in Kulträumen hängenden Bildern schwer, sie aufgrund ihrer Verwendung einer der genannten Kategorien einzuordnen, da sie scheinbar nicht zu einem bestimmten Zweck gebraucht werden, sondern 'unbenutzt' an Pfeilern und Wänden hängen. Aus der Sicht des westlichen Betrachters dienen solche Bilder nur dazu, den Kultraum zu schmücken, für den gläubigen Tibeter sind sie jedoch mehr als Schmuck. Sie werden, wenn auch nicht bewusst einzeln wahrgenommen und im Kult verwendet, in ihrer Gesamtheit als sakral angesehen und verehrt. Denn sie gelten alle dank ihrer Weihung als 'Behältnisse' der darauf abgebildeten Gottheiten und Heiligen.

Verwendung

Die Art der Verwendung eines Rollbildes ist sehr stark abhängig von der inneren Einstellung und der Schulung des einzelnen Betrachters. Ein in die Geheimnisse der tibetisch buddhistischen Lehre Eingeweihter sieht ein Rollbild und dessen Zweck anders als ein gewöhnlicher Mönch, und dieser wiederum hat den Rollbildern gegenüber eine andere Einstellung als ein gläubiger Laie, der sich nicht in meditativen Übungen auskennt. Für ihn stehen die hingebende Verehrung und die Bitte um Schutzgewährung im Vordergrund.

Herstellung

Vor Inangriffnahme der Arbeit sollte sich ein Künstler [meistens ein Laie] auf seine anspruchsvolle Tätigkeit vorbereiten, indem er sich reinigt und gedanklich mit dem Inhalt des zu erschaffenden Bildes auseinandersetzt. Das Zeichnen und Malen selbst gelten als religiöse Handlung, während der auf die Befolgung der sechs buddhistische Haupttugenden geachtet werden sollte.

 

Als Malgrund für die tibetischen Rollbilder [Thangka] dient in der Regel ein Baumwollstoff. Dieser wird auf der Vorderseite, meistens aber auch hinten mit einer dünnen Schicht aus tierischem Leim, und nach Trocknen derselben mit einer Masse aus Kalk und Tierleim gleichmäßig bestrichen. Danach wird die Oberfläche geglättet und der Maler spannt den Stoff in einen Rahmen.

 

Es bestehen mehrere Methoden, die Umrisse der abzubildenden Szenen, die exakt ikonometrischen Vorschriften entsprechen müssen, auf den vorbereiteten Stoffgrund zu übertragen:

 
Die einzelnen Figuren werden in eine Art Koordinatennetz eingezeichnet, dessen Masse genau vorgeschrieben sind.
Der Zeichner verwendet eine Papierschablone, eine komplette Umrisszeichnung des herzustellenden Bildes.
Die Umrisslinien können auch mit Hilfe eines Druckstocks direkt auf den Stoff gedruckt werden, eine Methode, die besonders bei Bildern mit einem Seidengrund angewandt wird.
 

Das Auftragen der Farben erfolgt in mehreren Schritten, oftmals durch verschiedene Künstler: Zuerst werden die große Flächen des Hintergrundes ausgemalt Farbe um Farbe, zuerst die hellen, dann die dunkeln Farben, dann werden die Figuren und kleinere Details wie Schmuck, Ornamente auf Kleidern und schließlich durch den Meister die Gesichter der Nebenfiguren und der Hauptfigur gemalt, wobei die Augen stets zuletzt drankommen. In Tibet verwendeten die Maler Farben aus Mineralien und Pflanzenpulver, das mit Kalk und tierischem Leim als Binder vermischt wurde.

Einfassen, Inschriften, Weihung und Stile

Bevor ein tibetisches Rollbild in Gebrauch genommen wird, muss es korrekt gerahmt und geweiht werden. Der Rahmen besteht in der Regel aus einem Brokatstoff. Meistens liegen zwischen dem Hauptrahmen und dem Bild ein bis zwei schmale Brokatstreifen und häufig ist im untern, breiten Teil des Rahmens ein rechteckiger, besonders schön gewirkter Brokatstoff eingelassen. Darauf abgebildete Motive sind beispielsweise ein Drachen, Wasser, ein Phönix. Zum Schutz des Bildes vor Schmutz, bei Bildern mit geheimem Inhalt aber auch zum Schutz vor uneingeweihten Blicken, kann ein Thangka mit einem dünnen Stoff zugedeckt werden.

Künstler

Den Namen der Person zu kennen, welche ein bestimmtes Kunstwerk schuf, interessiert die Tibeter nicht. Abgesehen von einigen Fresken werden Kunstwerke deshalb nie signiert oder datiert. Von Bedeutung ist das Produkt, nicht der Hersteller. Dies wohl in erster Linie weil ein Künstler nichts Neues kreiert, weil er nicht seinen eigenen Gefühlen Ausdruck verleiht, sondern genaue ikonometrische und ikonographische Vorschriften befolgt.

Weihezeremonie

Kultisch verwendbar ist ein Rollbild erst nach einer langen und komplizierten Weihezeremonie, die in ihren Grundzügen auf altindische Praktiken zurückzuführen ist. Ohne diese Weihung ist das Kunstwerk unbelebt und ‘unbeseelt’. Nach entsprechenden Vorbereitungen wie Reinigung des rituellen Platzes und der Rezitation von heiligen Silben ruft der Priester die Gottheit an, die im betreffenden Bild ihren Sitz einnehmen soll, konzentriert sich auf sie, indem er sie sich in allen Einzelheiten vorstellt und sich schließlich selbst als diese Gottheit sieht und als das, was das eigentliche Wesen der Gottheit ausmacht, nämlich als unzerstörbare Lichtsubstanz. Die eigentliche ‘Belebung’ geschieht dadurch, dass der ausführende Priester mit einem ‘Diamantzepter’ Kopf, Nacken und Herzregion der abgebildeten Gottheit berührt, wobei auf der Rückseite des Thangka, auf der Höhe der entsprechenden Körperstelle, die Silben OM, AH und HUM geschrieben werden.

 

Von nun an gilt das Rollbild als von der Gottheit belebt, als heilig, als Symbol und Sitz des höchsten Prinzips. Schließlich folgt eine religiöse Waschung [Initiation] der Gottheit mittels rituellen Wassers und eines Spiegels, eine Vertreibung böswilliger, behindernder Geister und eine Beseitigung aller Verunreinigungen, die möglicherweise noch an den Kult Ausführenden und am Bild haften mögen. Stark zusammenfassend kann die Weihung als eine Übertragung der göttlichen ‘Essenz’ von der [in Gedanken kreierten] Gottheit auf den Meditierenden und von diesem auf das Bild gesehen werden.

Stile

Weil tibetische Kunstwerke nach genauen Regeln und deshalb innerhalb einer bestimmten Schule über Jahrhunderte hinweg sehr ähnlich hergestellt wurden, ist die Bestimmung des Alters bei fast allen tibetischen Bildern und Statuen eine äußerst schwierige und unsichere Angelegenheit. Dies nicht zuletzt, da die für eine genaue Datierung notwendige Grundlagenforschung noch in ihren Anfängen steckt.

 

Obschon das Malen nach sehr alten, strengen Regeln erfolgt und die einzelnen Künstler kaum frei improvisieren dürfen, haben sich mit der Zeit dennoch verschiedene Stile herausgebildet. So unterscheidet man stark vereinfacht eine von Nepal beeinflusste südliche, eine zentraltibetische und eine osttibetische Malschule.


*] Martin Brauen ist Leiter der Abteilung Tibet/Himalaya und Ferner Osten am Völkerkundemuseum Zürich. Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung des Autors
Literaturhinweise
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